DHB-Kapitän Golla: «Ich habe von vorn angefangen»
Johannes Golla ist der Top-Transfer der MT Melsungen. Der Kapitän der Handball-Nationalmannschaft sieht sich bei den Nordhessen vor bisher ungekannte Herausforderungen gestellt.
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Johannes Golla ist in den vergangenen acht Jahren in Flensburg zu einem der weltbesten Kreisläufer gereift. Im Sommer zog es den gebürtigen Rüdesheimer zurück zu seinem Ausbildungsverein MT Melsungen. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der 28 Jahre alte Kapitän der Handball-Nationalmannschaft über seine Ziele sowie sportliche und private Herausforderungen, die der Wechsel mit sich bringt.
Frage: Sind Sie gut in Nordhessen angekommen?
Antwort: Ich bin sehr gut aufgenommen worden, fühle mich in der Mannschaft und im Verein wohl. Wir genießen die Nähe der Verwandtschaft, haben öfter Besuch von den Großeltern und anderen Familienmitgliedern. Das ist der Pluspunkt hier. Aber natürlich fehlen uns unsere Freunde aus Flensburg. Das, was wir in Flensburg hatten, werden wir nicht in unserer Heimat haben und andersherum.
Frage: Ist es eine große Umstellung für die Familie?
Antwort: Ja, natürlich. Wir waren acht Jahre in Flensburg. Unsere Kinder sind dort geboren, haben dort ihr ganzes Umfeld. Aus diesem Grund braucht es noch ein bisschen. Aktuell machen wir im Kindergarten die Eingewöhnung. Es sind aufregende Zeiten. Vor allem für meine Familie, die bei null anfängt, ist es ein großer Einschnitt. Ich hingegen komme aufgrund der Arbeit in eine Mannschaft und habe soziale Kontakte.
Frage: Was war der Grund, dass Sie sich vor über einem Jahr für den Wechsel nach Melsungen entschieden haben?
Antwort: Das Familiäre stand im Vordergrund, da die Kinder noch sehr klein waren. Ich war aufgrund meiner Arbeit viel weg und daher haben wir uns gesagt, dass wir Unterstützung von unseren Eltern brauchen und auch deren Nähe haben möchten. Es war eine bewusste familiäre Entscheidung. Zudem war zu sehen, dass sich die MT Melsungen sportlich in eine gute Richtung entwickelt und hier auch viel möglich ist.
Frage: Wie sehen Sie den aktuellen sportlichen Stand bei der MT Melsungen?
Antwort: Was uns möglich war, haben wir bisher gut gemacht und sind auch schon weitergekommen. Leider haben wir aktuell noch verletzte Spieler. Wir sind noch nicht da, wo wir im idealen Fall sein könnten.
Frage: Was sind Ihre persönlichen Ziele?
Antwort: Ich möchte schnell ankommen, schnell den neuen Handball verinnerlichen, der hier gespielt wird. Es ist ein ganz neuer Ansatz, den ich noch nicht kannte. Ich hoffe, dass ich meinen Teil in der Gruppe einbringen kann und wir eine erfolgreiche Saison absolvieren, die ja doch für den Verein auch eine Besonderheit mit sich bringt.
Frage: Sie spielen auf die Champions League an, für die sich Melsungen erstmals qualifiziert hat. Was erwarten Sie und was erhoffen Sie sich?
Antwort: Man merkt, dass die Qualifikation recht kurzfristig war und die eine oder andere organisatorische Herausforderung mit sich bringt. Ich habe aber das Gefühl, dass der Verein dafür bereit ist. Als Mannschaft sehe ich uns sportlich mit genug Qualität, um in der Königsklasse mitspielen zu können. Es ist sicherlich etwas Großes, der beste Wettbewerb, den man auf Vereinsebene spielen kann. Aus meiner Erfahrung ist die Champions League aber nicht viel stärker als die Bundesliga. Wenn man in der Bundesliga eine gute Rolle spielt, kann man auch in der Champions League Spiele gewinnen. Daher mache ich mir keine großen Sorgen.
Frage: Wie lautet denn Ihre Zielsetzung in der Bundesliga?
Antwort: Magdeburg ist alleine ganz oben anzusiedeln. Die Mannschaften, die dahinterkommen, sind auf einem ähnlichen Niveau. Berlin, Flensburg werden oben dabei sein, Kiel kann eine gute Rolle spielen, wie auch Gummersbach. Wir als Melsungen wollen uns auch in diesen Sphären bewegen, wenngleich wir auch wissen, wie herausfordernd es ist.
Frage: Welche Erwartungen hat der Verein an Sie?
Antwort: Sie erwarten, dass ich alles annehme, was vorgegeben wird. Der Anspruch an mich ist sicherlich, dass ich auch sportlich vorangehe. Mit meiner Erfahrung und meinen Erlebnissen kann ich eine Führungsrolle einnehmen und möchte das auch.
Frage: Was ist in Melsungen anders als in Flensburg?
Antwort: Das spanische System unterscheidet sich sehr vom skandinavisch geprägten, was ich vorher in Flensburg gespielt habe. Es sind viele Details, die ich reinbekommen muss und auch das Spiel an sich ist sehr variantenreich. Das braucht Zeit und Wiederholungen, um es aufzunehmen und einzuspielen. Ich hatte lange nicht mehr so eine Herausforderung, was den Kopf angeht. Ich habe mit allem Wissen von vorn angefangen, genieße es aber und weiß es auch zu schätzen. Denn das bringt mich als Spieler weiter. Mein Horizont und meine Qualität wird auf jeden Fall erweitert. Ich merke hier eine enorme Qualität, was das Coaching und die Detailversessenheit des Trainers angeht.
Frage: Der Saisonstart mit dem Duell bei den Füchsen Berlin hat es gleich in sich.
Antwort: Der Saisonstart ist für alle Mannschaften etwas Besonderes. Keiner weiß so richtig, wo er steht. Es kommt immer auch eine Portion Nervosität und Aufregung dazu. Wir haben eine hammerharte Aufgabe, in Berlin zu starten. Es ist aber auch eine Chance für uns, weil Berlin auch das erste Saisonspiel hat. Wir fahren nicht hin, um zu schauen, was passiert. Wir nehmen uns vor, was dagegenzusetzen und Punkte zu holen.
Frage: Im Januar steht die Heim-WM an. Wie nehmen Sie das Event im Vorfeld wahr und kreisen Ihre Gedanken schon darum?
Antwort: Was den Handball angeht, ist es das Größte, was es in den letzten Jahren gab. Alle fiebern daraufhin. Dazu die Geschichte, vor 20 Jahren Heim-WM, da ist es ziemlich aufgeladen. Man merkt, dass viel Fokus darauf liegt. Das ist bei anderen Großereignissen zu diesem Zeitpunkt nicht gewesen. Man merkt, dass irgendwo am Horizont etwas Besonderes wartet. Im Alltag spielt es aber, zumindest bei mir, keine große Rolle, da vorher noch so viel anderes passiert. Ich habe es im Hinterkopf und freue mich auch darauf, aber nicht so, dass ich aufwache und die Tage zähle.