Gewaltprävention

Rollenspiele gegen Gewalt: Ein Besuch bei «bizeps»

«Täterarbeit ist immer Opferschutz», sagen die Experten der Beratungsstelle «bizeps». Sie arbeiten mit Jugendlichen und Männern mit Gewaltproblemen. Wie können Täter zum Umdenken bewegt werden?

«Es gibt nicht den typischen Gewaltstraftäter» - sagen die Berater von «bizeps». Foto: Helmut Fricke/dpa
«Es gibt nicht den typischen Gewaltstraftäter» - sagen die Berater von «bizeps».

Wiesbaden (dpa/lhe) - Häusliche Gewalt ist ein wachsendes Problem, auch in Hessen. Die Zahl der Fälle stieg 2025 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zehn Prozent auf rund 13.190 Taten. Ein möglicher Ansatz zur Vermeidung neuer Gewalt ist die Täterarbeit. Das Land förderte zuletzt hessenweit rund 20 Projekte zur Gewaltprävention, wie das Justizministerium mitteilte. Eine der Beratungsstellen ist «bizeps» in Wiesbaden, die seit 2006 besteht und mit Männern und Jungen ab 14 Jahren arbeitet.

In knapp 40 Prozent aller Fälle gehe es um häusliche Gewalt und bei rund einem Viertel um allgemeine Gewalt, sagt «bizeps»-Mitarbeiter Jens Jekewitz. Zu den weiteren Themen in den Beratungen zählen beispielsweise persönliche Probleme nach einer Trennung.

«Es gibt nicht den typischen Gewaltstraftäter», erklärt Jekewitz. «Das geht durch alle Schichten - unabhängig von Herkunft, sozialen Stand oder Bildung.» Ein Großteil der Menschen, die Gewalt ausüben, hätten selbst in ihrem Leben Gewalt erfahren. «Das sind oft Muster, die sich wiederholen.» Typische Fälle gebe es nicht, bekräftigt auch «bizeps»-Berater Alexander Crisan. «Jeder Fall ist ganz individuell.» Und der Erziehungswissenschaftler betont: «Täterarbeit ist immer Opferschutz.»

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Gewalt als Symptom für eine Schieflage im Leben

Nach den Erfahrungen von Jekewitz geht es bei Gewalt oft allgemein darum, dass Grundbedürfnisse beim Täter verletzt wurden - «es geht darum, wieder Kontrolle zu kriegen». Teilweise über sich selbst, teilweise über sein Leben und teilweise über die Partnerin und über die Beziehung. «Gewalt ist ein Symptom für eine Schieflage», ergänzt der Experte.

Viele Gewalttäter haben nach den Erfahrungen von Jens Jekewitz selbst bereits Gewalt erfahren. Foto: Helmut Fricke/dpa
Viele Gewalttäter haben nach den Erfahrungen von Jens Jekewitz selbst bereits Gewalt erfahren.

In der Beratung werde geschaut, warum ein Klient zu der Einschätzung kam, dass Gewalt eine Lösung ist. Anschließend werde thematisiert, warum Gewalt keine gute Lösung ist und dass Täter tatsächlich viel für ihre Tat bezahlen müssten, erläutert Jekewitz. «Etwa mit dem Verlust von Familie, von Partnerschaft und letztlich auch Zeit und Geld.» 

In der Beratung werde nach Perspektiven geschaut, welche Verhaltensoptionen den Klienten an die Hand gegeben werden könnten. «Letztendlich geht es darum, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und in Zukunft auf Gewalt zu verzichten», bekräftigt der Sozialpädagoge.

Viele Fälle von der Führerscheinstelle

Die Menschen werden teils im Rahmen eines Schutzplans vom Jugendamt zu «bizeps» geschickt. Die Beratung ist dann freiwillig. Ansonsten kommen Klienten über eine Auflage eines Gerichts oder über die Bewährungshilfe. «In letzter Zeit kommen viele über die Führerscheinstelle - da geht es um allgemeine Gewalt», erklärt Crisan. Behandelt werde die Frage, ob Menschen einen Führerschein haben dürfen, wenn sie ihre Aggressionen nicht im Griff haben.

Zudem finden Klienten von sich aus ihren Weg zu «bizeps» - manchmal auf den Rat von Freunden oder aus der Familie hin. Manche kämen, weil sie das Gefühl haben «ich habe da ein problematisches Verhalten», ergänzt Crisan. Es könne aber auch sein, dass Klienten im Vorfeld eines Prozesses kämen, weil sie auf ein geringeres Strafmaß hofften.

Täterarbeit ist Opferschutz - betont der Berater Alexander Crisan. Foto: Helmut Fricke/dpa
Täterarbeit ist Opferschutz - betont der Berater Alexander Crisan.

Zu den formalen Voraussetzungen für eine Beratung zählen zuverlässiges Erscheinen und die Menschen dürfen nicht bekifft oder betrunken ankommen. «Es muss ein Tateingeständnis vorliegen und Veränderungsbereitschaft da sein», ergänzt Crisan. Die Anzahl der Sitzungen sei für jeden Fall individuell. In den Gesprächen gehe es zu Beginn unter anderem um die Biografie des Täters und in Gewaltfällen auch um die Tat - wenn es einen konkreten Vorfall gab. 

Beratung mit Rollenspielen und Zielvereinbarungen

Die Experten arbeiten etwa mit Perspektivwechseln und Rollenspielen, um die Klienten dafür zu sensibilisieren, welche Auswirkungen die Tat auf das Opfer hatte. «Ich mache Zielvereinbarungen. Etwa: Bei Streit verlasse ich das Haus», erklärt Crisan. Und wann entlassen die Berater einen Klienten mit einem guten Gefühl? «Wenn wir merken, dass das Reflexionsvermögen gewachsen ist und wenn Klienten von Erfolgserlebnissen berichten.»