Wie sich Nosferatu-Spinnen durch den Klimawandel ausbreiten
Die markanten Tiere können menschliche Haut durchbeißen - meist ist das harmlos, aber unangenehm. Wie sie in Baden-Württemberg heimisch wurden und warum sie für das Stadtleben nützlich sein könnten.
Karlsruhe (dpa/lsw) - Bis auf wenige Hochlagen hat sich die Nosferatu-Spinne inzwischen in Baden-Württemberg weitgehend ausgebreitet. Bislang finde sie im Hochschwarzwald wahrscheinlich ihre klimatische Grenze, erklärte der stellvertretende Vorstand der Arachnologischen Gesellschaft und ehemalige Abteilungsleiter Biowissenschaften am Karlsruher Naturkundemuseum, Hubert Höfer. Sollte es langfristig immer weiter schwache Winter geben und sollten die Temperaturen weiter steigen, könnte sich die Nosferatu auch dort etablieren.
Erster Fund in Deutschland vor 20 Jahren
Die Art Zoropsis spinimana war bis vor gut 20 Jahren nur aus dem Mittelmeergebiet bekannt. Der erste Nachweis für Deutschland stammt laut dem Museum von 2005 aus Freiburg. Die Art habe sich entlang des Rheins, der Nebenflüsse und in den vergangenen Jahren auch über andere Verkehrswege in Deutschland verbreitet, teilte Höfer mit. «Ich würde eine inzwischen landesweite Verbreitung konstatieren.» Deutlich sei die Ausbreitung von Westen (Rheinebene) her, im Osten Baden-Württembergs gebe es Nachweislücken.
Die Körper dieser Spinnenart werden nach Angaben des Museums etwa ein bis zwei Zentimeter lang. Die Beinspannweite könne bis zu fünf Zentimeter betragen. «Der Name leitet sich von der charakteristischen Zeichnung auf dem Vorderkörper ab, die viele kreative Betrachter an die Fratze des Vampirs aus dem gleichnamigen Kinofilm Nosferatu erinnert.»
Durch ihr Gift, einen robusten Körperbau und ihre Geschicklichkeit bei der Jagd wird die überwiegend nachtaktive Spinne den Angaben nach auch mit recht großer Beute fertig. «Mitunter überwältigt sie auch Hausspinnen, die zumindest in Bezug auf die Beinspannweite größer sind.»
Biss geht unter die Haut
Sie gehört allerdings auch zu den wenigen Arten, die mit ihren Giftklauen menschliche Haut durchdringen können. «Der Biss ist für Menschen aber in der Regel ungefährlich», ordnen die Fachleute ein. «Nach ersten sorgenvollen Nachfragen erfolgen in jüngster Zeit viele wohlwollende Meldungen zu der Art.»
Der Schmerz sei meist schwächer als ein Wespenstich. An der Haut könnten eine Rötung oder Schwellung um die Bissstelle entstehen, die einige Tage anhalten könnten. «Von einem direkten Kontakt mit einer ausgewachsenen Nosferatu-Spinne wird deshalb abgeraten.» Mit einem ausreichend großen Behälter könne man die Spinnen fangen und ins Freie bringen.
Eventuell wirkten die Spinnen aus menschlicher Sicht positiv auf das Stadtökosystem, hieß es weiter. Denn die Tiere könnten die Populationen der inzwischen im süddeutschen städtischen Umfeld sehr häufig gewordenen Bernsteinschabe in und an Gebäuden kontrollieren.
Weniger Funde gemeldet
Anfänglich seien die Nosferatu-Spinnen fast nur in Gebäuden gefunden worden, berichtete Höfer. Mittlerweile würden sie an vielen Orten im Freiland entdeckt, aber auch etwa in Gartenhütten, Schuppen, in Nistkästen sowie unter der Rinde einiger Baumarten im Siedlungsbereich, vor allem Platanen.
Die Zahl gemeldeter Funde im Südwesten ist dem Experten zufolge in den vergangenen Jahren stark gesunken. So seien 2025 nur 15 Funde gemeldet worden, im Jahr davor 26. «Der Rückgang der Meldungen seit 2022/2023 (jeweils mehr als 200) ist sicher auf zurückgehende Aufmerksamkeit zurückzuführen, keinesfalls auf einen Rückgang der Art.» Diese sei inzwischen etabliert, also einheimisch. «Als invasiv war sie unserer Meinung nach nie zu bezeichnen, da sie aus dem europäischen Verbreitungsgebiet stammt.»
Ebenso wie für alle einheimischen Tierarten haben die Witterung und langfristig das Klima demnach Auswirkungen auf die Bestände und Überlebenschancen der einzelnen Tiere mit Folgen eventuell für die Populationen. «Bei einer so etablierten Art, die keine besonders engen Ansprüche an den Lebensraum hat, ist da aber wenig Veränderung zu erwarten.»
Fäden nicht zum Netzbau
Die Nosferatu zählt zur Familie der Kräuseljagd-Spinnen, die den Angaben nach eine Besonderheit in der Welt der Spinnen sind: Sie stellen Fangfäden her, bauen aber keine Netze. «Vielmehr fangen sie ihre Beute, indem sie diese verfolgen und im Sprung überwältigen.» Die Kräuselfäden brauchen sie indes zum Bau des Ei-Kokons. Etwa 20 bis 50 Eier würden in ein etwa Zwei-Euro-Stück großes Gespinst eingewoben und seien so vor Feinden gut geschützt.
Die Art hat nach Angaben im Herbst ihre Haupt-Paarungszeit. Wenige Wochen später schlüpften Jungspinnen. Das Muttertier bewache eine gewisse Zeit lang den Kokon und die frisch geschlüpften Jungspinnen, die nach fünf bis sieben Monaten ausgewachsen seien. «Die Art ist also trotz ihrer Größe einjährig, die Weibchen können durchaus auch mal 1,5 Jahre alt werden, bevor sie sterben.»