Gesellschaft

Paketshop mit 83 Jahren: «Die Einsamkeit ist nicht mehr da»

Christian Lange fühlte sich einsam, weil seine Frau krank war und er nicht mehr so viel in den kleinen Ort Wiesenbach kam. Als die Postfiliale schloss, machte der 83-Jährige einen Paketshop auf.

Christian Lange in Wiesenbach (Rhein-Neckar-Kreis) hat mit 83 Jahren einen Paketshop aufgemacht. Foto: Uwe Anspach/dpa
Christian Lange in Wiesenbach (Rhein-Neckar-Kreis) hat mit 83 Jahren einen Paketshop aufgemacht.

Wiesenbach (dpa/lsw) - Die Klingel spielt das Lied «Für Elise», Christian Lange faltet die Zeitung zusammen, steht vom Wohnzimmertisch auf, geht durch den Garten in seinen Paketshop, macht die Ladentür auf und begrüßt seine Nachbarin. «Ich würde gerne ein Paket abholen», sagt Linda Schäfer. «Von UPS?», fragt der 83-Jährige. «Genau.» Er geht ins Lager nebenan und bringt das gesuchte Paket mit, scannt mit seinem Telefon den Barcode ein. Schäfer unterschreibt.

Seit März betreibt Christian Lange seine Paketannahmestelle in Wiesenbach, einem Ort mit rund 3.200 Einwohnern im Rhein-Neckar-Kreis. Wenige Monate zuvor hatte laut der Kommune die Postfiliale geschlossen, im Ort gab es keine Möglichkeit mehr, Pakete abzuholen oder abzugeben.

«Hatte kaum Kontakte zur Außenwelt»

Lange fühlte sich zu der Zeit einsam, wie er selbst sagt. «Ich habe eine kranke Frau gehabt, die ich pflegen musste, und wodurch ich eigentlich gar nicht mehr in den Ort kam, kaum Kontakte mit der Außenwelt hatte», erzählt der Senior im weißen Poloshirt, roter Hose und weißen Turnschuhen.

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Im Januar habe er sich entschlossen, einen eigenen Paketshop aufzumachen, im Februar habe er sich bei diversen Paketdienstleistern beworben. Im März öffnete Langes Paketshop, wie der gelernte Kaufmann erzählt. «Bei mir ging das ruckzuck.» Der Laden dazu befindet sich auf dem Grundstück der Familie. 

Sein Geschäft hat sechs Tage die Woche geöffnet. Foto: Uwe Anspach/dpa
Sein Geschäft hat sechs Tage die Woche geöffnet.

Zusätzlich zum Paketshop vertreibt Lange, der früher jahrelang beruflich nach Griechenland geflogen ist, in seinem Laden griechische Feinkost. Gefüllte Weinblätter, Schafskäse und Ouzo stehen in der Kühltheke und im Regal. Die Pakete liegen in der kleinen Halle nebenan, in der Lange früher mit seiner Frau Bilderrahmen hergestellt hat, wie er erzählt.

Langes Nachbarin Schäfer ist im Schnitt einmal die Woche im Laden, um ein Paket abzuholen. «Wenn ich weiß, ich bin nicht da und ich erwarte ein Paket, dann lasse ich das auch bewusst hierher liefern, dass ich es dann einfach abholen kann, wenn es mir passt», sagt die 34-Jährige. Als Medizinische Technologin für Radiologie am Universitätsklinikum in Heidelberg arbeite sie auch im Schichtdienst.

DPD: «Gibt ein paar ältere Partner, aber das sind sehr, sehr wenige»

Wenn es das Angebot von Lange nicht gäbe, müsste sie in die umliegenden Orte fahren. «Das war halt auch schon eine zeitaufwendige Sache teilweise», erinnert sie sich an die Zeit, bevor der Paketshop in der Nachbarschaft eröffnete. «Das ist für die Wiesenbacher eine sehr gute Sache, dass jetzt hier im Ort alles an einem Platz ist.»

Nachbarin Linda Schäfer kommt regelmäßig in Langes Paketshop. Foto: Uwe Anspach/dpa
Nachbarin Linda Schäfer kommt regelmäßig in Langes Paketshop.

Lange hat Verträge mit den Paketdienstleitern DPD, GLS, Hermes und UPS, wie auch die Unternehmen bestätigen. Ein Sprecher von DPD betont, dass das Angebot von einem Paketshopbetreiber in Langes Alter schon besonders sei. «Es gibt ein paar ältere Partner, aber das sind sehr, sehr wenige», sagt der Sprecher. Der Altersdurchschnitt bei den Betreibern der knapp 10.000 Pickup-Paketshops von DPD in Deutschland liege bei Anfang 40.

Lange hatte sich bei der DHL ebenfalls beworben, aber nie eine Antwort erhalten, wie er erzählt. Auf Nachfrage teilt das Unternehmen mit, man werde sich zeitnah bei Herrn Lange melden - dass man allerdings generell an einer «langfristigen Perspektive für eine gute Kooperation» interessiert sei.

Auch die Verwaltung der Gemeinde lobt die Initiative Langes, der Bürgermeister gratulierte Lange schon am Tag der Eröffnung im Shop. «Wir freuen uns sehr über das Angebot», heißt es in einer Mitteilung.

Finanziell lohnt sich der Shop nicht, sagt Lange

Aus finanziellen Gründen führt Lange den Shop nicht. «Der Paketshop lohnt sich nicht», sagt er. Pro Paket erhalte er einen Cent-Betrag. «Wenn ich nicht meine Rente hätte und das hier nicht im Eigentum wäre, könnte ich gar nicht davon existieren.»

Und gibt es wirklich einen Austausch mit den Kunden? «Ich komme ins Gespräch, indem ich sie anspreche», sagt Lange. «Die Leute haben heute alle keine Zeit. Die wollen das Paket weg und meistens gleich wieder weiter, zumal sie teilweise von der Arbeit kommen oder zur Arbeit wollen.» Trotzdem entstehe ein Kontakt. So erkundige er sich auch, woher die Leute kämen. Die meisten seien aus den umliegenden Orten, aber manche kämen auch durchaus aus 50 Kilometern Entfernung, eben auf dem Weg zur Arbeit.

Wer kommt, der klingelt

Etwa 10 bis 20 Kunden kommen pro Tag bei Lange vorbei. Der Shop ist den ganzen Tag geöffnet, aber die Eingangstür ist zu. Wer kommt, der klingelt. Um den Überblick über seine Pakete zu behalten, hat sich Lange ein eigenes System überlegt: Er schreibt die Hausnummern der Adressen groß in Schwarz auf die Pakete. «Ich habe mir das so gedacht, weil oft die Adressen oder die Namen der Kunden, die die Pakete bekommen, so klein geschrieben sind», sagt Lange, der zum Lesen dann doch die Brille aufsetzen muss. In seinem Lager sind die Pakete dann nach Dienstleistern und Hausnummern sortiert.

Langes Frau ist Mitte Mai gestorben - nach 61 Jahren Ehe. Porträts von ihr stehen auf dem Esstisch und den Kommoden daneben, dazu Fotos der Tochter, der Enkel und Urenkel. An Blumen in einer Vase hängt ein Band mit der Aufschrift «In stillem Gedenken». Gerade in dieser schweren Zeit lenkt Lange der Laden und der Kontakt zu anderen ab, wie er selbst sagt. «Ich bin heilfroh heute, dass ich den Paketshop gemacht habe, denn die Einsamkeit ist nicht mehr da.»