Aufräumen nach Unwetter: Zahlreiche Einsätze in Hessen
Überflutete Straßen und Keller, Störungen im Bahn- und Flugverkehr: Das Unwetter am Donnerstag hat in Hessen zu zahlreichen Einsätzen geführt. Nun wird aufgeräumt.
Offenbach/Kassel/Wiesbaden (dpa/lhe) - Beim schweren Unwetter in Hessen sind Feuerwehren und Hilfsorganisationen am Donnerstag zu insgesamt 1686 Einsätzen ausgerückt. Die meisten gab es in der Stadt und im Landkreis Kassel, wie das hessische Innenministerium in Wiesbaden am Freitag mitteilte. Dort kam es seit Donnerstag zu insgesamt 792 Unwettereinsätzen. Im Kreis Waldeck-Frankenberg rückten ebenfalls verstärkt Feuerwehren aus. In Südhessen gab es laut Innenministerium besonders im Main-Taunus-Kreis viele Unwetterschäden: Dort wurden 219 Einsätze gezählt. Vor allem in Nordhessen hat das Unwetter seit Donnerstagnachmittag zu zahlreichen Einsätzen geführt.
Auch am Freitag gab es zunächst noch Einschränkungen. Am Mittag konnten etwa die Züge auf der Strecke Kassel Hauptbahnhof – Göttingen noch nicht wieder verkehren, sagte eine Sprecherin. Einschränkungen gab es auf manchen Strecken auch noch im Tagesverlauf.
Auch rund um Frankfurt gab es punktuelle Einflüsse durch das Unwetter. Auf den Strecken Bad Soden – Niederhöchstadt und Rüsselsheim – Raunheim beispielsweise waren aufgrund von Bäumen im Gleis zeitweise keine Zugfahrten möglich. In Zeilsheim, Hofheim und zwischen Frankfurt-Höchst und Kriftel gab es ebenfalls Einschränkungen.
In der Region Kassel waren die Auswirkungen des Unwetters am
Freitagvormittag insbesondere im Bahnverkehr des ÖPNV noch spürbar.
Laut einer Sprecherin gab es im Gebiet des Nordhessischen
Verkehrsverbundes noch vereinzelt gesperrte Bahnstrecken,
Verspätungen und Zugausfälle. Bis zum Mittag sollten die meisten
Störungen behoben sein, hieß es. Der Busverkehr laufe weitgehend
planmäßig. Einschränkungen könne es kurzzeitig noch nach einem
Hangrutsch im Schwalm-Eder-Kreis geben.
In Kassel blieben am Freitag die Schulen geschlossen, da der Nahverkehr nur eingeschränkt funktionierte. Eine Notbetreuung von Kindern wurde nach Angaben der Stadt gewährleistet. Wegen der Gefahr umstürzender Bäume nach dem Unwetter wurde in Kassel von einem Besuch des Staatsparks Karlsaue und des Bergparks Wilhelmshöhe abgeraten.
«Wir waren durch die Wetterlage vorgewarnt und dementsprechend auch schnell mit vielen Kräften im Einsatz. Durch die in der Vergangenheit schon oft praktizierte gegenseitige Unterstützung konnten wir auch einen Einsatz in dieser außerordentlichen Größe effektiv abarbeiten», bilanzierte Tobias Winter, Leiter der Kasseler Berufsfeuerwehr, am Freitag. Allein in Stadt und Landkreis Kassel waren rund 1000 Einsatzkräfte im Dauereinsatz gewesen.
Ein Sprecher des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport sagte, während des Unwetters sei wegen Gewitters am Flughafen am Donnerstag zweimal kurz der Abfertigungsbetrieb unterbrochen worden, um die Sicherheit der Arbeiter auf dem Vorfeld zu gewährleisten. Mit 130 von Ausfällen oder Annullierungen betroffenen Flügen wurde der Betrieb angesichts der etwa 1300 Starts und Landungen nur teilweise eingeschränkt. Aufgrund von Verzögerungen im Flugbetrieb durch das Unwetter erteilte die Hessische Luftaufsicht 20 Ausnahmegenehmigungen für Starts nach 23 Uhr.
Ein Lufthansa-Sprecher sagte, angesichts der Unwetterwarnungen habe die Airline einige Flüge auf hochfrequentierten innerdeutschen oder europäischen Strecken am Donnerstag gestrichen. Zahlen wurden nicht genannt. Am Freitagmorgen habe es nur noch vereinzelte Auswirkungen gegeben.
Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein und Innenminister Peter Beuth (beide CDU) dankten am Freitag den Tausenden Einsatzkräften von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst, die Sturmschäden beseitigt und Hilfe geleistet hatten. «Wir sind heute einfach nur froh, dass bei den Unwettern offenbar kein Mensch in Hessen lebensgefährlich zu Schaden gekommen ist», betonten Rhein und Beuth laut Mitteilung. Beide sprachen von einer «sehr herausfordernden Unwetterlage». In zahlreichen Regionen Hessens seien die Menschen hart von den Unwettern getroffen worden.
Alleine zwischen 16.00 und 22.00 Uhr seien am Donnerstag bei der Integrierten Leitstelle für die Stadt und den Landkreis Kassel mehr als 1100 Notrufe eingegangen, teilte das Innenministerium mit. Rund 900 Einsätze etwa zur Beseitigung umgestürzter Bäume und Hilfe bei vollgelaufenen Kellern und überfluteten Straßen habe es gegeben. Auch am Freitag dauerten die Aufräumarbeiten an.
Sturmböen hatten dicke Äste von Bäumen gerissen und Dächer abgedeckt. Hinzu kamen erhebliche Regenmengen. Am höchsten war die Niederschlagsmenge in Wolfhagen bei Kassel, wo pro Quadratmeter 62 Liter Regen fielen, sagte eine Sprecherin des Deutschen Wetterdienstes (DWD) am Freitag. Ebenfalls 62 Liter pro Quadratmeter fielen in Battenberg nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. In Wesertal nahe der Grenze zu Niedersachsen waren es 58 Liter.
Im Vergleich zur Regenmenge von 102 Litern pro Quadratmeter, die innerhalb von 24 Stunden im nordrhein-westfälischen Sassendorf verzeichnet waren, mögen diese Zahlen zwar gering scheinen. Allerdings: Im Juni 2022 fielen in Hessen durchschnittlich 45 Liter pro Quadratmeter während des gesamten Monats. Im langjährigen Mittel wären als hessischer Monatswert 80 Liter Niederschlag pro Quadratmeter zu erwarten gewesen.
Ob es etwa in Hattersheim oder im Kreis Waldeck während des Unwetters auch zu einem Tornado kam, wird nach DWD-Angaben noch geprüft. Die Wetterlage sei für die Bildung eines Tornados zwar durchaus geeignet gewesen, sagte die Sprecherin. Für eine Einordnung müssten aber Bilder oder Aufnahmen etwa des typischen «Rüssels» des Windwirbels vorliegen.
Im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis hat das Unwetter seit Donnerstagnachmittag zu zahlreichen Einsätzen geführt. Die Polizei berichtete am Freitagmorgen von umgestürzten Bäumen, herumliegenden Ästen, Überschwemmungen durch schlagartig einsetzende Regenfälle sowie von herumfliegenden Gegenständen im gesamten Schwalm-Eder-Kreis. Es sei zu kurzfristigen Behinderungen im Straßenverkehr, aber auch zu länger anhaltenden Straßensperrungen gekommen, die zum Teil noch andauerten, hieß es in einer Mitteilung.
Zwischen Lengemannsau und Homberg kam es demnach zu einem Erdrutsch, der zu einer länger andauernden Straßensperrung führte. Im Bereich Melsungen wurden mindestens drei Fahrzeuge durch herabfallende Äste beziehungsweise umgeknickte Bäume beschädigt. Auch das Dach eines Wohnhauses sei beschädigt worden.
Verletzt wurde laut Polizei nach derzeitigem Stand niemand. Die Höhe der entstandenen Sachschäden könne derzeit noch nicht beziffert werden.