Bäume leiden

Welche Spuren der Hitzesommer im Südwest-Forst hinterlässt

Fast 40 Prozent von Baden-Württemberg sind bewaldet. Der heiße und regenarme Sommer setzt den Bäumen zu. Welche Arten besonders betroffen sind und wie Fachleute die Lage einschätzen.

Wie groß das Ausmaß des Schadens infolge von Hitze und Trockenheit im Wald ist, lässt sich noch nicht sagen. Foto: Valentin Gensch/dpa
Wie groß das Ausmaß des Schadens infolge von Hitze und Trockenheit im Wald ist, lässt sich noch nicht sagen.

Tübingen/Freiburg (dpa/lsw) - Infolge der Trockenheit und Hitze in diesem Sommer hat der Wald in Baden-Württemberg Schaden genommen. Selbst manche als klimastabil geltenden Bäume zeigen laut Fachleuten deutliche Spuren. «Den Wald hat's schwer getroffen», sagte Waldbaureferent Alexander Abt von ForstBW in Tübingen. Das ganze Ausmaß werde man wohl erst im Frühjahr sehen, wenn die Bäume wieder ausschlagen - oder eben nicht mehr.

Schon jetzt werfen viele Bäume Blätter ab oder bilden keine Früchte, um sich vor weiterem Flüssigkeitsverlust zu schützen. Äste sterben ab und brechen aus Baumkronen. Sind die Pflanzen geschwächt, haben es Insekten wie Borkenkäfer und Eichenprozessionsspinner leichter.

Laubbäume werfen schon im Sommer Blätter ab. Foto: Valentin Gensch/dpa
Laubbäume werfen schon im Sommer Blätter ab.

Auch das Landwirtschaftsministerium kann das Ausmaß des Schadens der Dürreperiode noch nicht beziffern. «Der aktuelle Stress wird sich erfahrungsgemäß auch auf die Folgejahre auswirken», heißt es aus dem Ministerium. Am stärksten betroffen seien alte Bäume, die in einem kühleren und regenreicheren Klima aufgewachsen seien und sich daran angepasst hätten. 

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«Junge Bestände erscheinen resilienter», teilte ein Sprecher mit. Gerade klimaanpassungsfähige Mischbaumarten, die in den vergangenen Jahren vermehrt gepflanzt oder gefördert wurden und schon einen ausreichenden Wurzelanschluss hätten, schienen sich demnach gut zu bewähren. Dazu gehörten Elsbeere, Speierling, Vogelkirsche, Spitzahorn und Hainbuche.

Sommer 2026 «alarmierend trocken» 

In diesem Sommer sei es «alarmierend trocken» gewesen, sagt Andrea Hölscher, die das Forstliche Umweltmonitoring bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Baden-Württemberg verantwortet. Um genau zu sein: so trocken wie im Mittel der letzten 15 Jahre nicht. 

Viele Bäume zeigen Folgen der Trockenheit. Foto: Valentin Gensch/dpa
Viele Bäume zeigen Folgen der Trockenheit.

Gerade an Waldrändern und Hängen hätten Bäume seit Mitte/Ende Juli Verfärbungen, wie man sie sonst aus dem Herbst kenne, sagte Sho Kawano aus der FVA-Abteilung Boden und Umwelt. Blätter von Rotbuche und Robinie etwa zeigten zum einen die typischen Vergilbungen. Zum anderen gebe es Verbrennungserscheinungen. 

Dann sei ein Baum nicht mehr zur Photosynthese fähig. Würden auch Leitungsbahnen beschädigt und könne kein Wasser mehr transportiert werden, sterbe der Baum womöglich ab. Auch Wurzelwerk könne unter der Trockenheit leiden.

«Die Tanne leidet lange unerkannt» 

Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus, sagte Kawano. Geschädigte Buchen etwa könnten im nächsten Jahr kleinere Blätter oder Kronen ausbilden. 

In anderen Fällen könnten die Schäden erst später sichtbar werden, machen die Fachleute deutlich. Das habe man auch nach den Hitzesommern 2003 und 2018 gesehen, sagte Hölscher. Anders als Laubbäume zeigten Nadelhölzer im Moment noch keine besonderen Auffälligkeiten, sagte Kawano. 

«Die Tanne leidet lange unerkannt», sagte Abt. Richtig gut durch den Sommer gekommen sei im Grunde niemand. «Wer wirklich übel gelitten hat, sind Buche, Kirsche und Birke.» Besser sei es Douglasie, Spitzahorn und Linde ergangen.

Mancherorts sieht es eher nach Herbst als nach Sommer aus. Foto: Valentin Gensch/dpa
Mancherorts sieht es eher nach Herbst als nach Sommer aus.

Pauschal lasse sich das aber oft kaum sagen, macht Abt deutlich: «Es ist ein Glücksspiel geworden.» Die einen Bäume seien hitzeresistenter, die anderen kämen besser mit Trockenheit klar. «Aber in Deutschland sind wir nochmal besonders gefordert», sagte der Experte mit Blick auf Minusgrade im Winter.

40 Prozent des Landes bewaldet

Daher brauche es eine Vielfalt an Arten und Genen. Als zukunftsfähige Baumarten gelten laut ForstBW beispielsweise Eiche oder Elsbeere. Instabiler seien hingegen etwa Fichten. Ein Aspekt sei auch, wie hoch Bäume wachsen sollen - denn umso höher müssten sie Wasser transportieren.

Im Grunde seien die Sommer seit Jahren zu heiß, sagte Abt. Der Wald habe zu wenig Gelegenheit, sich zu erholen - wenngleich das Frühjahr 2026 laut den Fachleuten recht nass war. ForstBW verantwortet mehr als 324.000 Hektar Staatswald und damit ein Viertel der Waldfläche Baden-Württembergs. Nach Angaben der Landesforstverwaltung sind fast 40 Prozent des Bundeslands bewaldet.

Forstexperten setzen auf Vielfalt im Wald, um diesen klimastabiler umzugestalten. Foto: Valentin Gensch/dpa
Forstexperten setzen auf Vielfalt im Wald, um diesen klimastabiler umzugestalten.

Von Mitte Juli bis Mitte August wurde der Waldzustand im Zuge der jährlichen Bestandsaufnahme erhoben. Zum ersten Mal seien auch junge Bäume unter Altbäumen auf Trockenschäden untersucht worden, teilte ein Ministeriumssprecher mit. Die Auswertung wird einige Monate dauern.

Waldbesitzerinnen und -besitzer werden laut dem Ministerium in diesem Jahr insbesondere bei der Suche und Dokumentation von Borkenkäfer-Befallsherden als Präventionsmaßnahme sowie beim Transport und der Lagerung von Schadholz unterstützt. Forstliche Förderung gibt es zum Beispiel auch bei der Wiederbewaldung nach Extremwettereignissen.

Wald bleibt - aber ändert sein Aussehen

«Es ist damit zu rechnen, dass Wettersituationen wie 2026 künftig häufiger und auch intensiver auftreten können», heißt es aus dem Ministerium. Der Umbau zu klimaresilienteren Mischwäldern lasse sich aber nicht kurzfristig lösen, sondern sei eine Generationenaufgabe.

Einen Wald umzubauen, das dauere 100 bis 150 Jahre, macht auch Forst-Fachmann Abt deutlich. «Das braucht Zeit.» Klar ist aus seiner Sicht aber, dass es Wald weiterhin geben wird - nur eben mit anderem Aussehen. «Die Menschen müssen sich eingestehen, dass der Wand sein Gesicht verändert.»