Sozialverband: Viele Eltern stehen unter enormem Druck
Die hessischen Jugendämter melden steigende Zahlen von Kindeswohlgefährdungen. Der Chef der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen erklärt, welche Ursachen das haben könnte.
Wiesbaden (dpa/lhe) - Hessens Jugendämter verzeichnen steigende Fallzahlen gefährdeter Kinder und Jugendlicher. Die Entwicklung wird von Sozialverbänden mit großer Sorge gesehen. Er bewerte den Anstieg nicht als bloßen statistischen Effekt, sagte der Vorstandsvorsitzende der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen, Markus Juch, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa in Wiesbaden.
Die größer gewordene Sensibilität in der Gesellschaft für das Thema Kindeswohlgefährdung sei positiv. «Gleichzeitig erleben wir in unseren Einrichtungen sehr deutlich, dass die Belastungen vieler Familien tatsächlich zunehmen», sagte Juch.
Hessens Jugendämter verzeichneten 2025 einen neuen Höchststand bei Kindeswohlgefährdungen. Laut Statistik stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent auf 7.650 Fälle. Seit Beginn der Erhebung 2012 wächst die Zahl der landesweit behördlich registrierten Fälle von Gefährdung kontinuierlich.
«Viele Eltern stehen heute unter einem enormen Druck», sagte Juch. «Steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten, finanzielle Sorgen, psychische Erkrankungen oder Suchterkrankungen belasten Familien oft gleichzeitig.» Hinzu kämen traumatische Erfahrungen, die viele Familien mit Fluchtgeschichte bis heute begleiteten, ergänzte der Experte.
«Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir, dass familiäre Krisen selten nur eine Ursache haben. Häufig treffen mehrere Belastungen zusammen - und genau dann brauchen Familien frühzeitig Unterstützung.»
Er beobachte daher mit Sorge, dass gerade präventive Angebote und freiwillige Leistungen vielerorts unter finanziellem Druck ständen, sagte Juch. «Dabei sind es genau diese Hilfen, die häufig verhindern, dass sich Probleme verschärfen und Kinder ernsthaft gefährdet werden.» Kinderschutz beginne nicht erst dann, wenn das Jugendamt eingreifen müsse.
Bei sozialen Hilfen für Kinder und Jugendliche in Hessen wird nach seinen Beobachtungen zunehmend gespart. «Stationäre Hilfen für Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren werden deutlich zurückhaltender bewilligt», sagte Juch. «Gleichzeitig erleben unsere Einrichtungen, dass junge Volljährige früher aus den Leistungen der Jugendhilfe herausgenommen werden - nicht immer, weil ihr Unterstützungsbedarf tatsächlich geringer geworden ist», ergänzte er.
Die stationäre Jugendhilfe wird von den Kommunen finanziert. Sie hänge deshalb maßgeblich von deren finanzieller Leistungsfähigkeit ab, erläuterte Juch. Viele hessische Kommunen stecken in großen Finanznöten. «Aktuell kennen wir keine Einrichtungen, die allein wegen knapper Haushaltsmittel vor einer Schließung stehen», sagte der Liga-Chef.