Millionen-Kosten und Baustopp auf der Mathildenhöhe
Ein Besucherzentrum für das Welterbe Mathildenhöhe in Darmstadt war schon früh geplant. Mit den Arbeiten dafür wurde Anfang des Jahres begonnen. Nach einer Rodung muss nun alles auf den Prüfstand.
Darmstadt (dpa/lhe) - Seit fünf Jahren gehört die Mathildenhöhe in Darmstadt zum Unesco-Welterbe. Seit langem ist dort auch ein Besucherzentrum geplant. Der Plan dafür wurde zwischenzeitlich zwar schon einmal geändert, aber Anfang des Jahres wurden dann Bäume für das Projekt gerodet, obwohl es auch Proteste dagegen gab. Baumaschinen rückten an, Oberbürgermeister Hanno Benz (SPD) verteidigte die Rodung. Doch jetzt zieht die Stadt vorerst die Reißleine.
Wegen einer Kostenexplosion von rund 6,1 Millionen auf geschätzt 21 Millionen Euro wurde der Bau des Besucherzentrums - auch angesichts klammer Kassen - vorerst auf Eis gelegt. «Schwerer wiegt, dass die Gesamtkosten des Vorhabens weiterhin nicht verlässlich abschätzbar sind, weil wesentliche Grundlagen noch nicht geklärt sind», heißt es in einer Magistratsvorlage.
Kostenexplosion stoppt vorerst den Bau
Hinter dem sanierten Ausstellungsgebäude klafft ein riesiges Loch, umgeben von einem Bauzaun. Bagger oder Bauarbeiter sieht man nirgends. «Angesichts der schwierigen Haushaltslage ist es politisch nicht vertretbar, ein auf inzwischen rund 21 Mio. Euro angewachsenes Bauprojekt in dieser Form weiterzuführen, auch wenn die nun bereits produzierten Kosten sich auf zirka vier Millionen Euro belaufen», heißt es in der Magistratsvorlage weiter.
Hinzu kämen Kosten in Höhe von rund 15,5 Millionen Euro für den Sanierungsbedarf anderer Gebäude und Bauwerke. Schon die Sanierung des Ausstellungsgebäudes war deutlich teurer als zunächst geplant.
Vergleichbare Besucherzentren deutlich billiger
Nicht jede Weichenstellung auf dem bisherigen Weg habe sich als gleichermaßen zielführend erwiesen, teilten Benz und Stadtplanungsdezernent Paul Georg Wandrey (CDU) bei der Bekanntgabe des Baustopps mit.
Insbesondere sei die städtebauliche und architektonische Konkretisierung recht früh vorangetrieben worden, bevor ein aus einem eigenständigen Konzept abgeleitetes Raumprogramm vollständig vorlag - ein Umstand, der sich erst im Rückblick in seiner Tragweite gezeigt habe und der jetzt Anlass für die Neuausrichtung sei. Vergleichbare Besucherzentren in Mainz und Bamberg seien mit fünf beziehungsweise neun Millionen Euro wesentlich kostengünstiger realisiert worden.
Grüne: Art und Weise des Vorgehens ist irritierend
Die Kritik kam prompt. Seit drei Jahren sei Benz Oberbürgermeister und Kulturdezernent. In dieser Zeit habe er es nicht geschafft, ein tragfähiges Nutzungskonzept für das Besucherzentrum vorzulegen, kritisierten die Darmstädter Grünen. Stattdessen habe er noch kurz vor der Kommunalwahl für das Projekt geworben, Zustimmung eingefordert und mit einem großen Loch am Osthang im Februar noch Fakten geschaffen.
Besonders irritierend ist aus Sicht der Grünen die Art und Weise des Vorgehens. Kurz vor Bekanntgabe der Baustopp-Ankündigung habe der Kulturausschuss getagt. Dort wäre der richtige Ort gewesen, um darüber zu diskutieren. Benz sei der Sitzung jedoch ferngeblieben. Noch irritierender sei, dass zentrale Fragen, die nun als Begründung für den Baustopp angeführt würden, seit Jahren bekannt seien.
Auch andere Welterbestätten in Hessen mit Besucherzentren
Der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel ist seit 2013 Unesco Welterbe, dort gibt es gleich zwei Besucherzentren. «Besucherzentren an beiden Eingängen zur Welterbestätte anzubieten, war Bedingung für eine Anmeldung zum Welterbe», sagt eine Sprecherin. Das Besucherzentrum Wilhelmshöhe habe bereits bestanden. «Das Besucherzentrum Herkules wurde 2011 eröffnet, bevor der Antrag bei der Unesco eingereicht wurde. Der Neubau am Herkules kostete vor 15 Jahren 4,6 Millionen Euro.»
Kloster Lorsch an der Bergstraße im Süden des Landes ist die älteste hessische Welterbestätte, den Titel hat das Kloster seit 1991. Der Leiter der Welterbestätte dort, Hermann Schefers, sagt: «Ein Besucherinformationszentrum wäre ein Ort, an dem der Gast ankommt, willkommen geheißen wird, wo er eine gewisse "Primärversorgung" erwarten kann und wo er beraten wird, was er vor Ort machen kann.» Das alles werde künftig auf das Museumszentrum zukommen. Dafür gebe es auch einen ersten Konzept-Entwurf. «Das Thema kommt in der Welterbe-Community immer wieder auf.»
Die Grube Messel im Landkreis Darmstadt-Dieburg ist Unesco-Weltnaturerbe. Der stillgelegte Schiefer-Tagebau ist eine international bedeutende Fossilienfundstätte. «1995 wurde die Grube Messel zum Weltnaturerbe erklärt, 2008 erfolgte die Grundsteinlegung für das Besucherzentrum und 2010 wurde dieses eröffnet», sagt eine Sprecherin. Die Kosten dafür hätten am Ende bei rund neun Millionen Euro gelegen.
Gründung der Mathildenhöhe hatte auch ökonomischen Hintergrund
Die Mathildenhöhe in Darmstadt wurde nach Jahren der Vorbereitung 2021 Welterbe. Das Ensemble aus der Wende zum 20. Jahrhundert besteht aus dem Hochzeitsturm, einer russischen Kapelle, weiteren Gebäuden, einer Parkanlage und Skulpturen.
Die Künstlerkolonie gilt als Schnittpunkt zur Moderne der Architektur - es ist nicht einfach ein Jugendstil-Ensemble, sondern ein Schritt Richtung Bauhaus-Architektur. Peter Behrens als einer der ersten Künstler war später Lehrer des Bauhausgründers Walter Gropius.
Die Intention zum Bau der Kolonie war im ausgehenden 19. Jahrhundert keineswegs nur kultureller, sondern handfester ökonomischer Natur. Der hessische Großherzog Ernst Ludwig sah mangels Bodenschätzen einen Wirtschaftsaufschwung nur durch mehr Qualität in den Manufakturen gewährleistet und holte Künstler aller Couleur nach Darmstadt. So entstand die Mathildenhöhe.
Neuer Bauplatz musste gefunden werden
Das dort geplante und nun vorerst gestoppte Besucherzentrum war schon einmal im Fokus der Debatte. Die Unesco hatte 2021 interveniert, weil der geplante Bauplatz mitten im Zentrum des Welterbes lag. Die Macher mussten dann erst einmal einen neuen Bauplatz finden. Das taten sie - doch nun ruhen die Arbeiten auch dort.