Ermittlungen

Ex-RAF-Terroristin Klette soll in Frankfurt vor Gericht

Sprengstoff im Gefängnis, Schüsse auf die US-Botschaft und Schaden in Millionenhöhe: Was der ehemaligen RAF-Terroristin Daniela Klette vorgeworfen wird – und wie es nun weitergeht.

Das neugebaute Gebäude wurde stark zerstört. (Archivbild) Foto: picture alliance / dpa
Das neugebaute Gebäude wurde stark zerstört. (Archivbild)

Karlsruhe/Frankfurt (dpa) - Es war eine Tat, die im wahrsten Sinne des Wortes für Erschütterung sorgte: 1993 explodierte im frisch gebauten und noch nicht eröffneten Gefängnis im südhessischen Weiterstadt eine gewaltige Menge Sprengstoff. Auf den Tag genau 33 Jahre später klagt die Bundesanwaltschaft wegen dieses Anschlags und weiterer Taten die ehemalige RAF-Terroristin Daniela Klette an. Verhandelt wird vor dem Oberlandesgericht Frankfurt, sofern die Anklage zugelassen wird.

Die Ermittler werfen der 67-Jährigen zweifachen versuchten Mord, die Beteiligung an versuchten und vollendeten Sprengstoffanschlägen, erpresserischen Menschenraub sowie besonders schweren Raub in Mittäterschaft vor. Zuerst hatten «Süddeutsche Zeitung», NDR und WDR über die Anklage berichtet. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main muss nun entscheiden, ob und wann es zum Prozess kommt.

In der Anklage der Bundesanwaltschaft geht es um Verbrechen, die Klette während ihrer Zeit bei der Roten Armee Fraktion begangen haben soll. Sie gehörte der sogenannten dritten Generation der RAF an. Ihre Mitgliedschaft in der linksterroristischen Vereinigung selbst ist mittlerweile verjährt. Die Karlsruher Behörde legt Klette aber unter anderem die Mittäterschaft bei drei RAF-Anschlägen zwischen 1990 und 1993 zur Last. Um diese Taten geht es:

Newsletter

Holen Sie sich den WNOZ-Newsletter und verpassen Sie keine Nachrichten aus Ihrer Region und aller Welt.

Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

Anschlag auf Gefängnis in Südhessen

Das neue, noch leere Gefängnis in Weiterstadt galt damals als Deutschlands modernste Haftanstalt. Vier Tage vor Beginn des geplanten Probebetriebs wurde es in der Nacht auf den 27. März 1993 praktisch in Schutt und Asche gelegt. Die Täter, die ihr Verbrechen «Kommando Katharina Hammerschmidt» nannten, kletterten über die Gefängnismauer, überwältigten Wachleute mit einer Maschinenpistole und brachten sie gefesselt mit JVA-Bediensteten in einem VW-Transporter vom Gelände. 

Dann zündeten die RAF-Terroristen rund 200 Kilogramm Sprengstoff, die insgesamt fünf Sprengsätze sollen unter anderem von Klette angebracht worden sein. Auch Klettes spätere mutmaßliche Komplizen Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg sollen dabei gewesen sein. «Gegen immer mehr Menschen, Knast, Knast, Knast», hieß es in dem RAF-Bekennerschreiben.

Die Ermittler gingen zwischenzeitlich davon aus, dass der drei Monate nach dem Weiterstädter Anschlag in Bad Kleinen erschossene Wolfgang Grams und seine Freundin Birgit Hogefeld dem Kommando angehörten. Der Bundesgerichtshof hielt aber die Beweislage zur Mittäterschaft der RAF-Frau für zu dünn und hob das Urteil gegen die zu lebenslanger Haft verurteilte Hogefeld in dieser Sache auf.

Der damalige hessische Justizminister Rupert von Plottnitz (Grüne) sprach von den «fünf größten Explosionen der deutschen Kriminalgeschichte». Der Schaden wurde auf 63 Millionen Euro geschätzt. Erst 1997 konnte das Gefängnis dann eröffnet werden.

Ihre Anwälte wollen Klette weiter vertreten. (Archivbild) Foto: Focke Strangmann/dpa
Ihre Anwälte wollen Klette weiter vertreten. (Archivbild)

Anschlag in Bonn

Knapp ein Jahr später soll Klette als Teil eines RAF-Kommandos einen Anschlag auf die US-amerikanische Botschaft in Bonn verübt haben. «Die Angeschuldigte feuerte gemeinsam mit zwei weiteren Schützen von der gegenüberliegenden Rheinseite aus mit automatischen Langwaffen mindestens 250 Schüsse auf das Botschaftsgebäude ab», teilten die Ermittler mit. Mindestens 57 Projektile trafen demnach die Botschaft. Durch die Schüsse seien zwanzig Menschen in Gefahr gewesen.

Anschlagsversuch in Eschborn

Klette soll außerdem bereits im Februar 1990 mit anderen Mitgliedern der RAF versucht haben, in einem Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank in Eschborn bei Frankfurt am Main eine Sprengstoffexplosion auszulösen. Dazu wurde den Angaben nach ein VW-Golf mit 45 Kilo Sprengstoff im Kofferraum in der Toreinfahrt abgestellt. Am Einbau des Sprengstoffs habe Klette mitgewirkt, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Bei einer Explosion hätten nach Einschätzung der Ermittler drei Sicherheitskräfte getötet werden können. Doch die Zündvorrichtung versagte, die Explosion blieb aus. 

Klette lebte als «Claudia» in Berlin-Kreuzberg

Staub und Garweg sind weiter auf der Flucht, auch gegen sie wird ermittelt. Gemeinsam mit Klette sollen sie laut Staatsanwaltschaft Verden von 1999 bis 2016 Geldtransporter und Kassenbüros in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein überfallen haben, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Nach Angaben des Landeskriminalamts läuft die Fahndung nach den beiden Männern unvermindert weiter, fast wöchentlich gehen demnach neue Hinweise ein. Angaben zur Anzahl und zum Inhalt dieser Hinweise machte die Behörde nicht. Von Garweg und Staub fehlt bislang so gut wie jede Spur.

Allerdings soll sich der 57-jährige Garweg per Brief aus dem Untergrund gemeldet haben: Vor einem Jahr hatte die linke Zeitung «nd», die früher «Neues Deutschland» hieß, nach eigener Darstellung «einen Brief von Burkhard Garweg» veröffentlicht. «Für mich ist die Geschichte der RAF auch eine Geschichte strategischer und taktischer Fehler», heißt es in dem Schreiben. Die Authentizität des Briefes ließ sich zunächst nicht überprüfen. Gefordert wird darin auch die Freilassung Klettes.

Wegen der Überfälle steht Klette schon seit Anfang März 2025 in Verden vor Gericht. Das Verfahren ist juristisch von dem der Bundesanwaltschaft getrennt und soll bald enden.

Im März 2024 wurde Klette dem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof vorgeführt. (Archivbild) Foto: Uli Deck/dpa
Im März 2024 wurde Klette dem Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof vorgeführt. (Archivbild)

Spätestens seit 1990 war Klette von der Bildfläche verschwunden. Nach außen führte sie offenbar ein unauffälliges Leben. Als Einsatzkräfte die ehemalige RAF-Terroristin am 26. Februar 2024 in Berlin-Kreuzberg festnahmen, war die Verwunderung groß. Nachbarn kannten sie als «Claudia» und schilderten sie als freundliche, grauhaarige Nachhilfelehrerin. In ihrer Wohnung fanden die Ermittler unter anderem Pistolen, Munition und sogar Kriegswaffen.