Künstliche Intelligenz

Chance oder Problem? KI an Hessens Schulen

Lernen mit künstlicher Intelligenz ist an Hessens Schulen ein großes Thema. Wo hilft KI Schülern im Unterricht? Wo gibt es Probleme? Und wer ist eigentlich «telli»?

Zwei Berufsschüler an der Karl Kübel Schule in Bensheim überprüfen mit Hilfe von KI einen Programmcode. Foto: Michael Brandt/dpa
Zwei Berufsschüler an der Karl Kübel Schule in Bensheim überprüfen mit Hilfe von KI einen Programmcode.

Bensheim (dpa/lhe) - Lehrer Navin Dass steht vor einer Berufsschulklasse der Karl Kübel Schule im südhessischen Bensheim am Whiteboard. Es geht um die Frage, welche Struktur eine Datenbank für einen Online-Shop haben sollte. Bei seinem Unterricht mit den angehenden Industriekaufleuten wird der Mathematik- und Wirtschaftslehrer von «telli» unterstützt - einem Chatbot. 

Im Chat mit der Klasse gibt die Künstliche Intelligenz (KI) nicht gleich Lösungen heraus, sondern stellt Fragen, gibt Tipps und überprüft Programmcodes, um die Schülerinnen und Schüler beim Lernen anzuleiten. Die Klasse bekäme von «telli» unmittelbar eine Art Feedback, erklärt Dass. Der Austausch mit dem Chatbot sei eine sinnvolle Ergänzung zu Gruppenarbeiten. «Die Schüler müssen die Inhalte alleine verstehen.» 

Knapp zwei Drittel der Schulen nutzen «telli»

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Das Land Hessen stellt «telli» seit Oktober 2025 bereit, aktuell nutzen ihn laut Kultusministerium 64 Prozent der Schulen. Seit dem Start werde der Chatbot kontinuierlich weiterentwickelt und regelmäßig aktualisiert. Zu seinen wichtigsten Funktionen gehört den Angaben zufolge auch der Assistent im Schulalltag, der Lehrkräfte etwa beim Erstellen von Vokabellisten, beim Formulieren von Elternbriefen, beim Planen von Klassenfahrten unterstützt. 

Zwei Berufsschüler verfolgen die Erklärungen ihres Lehrers zum Einsatz eines KI-Chatbots. Foto: Michael Brandt/dpa
Zwei Berufsschüler verfolgen die Erklärungen ihres Lehrers zum Einsatz eines KI-Chatbots.

Wie gut lässt sich der KI-Chatbot im Unterricht nutzen?

«Super - das ist korrekt! Du zeigst Name, Preis und Lagerbestand aller Produkte an», schreibt «telli» zwei Berufsschülern, nachdem sie ihren Code für die Datenbank-Programmierung eingefügt haben. «Manchmal dauert es länger, bis die KI die nächste Aufgabe ausspuckt», sagt Schülerin Laetitia Schneider. Sie macht eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei einem Chemie- und Pharmakonzern. 

Ihr Mitschüler Joshua Kitsche hält den Bot für hilfreich, um den Umgang mit KI zu lernen. Während seiner Ausbildung in einem Sanitärgroßhandel arbeite er viel mit Künstlicher Intelligenz. Der Umstieg auf andere KI-Chatbots wie ChatGPT oder Gemini sei leicht, da «telli» recht ähnlich funktioniere. Andere Schüler bereiten sich auf Prüfungen vor, indem sie den Lernstoff vorher mit einem der weit verbreiteten KI-Chatbots per Sprachfunktion wiederholen.

Eine Berufsschülerin schaut auf einen Bildschirm mit dem Eingangsportal zum KI-Chatbot «telli». Foto: Michael Brandt/dpa
Eine Berufsschülerin schaut auf einen Bildschirm mit dem Eingangsportal zum KI-Chatbot «telli».

Ist KI ein Problem für Hausaufgaben und Prüfungen?

Schülerinnen und Schüler nutzen Chatbots jedoch nicht nur angeleitet im Unterricht. «Ich gehe mittlerweile davon aus, dass Aufsätze oder Präsentationen mit KI gemacht werden», sagt Lehrer Christian Lannert. Bemerkbar sei das etwa an den Satzstrukturen. Lannert unterrichtet Deutsch und Geschichte am beruflichen Gymnasium an der Karl Kübel Schule. Die Schüler nutzten KI intuitiv, aber unreflektiert, sagt der Pädagoge. «Es ist die Realität, dass Schüler fast täglich mit KI arbeiten. Das heißt, der Geist ist etwas aus der Flasche. Das trifft jetzt auf ein weniger bewegliches Schulsystem.» 

Lehrer Christian Lannert setzt in seinem Unterricht an der Karl Kübel Schule in Bensheim auch KI ein. Foto: Michael Brandt/dpa
Lehrer Christian Lannert setzt in seinem Unterricht an der Karl Kübel Schule in Bensheim auch KI ein.

Die Entwicklung von KI sei extrem dynamisch - Lehrpläne und gesetzliche Regelungen müssten stetig darauf angepasst werden, fordert Lannert. «Wir haben nur eingeschränkte Möglichkeiten, darauf zu reagieren.» Doch KI sei aus der Sicht des Deutschlehrers nicht nur ein Problem, sondern vergleichbar mit dem Aufkommen von Online-Lexika. «Die, die nur Wikipedia-Artikel kopiert haben, sind irgendwann hängengeblieben und der Rest hat gelernt, damit umzugehen», sagt Lannert. So ähnlich sei das mit KI: «Ich sehe das als einen wahnsinnig wichtigen Werkzeugkoffer und wir müssen lernen, den zu bedienen.»

Lehrer Navin Dass setzt in seinem Unterricht an der Karl Kübel Schule in Bensheim auch Künstliche Intelligenz (KI) ein. Foto: Michael Brandt/dpa
Lehrer Navin Dass setzt in seinem Unterricht an der Karl Kübel Schule in Bensheim auch Künstliche Intelligenz (KI) ein.

«Anderes Zeitalter der Täuschungsversuche»

«Es ist ein anderes Zeitalter der Täuschungsversuche», sagt Lehrer Dass. Facharbeiten, die 10 bis 15 Seiten lang sind, sieht der 31-jährige Pädagoge kritisch, weil schwer zu beurteilen sei, was dabei noch die Eigenleistung der Schüler sei. Hausaufgaben seien nur sinnvoll, wenn die Schüler sie vor der Klasse präsentieren müssen. «Spätestens dabei merkt man, wenn die Schüler schwimmen.» 

Bei Tests oder Klassenarbeiten müssten die Schüler das Wissen dagegen nach wie vor im Kopf haben. Trotzdem ist die Versuchung zu schummeln aus Sicht von Dass größer geworden, weil es mit KI-Chatbots einfacher geworden ist als zuvor per Suchmaschine. Handys und andere digitale Geräte müssten aber vor der Klausur abgegeben werden.