Kommunen

Wettbewerb der Dörfer: Bewertungskommission besucht Hessen

Die Preisrichter schauen beim Finale von «Unser Dorf hat Zukunft» genau hin. Es geht nicht um hübsche Blumenkästen an den Fenstern, sondern um das Erkennen von Problemen und Lösungsmöglichkeiten.

Ebersburg/Hünfelden (dpa/lhe) - Wie kann das Leben in einem Dorf so gestaltet werden, dass es zukunftsfähig bleibt oder wird? Antworten auf diese Frage werden beim deutschlandweiten Wettbewerb «Unser Dorf hat Zukunft» gesucht. Beim diesjährigen Entscheid gibt es zwei hessische Finalisten: die Orte Ebersburg-Weyhers (Kreis Fulda) und Hünfelden-Mensfelden (Kreis Limburg-Weilburg).

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Als erstes besuchte die vom Bundeslandwirtschaftsministerium ernannte Bewertungskommission am Mittwoch den Ort Weyhers am Fuße der Rhön. Tags darauf (22.6.) ist dann der mittelhessische Finalist an der Reihe. Weyhers und Mensfelden hatten sich als erster und zweiter Landessieger qualifiziert.

Neben Entwicklungskonzepten beurteilen die Juroren wirtschaftliche, soziale, kulturelle sowie ökologische Aspekte im Dorfleben. «Wir helfen bei der Vermittlung von Leih-Großeltern, bieten Erzählcafés und Smartphone-Kurse für Ältere, laden ein zu Kinoveranstaltungen und machen Angebote für die im Ort untergebrachten Flüchtlinge», zählte Susanne Beh vom Verein Miteinander-Füreinander Oberes Fuldatal vor den Preisrichtern einige soziale Aktivitäten in Weyhers auf.

Bei der Führung durch das rund 1100 Einwohner zählende Dorf wurde unter anderem auch Station am Nahwärme-Kraftwerk gemacht, in dem Holzhackschnitzel verbrannt werden. Hier werde Wärme für alle öffentlichen Gebäude in dem Dorf erzeugt, sagte Ortsvorsteher Thorsten Link (parteilos). Das Holz kommt aus der Region. «Wir betreiben keinen Hackscnhnitzel-Tourismus», betonte Andreas Kübler, der das Kraftwerk betreibt.

Eine der nächsten Stationen, mit denen Weyhers Punkte bei den Preisrichtern sammeln will, ist die dorfeigene Freizeitfläche, die vor gut zehn Jahren ein neues Dach erhalten hatte. Die Kinder und Jugendliche von Weyhers können darunter auch bei schlechtem Wetter Street- und Basketball spielen, Für Skater gibt es eine kleine Rampe. Auf dem Dach liefern Solarzellen erneuerbaren Strom.

Die Mitglieder der Bewertungskommission seien als «neugierige Freunde» nach Weyhers gekommen, erklärte die Vorsitzendes des Gremiums, Marion Frohnapfel. Als Bürgermeisterin der Gemeinde Nüsttal (Kreis Fulda) weiß sie, wo kleinere Kommunen der Schuh drückt. Neben den angebotenen Lösungsmöglichkeiten für erkannte Probleme achte die Kommission darauf, wie authentisch alles sei. «Es geht hier nicht darum, alles schön zu präsentieren. Es geht darum: Wird es gelebt, ist es verfestigt in den Ortschaften?»

Anders als bei dem früher unter dem Namen «Unser Dorf soll schöner werden» bekannten Wettbewerb drehe sich es sich inzwischen nicht mehr um Verschönerungen wie Blumenkästen an den Fenstern, betonte die Kommissionsleiterin. «Unser Dorf hat Zukunft» habe andere Schwerpunkte: «Was sind die Problemstellungen und wo sehen wir uns in zehn, zwanzig Jahren? Was gehen wir aktiv an? Das ist eine völlig andere Rubrik.»

Die Dorfgemeinschaft stehe voll und ganz hinter der Teilnahme an dem Wettbewerb, sagte Ortsvorsteher Link und zeigte auf die zahlreichen Weyherserinnen und Weyherser, die sich dem Rundgang angeschlossen hatten - trotz der für Berufstätigen ungünstigen Uhrzeit am späten Vormittag. Einen Erwartungsdruck gebe es nicht. Schon die Siege beim Regional- und Landesentscheid seien Überraschungen gewesen. «Wir lassen uns gerne überraschen», sagte der Ortsvorsteher auf die Frage nach dem möglichen Ausgang des Finales.

Mit den bereits gewonnenen Preisgeldern von 12.000 Euro wurden laut Link unter anderem Projekte zur Unterstützung junger Künstler und zur Verschönerung eines Spielplatzes finanziert - und auch für ein neues Feuerwehrauto wurde Geld bereitgestellt. Dorfflucht sei in der insgesamt rund 4600 Einwohner zählenden Gemeinde Ebersburg, zu dem der Ortsteil Weyhers gehört, kein Thema, sagte Bürgermeister Benjamin Reinhart (parteilos). Die Bevölkerung wachse sogar leicht.

Im diesjährigen Finale sind 22 Dörfer im Rennen. Insgesamt hatten sich laut Ministerium über 1100 Dörfer beworben. Die ausgezeichneten Orte sollen am 30. Juni bekanntgegeben werden. Die Teilnehmer erhalten eine Urkunde, ein Ehrungsschild und Preisgelder. Für die Goldmedaille erhalten die Dörfer 15.000 Euro, für Silber 10.000 Euro und für Bronze 5000 Euro. Alle drei Jahre werden bei dem Wettbewerb Dorfgemeinschaften mit bis zu 3000 Einwohnern ausgezeichnet, die sich «für ein attraktives und vielseitiges Leben in ihrer Heimat einsetzen». Aufgrund der Corona-Pandemie war der Bundesentscheid um ein Jahr in das Jahr 2023 verschoben worden.

Hünfelden-Mensfelden im Landkreis Limburg-Weilburg will die Juroren bei dem Besuch an diesem Donnerstag vor allem mit seinen gemeinschaftsstiftenden Aktivitäten punkten. In dem an der Grenze zu Rheinland-Pfalz gelegenen Ort mit 1289 Einwohnern sind zahlreiche Gruppen und Vereine aktiv, darunter der Turn- und Sportverein, die Landfrauen und die Freiwillige Feuerwehr. Gemeinsam setzen sich Bürgerinnen und Bürger für wichtige Themen der Dorfentwicklung ein - vom Wohnen im Alter über Nahversorgung und Mobilität bis hin zum Klimaschutz. Um das Dorf mit einem vergleichsweise hohen Anteil junger Menschen - mehr als 200 der Einwohner sind zwischen 0 bis 17 Jahre alt - lebendig zu halten, soll der Ortskern für sie und ihre Familien attraktiv sein.