Landtag

Parteitag mit «dornigen Chancen»: Theurer bestätigt

Im Bund in der Regierung, im Land in der Opposition: Die Liberalen bekräftigen in Heidenheim ihren Kurs. Die komplette Parteispitze wird bestätigt. Nur das Internet macht der selbsternannten Digitalisierungspartei Probleme - nicht zum ersten Mal.

Der Landesvorsitzende Michael Theurer spricht im Congress Centrum. Foto: Stefan Puchner/dpa
Der Landesvorsitzende Michael Theurer spricht im Congress Centrum.

Heidenheim (dpa/lsw) - Einhaltung der Schuldenbremse, Wasserstoff für die Energiewende, Einsatz für berufliche Bildung und Handwerksmeister - die Südwest-Liberalen haben bei ihrem Parteitag in Heidenheim liberale Kernpositionen bekräftigt. Der Landesvorsitzende Michael Theurer wurde mit 78,2 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt - vor zwei Jahren erhielt er mit 88,1 Prozent noch deutlich mehr Stimmen. Das Treffen im Heidenheimer Congress Centrum wurde von erheblichen technischen Pannen überschattet.

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Theurer ist auch Staatssekretär im Verkehrsministerium der Ampelregierung. Der Diplom-Volkswirt aus Horb am Neckar führt die Partei in ihrem Stammland seit 2013 an. Es komme nun darauf an, die FDP mit souveräner Gelassenheit weiter zu profilieren, sagte Theurer - als Oppositionspartei im Land und als Regierungspartei im Bund.

Theurer führte sein schlechteres Ergebnis unter anderem auf die Internetprobleme auf dem Parteitag zurück und den damit verbundenen Ärger mancher Delegierten. Den habe der Vorstand dann eben abbekommen, sagte der 56-Jährige. Generalsekretärin Judith Skudelny wurde mit lediglich 67,7 Prozent der Stimmen wiedergewählt - vor zwei Jahren waren es noch 83,3 Prozent.

Die rund 370 Delegierten wählten auch den restlichen Parteivorstand erneut. Als stellvertretende Landesvorsitzende wurden Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke (82,7 Prozent), Gabriele Heise (88,9 Prozent) und Pascal Kober (90,3 Prozent) bestätigt. Jochen Haußmann bleibt Schatzmeister (95 Prozent). Gegenkandidaten gab es keine.

Das Treffen in Heidenheim wurde von technischen Pannen überschattet. Wie bereits bei vergangenen Parteitagen musste die selbsternannte Digitalisierungspartei in Heidenheim mit erheblichen Internetproblemen kämpfen. Das WLAN im Saal des Congress Centrums fiel am Samstag über weite Strecken komplett aus. Auch der Livestream der Veranstaltung brach zwischenzeitlich zusammen. Das Online-Portal zur Antragsarbeit funktionierte nicht. «Wir können diesmal wirklich nichts dafür», sagte Landesgeschäftsführer Julian Schröder. Man habe alles gemacht, um in Heidenheim eine erneute Panne zu verhindern - sogar für eine zweite Backup-Leitung habe man viel Geld bezahlt. Es liege schlicht an der Halle, sagte Schröder.

Internetprobleme gehören mittlerweile zu FDP-Landesparteitagen wie der Ruf nach mehr Marktwirtschaft: Auch in der Schwabenlandhalle in Fellbach hatten sich im Januar viele FDP-Delegierte und Gäste zunächst nicht einwählen können. Beim Kleinen Parteitag vergangenes Jahr in Bad Mergentheim hatten WLAN und Livestream ebenfalls nicht wie gewünscht funktioniert.

Generalsekretärin Skudelny nahm es zum Abschluss des Tags mit Humor: «Parteitage wie diese bieten dornige Chancen», sagte sie in Anlehnung an ein Zitat von Bundesparteichef Christian Lindner, der als Jungunternehmer einst Probleme als dornige Chancen definierte. Sie sei einen Tag älter geworden, sie könne sich vorstellen, dass die Haustechnik in doppelter Geschwindigkeit gealtert sei. «Wir hatten zwei Leitungen, zwei Leitungen, die das Internet gewährleisten und absichern sollten, und dann geht uns der Router in den Arsch - also ehrlich!» Man wisse, wo man sich technisch noch verbessern könne, sagte Skudelny.

Die Südwest-CDU, häufig Ziel scharfer Attacken der FDP im Landtag, nutzte die technische Misere der Liberalen für einen Seitenhieb. «Anspruch und Wirklichkeit bei der FDP: Sie nennen sich Digitalisierungspartei und dann funktioniert nicht einmal das WLAN beim Parteitag - schon wieder», teilte Landesgeneralsekretärin Isabell Huber mit. «Ebenfalls symptomatisch: Schuld sind natürlich die anderen. Bei der FDP gilt eben schon lange «Ich mach' mir die Welt, wie sie mir gefällt».»

Theurer verteidigte in seiner Rede die Regierungspolitik in Berlin - und die Ampel gegen Vorwürfe des Dauerzwists. Manche sagten, dass man zu stark streite, so der Parteichef. Aber: «Ich glaube, wir sind mittlerweile im Normalzustand lebendiger Demokratie angekommen.» In der Ampel regierten eben sehr unterschiedliche Parteien - SPD und Grüne seien eher staatsorientiert, die FDP marktwirtschaftlich und freiheitsliebend. «Das muss erst zusammenkommen. Dass da diskutiert wird, ist doch klar», sagte Theurer. Es wohnten auch Bürger, die für den «Klimalockdown» seien, Tür an Tür neben jenen, die Technologieoffenheit wollten. Es sei schwierig, in Berlin zu Kompromissen zu kommen.

Klimapolitik sei nur technologieoffen möglich, sagte Theurer in seiner Rede - und forderte einen stärkeren Fokus auf Wasserstoffpolitik in der Energiewende auch von den Bundesgrünen. Migration müsse gesteuert und begrenzt, eine weitere Aufblähung der Parlamente vermieden werden. Die verbindliche Grundschulempfehlung müsse zurückkehren. Zudem sprach sich Theurer für einen ausgeglichenen Haushalt und die Einhaltung der Schuldenbremse aus. Die Ampelregierung habe das Land in einem miserablen Zustand übernommen, kritisierte der Verkehrsstaatssekretär - und sprach von einsturzgefährdeten Brücken und verschlissenen Schienen.

Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke kritisierte vor allem die Bildungspolitik der grün-schwarzen Landesregierung. In allen Bereichen der Bildung gehe es bergab, sagte er. Keiner wolle heute noch Lehrer werden. Rülke sprach sich für ein vielgliedriges, differenziertes Schulsystem aus statt «einer Schule für alle». Er kritisierte außerdem, dass immer mehr Schüler Abitur machten. Handwerksmeister seien genauso wertvoll wie Akademiker, sagte der Fraktionschef. Es brauche eine Kampagne für berufliche Bildung.

In einem Leitantrag sprachen sich die Südwest-Liberalen für grundlegende Reformen der Europäischen Union aus - etwa für die Verkleinerung der EU-Kommission, die Einsetzung eines eigenen EU-Kommissars für Bürokratieabbau, für eine europäische Verfassung und eine EU-Armee. Ein Satzungsantrag, der den Orts-, Kreis- und Bezirksverbänden die freiwillige Einführung von Doppelspitzen ermöglichen sollte, scheiterte sehr knapp an der erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit.