Soziales

Hunderttausende Kinder armutsgefährdet

Kein Geld fürs Sporttrikot oder Nachhilfe: Fast jedes vierte Kind in Frankfurt lebt armutsgefährdet. Ein neues Bündnis soll in der Stadt helfen. Doch das Problem ist in ganz Hessen gravierend.

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Für mehr Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit hat die Stadt Frankfurt ein neues Bündnis gegen Kinderarmut auf den Weg gebracht. «Fast jedes vierte Kind in Frankfurt ist armutsgefährdet», sagte Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne) zum Auftakt am Donnerstag.

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«Armut und Ausgrenzung sind der soziale Sprengstoff der Zukunft in dieser Stadt - explosiv und hochgefährlich für das Zusammenleben.» Sie führe zu einer deutlich eingeschränkten Teilhabe am öffentlichen Leben, an Kultur, Sport und Bildung. «Armut betrifft alle, egal aus welchem Einkommensmilieu - weil sie den sozialen Frieden gefährdet», so Voitl. Deswegen müsse eine weitere Verbreitung gerade bei jüngeren Menschen durch passgenaue Angebote und Prävention verhindert werden.

Ziel sei daher, in Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Akteuren bis zum Sommer 2024 eine Strategie zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut zu entwickeln. Parallel werden weiterhin Sofortmaßnahmen wie beispielsweise Mittagessen in Jugendzentren umgesetzt. Den Angaben zufolge gehörte Frankfurt im Jahr 2022 mit 23,2 Prozent neben Düsseldorf zu den Großstädten mit der höchsten Armutsgefährdungsquote in Deutschland.

Auch ein Blick über die Stadtgrenze auf ganz Hessen macht das Problem deutlich. «Wir sehen in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg», berichtete Kristina Nottbohm vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen. «Insbesondere Kinder von Alleinerziehenden oder in einem Haushalt mit drei oder mehr Kindern sind häufiger von Armut betroffen.» Der Verband fordere einen umfassenden Landesaktionsplan.

Im Jahr 2005 waren laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes 17,8 Prozent der unter 18-Jährigen in Hessen armutsgefährdet. Im Jahr 2021 waren es rund 25 Prozent. Für das Jahr 2022 zeichne sich nach vorläufigen Angaben mit 23,4 Prozent ein leichter Rückgang ab. Das seien rund 235.000 armutsgefährdete Menschen unter 18 Jahren, wie das Sozialministerium auf Anfrage mitteilte. In den vergangenen fünf Jahren lag das Land demnach konstant über dem Bundesdurchschnitt.

Auch der hessische Kinderschutzbund äußerte Sorge. Eine Begegnung ging der Vorsitzenden, Silke Arnold, besonders nahe: «Eine alleinerziehende Mutter kam zur Lebensmittelausgabe mit ihrem Sohn, es war ihr sichtlich unangenehm. Ihr Sohn erzählte, er wolle so gerne Fußball spielen.» Die berufstätige Mutter habe sich jedoch die Beitragskosten aufgrund der gestiegenen Mietpreise nicht leisten können. «Da gehört ja auch noch mehr dazu: Sportschuhe, Trikots, Fahrtkosten - da kommt einiges zusammen.» Dem Jungen konnte Hilfe vermittelt werden, er spielt laut Arnold mittlerweile wieder Fußball.

«Es ist erschreckend, dass das kein Einzelfall ist», betonte die Vorsitzende des hessischen Kinderschutzbundes. Auch wenn viele Musik- und Sportvereine ihre Gebühren so günstig wie möglich halten, können sich Arnold zufolge viele Eltern das Vergnügen für ihre Kinder nicht mehr leisten. Hilfe gebe es mitunter bei sozialen Ortsverbänden. «Sie können teilweise Rechnungen übernehmen - für die Mitgliedschaft im Sport- oder Musikverein», erklärte Arnold. «Und sie organisieren Lebensmittelausgaben und Tauschbörsen, Hausaufgabenhilfen und Mittagessen.» Demnach könne auch mit Babynahrung und Windeln unterstützt werden.