«Dü-di-de-dü»: Das sind die Erfinder des «Euro-Mir»-Songs
«Legendär», «Kult», «Hymne des Dreiländerecks»: So beschreiben Fans den Soundtrack einer Achterbahn. Bald soll die Attraktion ersetzt werden - verstummt damit auch der Song mit Ohrwurm-Garantie?
Freiburg (dpa/lsw) - Millionen Menschen haben ihren Trance-Song schon gehört. Die wenigsten im Radio – die meisten beim Achterbahnfahren. Der Soundtrack der Attraktion «Euro-Mir» ist ein echter Ohrwurm mit typischem Dance-Sound der 90er-Jahre. Seit fast 30 Jahren wummert er in Dauerschleife in der Achterbahn, zuletzt ging er in sozialen Medien viral. Aber Zehntausende Fans machen sich Sorgen: Könnte mit dem geplanten Neubau der Achterbahn auch der legendäre Song verschwinden?
Komponiert haben ihn zwei Männer, die mit Musik im Grunde fast nichts mehr am Hut haben. Die Freiburger Benjamin Klug (52) und Christian Steiger (52) arbeiten heute in der Softwarebranche. 1997 erschufen sie den Titel, der sich über Generationen in Millionen Köpfen europaweit festgesetzt hat: «Dü-di-de-dü» - so kann man das musikalische Motiv am ehesten in Worte fassen. «Ein Pizzicato-Sample, das so ein bisschen klingt wie eine angezupfte Geige», sagt Komponist Klug.
Synthesizer-Sounds in Endlosschleife
«Wir haben, so erinnere ich mich, gar nicht so Lust gehabt, den Track zu komponieren, weil wir unser eigenes Zeugs machen wollten», sagt Steiger. Als sie beauftragt wurden, für eine neue Hochgeschwindigkeits-Achterbahn im Europa-Park den passenden Soundtrack zu arrangieren, jobbten beide gerade in einem Tonstudio in einem Vorort von Freiburg. Vorgabe: Die Musik muss in einer Endlosschleife funktionieren.
Die beiden fahren unzählige Male mit dem sogenannten Spinning Coaster und überlegen sich, welche Synthesizer-Sounds und Beats zur Weltraum-Thematisierung am besten passen. Immer wieder steigen sie in die Züge, deren einzelnen Gondeln sich während der Fahrt drehen. Gleich zu Beginn winden sich die Schienen innerhalb eines von außen verspiegelten Turms um den Nachbau einer Rakete nach oben und lenken die Züge auf 28 Meter Höhe. Das dauert einige Minuten, in denen die Fahrgäste beschallt werden sollen.
Erfolgsrezept: «maximal einfache Tonfolgen»
Die Männer, Anfang 20, produzierten damals ohnehin hobbymäßig Musik. Klug brachte das musikalische Know-how und Wissen aus der Tontechnik mit, Steiger war in der Freiburger Clubszene aktiv und wusste, welche Sounds die Leute zum Tanzen brachten. Maximal einen halben Tag hat es gedauert, das Motiv, die Hook des Songs «Dü-di-de-dü» zu finden. «Das sind letztendlich maximal einfache Tonfolgen», beschreibt Klug, «aber das macht es natürlich so eingängig.»
Zwei Monate tüftelt das Duo an dem Song, verfeinert ihn mit verschiedenen Synthesizer-Sounds, Echoeffekten – und mit der verfremdeten Stimme eines Russen. Denn die Achterbahn wurde im russischen Themenbereich des Parks gebaut, direkt neben ein originales Trainingsmodul der Raumstation Mir (russisch für «Frieden» oder «Welt»). Damals war das deutsche Verhältnis zu Russland ein gänzlich anderes - Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und den russischen Präsidenten Boris Jelzin etwa verband Ende der 90er-Jahre eine Männerfreundschaft.
Die russischen Worte in dem Song, stark bearbeitet und viel tiefer als im Original, sprach damals ein russischstämmiger Mitarbeiter des Freizeitparks ein. «Er sagt, die russische Raumstation befinde sich jetzt elf Jahre im Weltraum», übersetzt Steiger sinngemäß. Zudem einige pathetische Sätze zur Erforschung des Weltalls und der Zukunft, mitsamt Countdown – typisch Raketenstart eben.
Fast 30 Jahre nach Eröffnung der Achterbahn werden die bunten Züge in diesem Jahr die letzten Runden drehen. Der Europa-Park hat unlängst angekündigt, die Bahn zu ersetzen. Das russische Weltraumthema hat dann ausgedient.
So äußert sich der Park zur Zukunft des Songs
Der Park arbeitet nach eigenen Angaben an einer Kooperation mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Der Weltraum bleibt also in Rust, die Leute lieben die Thematisierung. Bleibt auch der Song, oder wenigstens der «Dü-di-de-dü»-Sound?
«Hierzu können wir derzeit noch nichts sagen», teilt eine Sprecherin des Parks knapp mit und ergänzt: «Wir wissen aber, dass der Song einen Kultstatus weit über den Europa-Park hinaus hat und freuen uns darüber».
«Für Millionen ein Stück Kindheit»
Christian Steiger schätzt, dass über die Jahre der Song 40 bis 50 Millionen Mal über die bekannten Streamingplattformen wie Spotify oder Apple Music abgespielt worden ist. Dazu kommen bei TikTok oder Instagram Millionen Video-Aufrufe, in denen Ausschnitte des Lieds verwendet werden.
Steiger selbst postete kürzlich ein Reel bei Instagram mit den Worten «Du hast vor 30 Jahren einfach einen Track komponiert … und plötzlich ist er für Millionen ein Stück Kindheit» – natürlich mit einigen Sekunden seines Songs. Der Clip brachte es zuletzt auf rund drei Millionen Aufrufe und ging viral.
Das gilt auch für zahlreiche weitere Videos bei TikTok und Instagram. Eine Schweizerin machte aus einem Video eine Art Petition und forderte den Park auf, «die Musik der Euro-Mir zu lassen», «ein Like = eine Unterschrift». Rund 75.000 Herzchen sammelte sie bei Instagram, gut zwei Millionen Aufrufe zählte das Video.
Hoffnung für Fans gibt anderer Achterbahn-Umbau
Schon im Jahr 2018 gestaltete der Park eine Weltraum-Achterbahn mit Kultstatus um. Die Dunkelachterbahn «Eurosat», 1989 in der silbernen Kugel eröffnet, begleitete ebenfalls ein Techno-Soundtrack mit typischem 90-Jahre Synthesizer-Sound. Schon damals verlangten viele Fans, den Song «In a second orbit» beizubehalten. Ihr Wunsch wurde gehört - zumindest teilweise. Im Soundtrack der umgebauten Bahn «Eurosat – CanCan Coaster» findet sich zumindest das prägnante Motiv wieder.
Würden die beiden Männer eine neue Version des «Euro-Mir»-Songs produzieren? «Lust hätte ich schon», sagt Benjamin Klug, «aber es müsste natürlich wieder in dieser Konstellation sein». Auch Christian Steiger sagt: «Lust habe ich.» Aber: «Nur weil man Lust hat, heißt ja nicht, dass es dann geil wird». Das Erbe des Songs sei ganz schön groß. «Das Ding muss ja dann schon richtig gut werden», findet Steiger. Zeit hätte das Duo noch. Der Park plant, die umgebaute Achterbahn 2028 zu eröffnen.