Auszeichnung

Kampf gegen Missbrauch: Kinderschutzpreis für Jan Hempel

Er hat ein «Schweigekartell» gebrochen - Ex-Turmspringer Jan Hempel hat sein jahrelanges Leid durch sexuellen Missbrauch nicht länger verheimlicht. Für seine Courage wird er nun geehrt.

Jan Hempel, früherer Weltklasse-Wasserspringer, bei einer Pause beim Fachgespräch zum Thema «Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR - Fokus Sport». Foto: Bernd Wüstneck/dpa
Jan Hempel, früherer Weltklasse-Wasserspringer, bei einer Pause beim Fachgespräch zum Thema «Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR - Fokus Sport».

Mannheim (dpa/lsw) - Ex-Turmspringer Jan Hempel hat den jahrelangen Missbrauch durch seinen Trainer öffentlich gemacht und damit eine Diskussion um sexualisierte Gewalt im organisierten Sport entfacht. Deshalb geht der Deutsche Kinderschutzpreis 2023 an den Dresdner, der bei Olympia 1996 Silber und 2000 Bronze vom Turm gewann. «Das ist wie eine olympische Medaille für mich und ein Meilenstein im Kampf gegen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Sport», sagte der 51-jährige Hempel anlässlich der Auszeichnung an diesem Dienstag in Mannheim.

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Die Deutsche Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel ehrt überdies den ARD-Journalisten Hans-Joachim Seppelt und sein Team für die Dokumentation «Missbraucht - Sexualisierte Gewalt im Schwimmsport». Darin hatte Hempel im vergangenen Sommer erstmals die Vorwürfe gegen seinen 2001 gestorbenen Trainer Werner Langer publik gemacht.

Hempel hatte berichtet, dass sein Trainer sich von 1982 bis 1996 an ihm vergangen habe. Er verlangte schärfere Verjährungsreglungen für sexuellen Missbrauch, weil Opfer zum Teil erst nach vielen Jahren realisierten, was ihnen angetan wurde. Bislang seien solche Taten in der Regel nach fünf bis zehn Jahren verjährt.

Hempels Trainer hatte dem Jungen den Aussagen zufolge weisgemacht, dass Sex und Sport zusammengehören. Dessen Suizid im Jahr 2001 habe ihm geholfen, das Kapitel zu schließen, so Hempel.

Eltern von Kindern in Sportvereinen sollten Berichte über sexuelle Übergriffe ernstnehmen und sich sofort an die Polizei wenden. Angst, Autoaggression, Alpträume oder Schlafstörungen könnten Hinweise auf Straftaten sein, sagte der zweifache Vater, dessen Ehefrau ein weiteres Kind aus erster Ehe mitbrachte.

Der vergangenes Jahr erstmals verliehene Deutsche Kinderschutzpreis ehrt Menschen, Initiativen und Projekte, die sich durch besondere Leidenschaft, Kreativität und Professionalität im Kinderschutz auszeichnen. Die undotierte Würdigung soll in unregelmäßigen Abständen vergeben werden und ein Signal an Politik, Gesellschaft und Medien senden, dass Kinderschutz und die verfassungsmäßig garantierten Kinderrechte in Deutschland höchste Priorität haben. Kriterien für die Bewertung durch eine Jury mit Vertretern von Partnerorganisationen wie Innocence in Danger sind Leidenschaft, Innovation, Recherche, Nachhaltigkeit sowie mediale Wirkung.

Aus Sicht der Jury macht die ARD-Berichterstattung den Themenkomplex sexualisierte Gewalt im Sport sichtbar. «Mit der Dokumentation gelingt auf beeindruckende Weise - was aufgrund des hochemotionalen Themas und der dahinterstehenden Brisanz als fast unmöglich scheint - eine hohe Sachlichkeit», hieß es zur Begründung der Preisträger-Wahl.

Im vergangenen Jahr wurde das Angebot Krisenchat.de eines gemeinnützigen Unternehmens mit dem Kinderschutzpreis ausgezeichnet. Seit Mai 2020 haben sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Problemen in 80.000 Gesprächen rund um die Uhr online beraten lassen.

Die Kinderschutzstiftung setzt sich nach eigenen Angaben seit 1997 mit mehr als 520 Projekten für eine bessere Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ein. Sie erreiche jedes Jahr Zehntausende Kinder und Jugendliche, zahlreiche Schulen, Kindergärten, Eltern und Fachleute.

Hempel macht die strengen Hierarchien im DDR-Leistungssport mitverantwortlich für die folgenschweren Übergriffe. Weder Mitsprache noch Anlaufstellen habe es für Athleten gegeben. «Für den Erfolg haben wir alles hinnehmen müssen», sagte der vierfache Europameister. Auf eine Entschuldigung für das erlittene Leid warte er bis heute.

Der als Bademeister im Raum Dresden tätige Ex-Spitzensportler verlangt vom Deutschen Schwimm-Verband (DSV) Schmerzensgeld und Schadenersatz in siebenstelliger Höhe.