Dann wären's noch drei - welchen Wolf kann es noch treffen?
Warum wurden anderen sesshaften Wölfe im Südwesten bislang nicht geschossen – und warum macht einer von ihnen ganz besonderen Ärger? Ein Überblick über Hürden, Herdenschutz und Zahlen.
Stuttgart (dpa/lsw) - Auf der Hornisgrinde im Nordschwarzwald soll ein Wolf geschossen werden, weil er sich Menschen zu häufig genähert haben soll - eine Entscheidung, die Tierschützer, Behörden und Jäger entzweit. Im Fall des sogenannten Hornisgrinde-Wolfs liegt der Ball schon lange bei der Justiz. Der Verwaltungsgerichtshof will allerdings erst Mitte des Monats entscheiden, ob sein Abschuss weiter rechtens ist oder nicht.
Doch wie steht es um die anderen Wölfe im Land, die in ihren Regionen ebenfalls längst zu Stammgästen geworden sind? Müssen auch sie fürchten, offiziell zum Abschuss freigegeben zu werden?
Wie viele sesshafte Wölfe gibt es im Südwesten?
Abseits des Falls Hornisgrinde gelten drei Wölfe in Baden-Württemberg als sesshaft. Sesshaft heißt: Die Tiere halten sich dauerhaft in einem klar abgegrenzten Gebiet auf und ziehen nicht nur auf der Durchreise durchs Land.
Der Wolf mit der Kennung GW852m kam aus Niedersachsen und ist bereits seit dem Jahr 2018 vor allem im Enztal im Nordschwarzwald zu Hause. Er wird aber auch als «Murgtal-Wolf» bezeichnet, weil er wiederholt im Landkreis Rastatt und vor allem rund um Forbach aufgefallen ist.
Im Südschwarzwald, rund um den Schluchsee, lebt GW1129m, ebenfalls ein Wolf aus Niedersachsen. Der jüngste sesshafte Wolf im Südwesten trägt die Kennung GW4389m. Er kam aus Oberösterreich, siedelte sich im September 2024 im Ostbaar-Gebiet an der Grenze zum Kreis Tuttlingen an und gilt seit Mai 2025 als sesshaft.
Wie viele Wölfe sind insgesamt schon hier gewesen?
In den vergangenen rund zehn Jahren wurden laut Umweltministerium fast 30 Wölfe in Baden-Württemberg nachgewiesen. Die meisten von ihnen blieben jedoch nur vorübergehend, waren auf «Durchreise» oder starben, etwa bei Verkehrsunfällen. Sesshafte Rudel gibt es im Land derzeit nicht. Im Südschwarzwald gab es 2023 zwar eines mit einem Jungtier. Der Wolfs-Nachwuchs wurde aber später ebenso wie das Muttertier überfahren.
Sind die drei «Stammgäste» bislang besonders aufgefallen?
Zumindest der Wolf im Enz- und Murgtal gilt bei Schäfern und Viehaltern in seiner Region als sogenannter «Problemwolf». Regelmäßig reißt er Nutztiere, insbesondere im Bereich des Murgtals. Betroffen sind Ziegen, Schafe und auch Rinder. Nach Angaben des baden-württembergischen Umweltministeriums gehen mehr als 160 Risse auf diesen Wolf zurück.
Sein Artgenosse im Südschwarzwald soll für mehr als zwei Dutzend nachgewiesene Risse verantwortlich sein. Vom jüngsten sesshaften Wolf im Ostbaar-Gebiet sind bislang keine vergleichbaren Vorfälle bekannt. Auch eine auffällige Nähe zu Menschen wurde dort nicht festgestellt. Lieblingsspeise dieses Tieres: der Fuchs.
Warum wird der Enztal-Wolf nicht geschossen?
Ginge es nach Schäfern wie dem Donaueschinger Wolfgang Toth, hätte der Wolf GW852m schon längst geschossen werden müssen. Auch in der Politik wird dies lautstark gefordert. Sarah Schweizer, jagdpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, sagt: Wölfe, die so viele Nutztiere reißen, «brauchen nicht unseren Schutz. Sie müssen erlegt werden.»
Dennoch greifen die Behörden bislang nicht ein. Der Grund liegt im geltenden Recht: Der Wolf ist nach EU- und deutschem Recht weiterhin geschützt. Ein Abschuss ist nur in engen Ausnahmefällen möglich. Voraussetzung ist etwa, dass ein Wolf in kurzer Zeit mindestens zweimal den Herdenschutz überwindet. Erst dann gilt sein Verhalten als antrainiert und ein Eingreifen als rechtlich zulässig.
Beim Enztal- und beim Schluchsee-Wolf wurde diese Bedingung bislang jeweils nur einmal erfüllt – das ist zu wenig für einen Abschuss. Die anderen Beutetiere waren laut Umweltministerium entweder nicht eingezäunt oder die Wolfsschutzzäune waren nicht korrekt aufgestellt. «Die zwei tatsächlich "gültigen" Risse zeigen, wie wirksam konsequenter Herdenschutz sein kann», sagt Nabu-Artenschutz-Referentin Alexandra Ickes.
Wann gilt der Herdenschutz als überwunden?
Mit dem zweimaligen Überwinden ist gemeint, dass ein Wolf zweimal in zeitlichem Zusammenhang zueinander zuschlägt und dabei Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune oder Herdenschutzhunde überwindet – immer im selben Gebiet und innerhalb von drei Monaten.
Der Wolf muss dabei eindeutig als Täter identifiziert werden, etwa durch DNA-Nachweise. Zudem muss der Landwirt die Schutzmaßnahmen korrekt eingesetzt haben. Dazu zählen etwa Zäune mit mindestens 90 Zentimetern Höhe und ausreichend Strom.
Kommt dann sofort der Abschuss?
Nein. Zunächst kommen mildere Maßnahmen infrage, etwa Beratung der Tierhalter oder die sogenannte Vergrämung, etwa mit Gummigeschossen. Das gilt für Schafe wie für Rinder und richtet sich nach dem landesweiten Wolfsmanagementplan. Praktisch wäre ein Abschuss zudem schwierig: Ein Wolf kann bis zu 70 Kilometer pro Tag laufen und dabei weit über ein Dutzend Jagdreviere durchqueren.
Gibt es Kritik an den Vorgaben?
Ja. Die strengen Regeln sind seit Jahren Thema in der Bundespolitik und auf europäischer Ebene. Derzeit wird im Bundestag über einen Gesetzesentwurf der Bundesregierung diskutiert, der Problemwölfe in das Jagdrecht aufnehmen und damit ermöglichen soll, diese leichter zu töten. Die EU hatte den Schutzstatus des Wolfes im vergangenen Jahr von «streng geschützt» auf «geschützt» abgesenkt, was die Voraussetzung für Änderungen schuf. Schutzmaßnahmen wie Zäune und Herdenschutzhunde sollen aber weiterhin finanziell unterstützt werden.
Sind die drei sesshaften Wölfe derzeit direkt gefährdet?
Zumindest nicht durch rechtmäßige Abschüsse. Allerdings leben Wölfe generell gefährlich: Nach Angaben der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf wurden in Deutschland seit 1990 mehr als 1000 Tiere überfahren, mindestens 126 illegal erschossen und 108 auf natürliche Weise tot aufgefunden. Amtlich erschossen wurden bislang bundesweit 20 Tiere - jeweils auf Basis des Naturschutzrechts, ohne Jagdrecht. «Es ist davon auszugehen, dass es eine durchaus nennenswerte Dunkelziffer bei illegal erschossenen Wölfen gibt», sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete und Wolfsexperte Markus Rösler.