40. Jahrestag des Atomunfalls

Wie Tschernobyl das Leben in Hessen veränderte

Nach der Tschernobyl-Katastrophe herrschte in Hessen große Unsicherheit: Sand auf Spielplätzen wurde ausgetauscht, frische Milch gemieden. Wie Bürger, Behörden und Experten damals reagierten.

Die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl vor 40 Jahren dauern bis heute an. (Archivbild) Foto: picture-alliance / dpa
Die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl vor 40 Jahren dauern bis heute an. (Archivbild)

Tschernobyl/Kassel (dpa/lhe) - 28. April 1986: Es ist 19.32 Uhr, als die Deutsche Presse-Agentur folgende Eilmeldung absetzt: «Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS hat am Montag erklärt, daß im Atomkraftwerk Chernobyl in der Ukraine ein Schaden an einem Atomreaktor aufgetreten sei.» 

Zwei Tage zuvor, am 26. April 1986, war es im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl zum sogenannten Super-GAU gekommen, also dem «größten anzunehmenden Unfall». Um 1.23 Uhr Ortszeit explodierte Reaktor vier, nachdem ein Test außer Kontrolle geraten war. 

Die Detonation wirbelt tagelang große Mengen an radioaktiven Teilchen in die Luft. Vom Unglücksreaktor in der damaligen Sowjetunion trägt der Wind die abgeschwächte Wolke nach Westeuropa. Hessen erreicht sie am 1. Mai 1986. In Wiesbaden regiert damals eine rot-grüne Koalition mit Umweltminister Joschka Fischer. 

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Wolke erreicht Hessen an Frühlingstag

«Dieser 1. Mai war ein sehr schöner sonniger Feiertag», erinnert sich Elke Cezanne, damals Mitarbeiterin in Fischers Pressestelle. Viele Menschen seien mit ihren Kindern draußen gewesen, um zu spielen oder Rad zu fahren. «Und dann hat Joschka Fischer gesagt, wir müssen den Leuten wenigstens sagen, dass sie die Kinder abduschen sollen, bevor sie sie ins Bett bringen.» Am Abend habe es dann eine entsprechende Pressemitteilung gegeben.

«Wir haben damals ziemlich im Nebel gestochert», erzählt die spätere stellvertretende Regierungssprecherin. «Es gab ja auch noch kein Internet und kein Social Media.» Über die Auswirkungen eines Reaktorunglücks auf Hessen sei nicht viel bekannt gewesen. 

«Ganz viele Menschen haben bei uns angerufen, obwohl wir damals gar nicht für die Atomaufsicht zuständig waren.» Ein Bürgertelefon sei eingerichtet worden. «Die Mitarbeiter haben eine Kurzschulung bekommen zu Becquerel, Cäsium und Plutonium.» 

Nachdem die Strahlenwolke Hessen erreicht hatte, wurden teilweise Spielplätze gesperrt. (Archivbild) Foto: picture alliance / dpa
Nachdem die Strahlenwolke Hessen erreicht hatte, wurden teilweise Spielplätze gesperrt. (Archivbild)

Viele Eltern hätten ihre Kinder aus Angst vor Gesundheitsschäden nicht draußen spielen lassen. «Auf Spielplätzen wurde der Sand ausgetauscht. Statt frischem Gemüse gab es Dosengemüse.» Frische Milch sei nicht mehr gekauft worden, Milchpulver sei heißbegehrte Mangelware gewesen.

Massenhafte Anfragen beim Öko-Institut

Das Öko-Institut in Darmstadt erlebte in diesen Tagen einen Massenansturm. «Wir haben in Tag- und Nachtschichten gearbeitet», erinnert sich Michael Sailer, damals Fachbereichsleiter Reaktorsicherheit bei der unabhängigen Forschungs- und Beratungseinrichtung. Vor dem Büro habe sich eine Menschenschlange bis auf die Straße gebildet, das Telefon habe nicht stillgestanden. «Wir waren darauf nicht ausgelegt. Wir hatten nur drei Räume und zwei Telefonanschlüsse.»

Die Menschen hätten zunächst vor allem wissen wollen, welche Lebensmittel sie noch essen können, ob sie spazieren gehen und ihre Kinder draußen spielen lassen dürfen. Auch für Journalisten, Behördenmitarbeiter und Politiker sei das Öko-Institut ein wichtiger Ansprechpartner gewesen. «Wir waren nicht ganz unbeteiligt bei den Entscheidungen für länderspezifische niedrigere Grenzwerte», berichtet Sailer. In Hessen wurde mit 20 Becquerel pro Liter Milch ein deutlich strengerer Grenzwert für radioaktives Cäsium angesetzt als im Bundesdurchschnitt mit 500 Becquerel.

Nach der Katastrophe wuchs auch in Hessen die Unsicherheit. (Archivbild) Foto: picture-alliance / dpa
Nach der Katastrophe wuchs auch in Hessen die Unsicherheit. (Archivbild)

Von der Katastrophe seien die Mitglieder des Instituts nicht überrascht gewesen. «Wir hatten uns schon seit Jahren mit der Frage der Sicherheit von Atomreaktoren auseinandergesetzt. Wir sind davon ausgegangen, dass irgendwann irgendwo schwere Unfälle passieren können und haben davor gewarnt.» Viele Menschen hätten damals aber nicht geglaubt, dass dieses Szenario Realität werden könne. «Entsprechend waren sie nicht darauf vorbereitet. Es war schon chaotisch.» 

«Radioaktivität überall messbar»

Werner Neumann, Sprecher des Arbeitskreises Energie des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) Deutschland, erfuhr von der Reaktorkatastrophe im Radio. «Da sagte jemand, da wäre irgendwo ganz weit weg etwas passiert, das könnte hier aber nicht ankommen», erinnert sich der ehemalige Leiter des Energiereferates der Stadt Frankfurt. 

Der promovierte Physiker hatte damals in einer Gemeinschaft gerade das Umweltlabor Arguk in Oberursel gegründet. Die Forschergruppe untersuchte etwa, was an Schadstoffen in den Main gelangt. «Im Mai 1986 wollten wir unser Labor eröffnen, alles war fertig eingerichtet.» Nach Tschernobyl seien sofort Anfragen eingegangen und das Team habe Messungen von Radioaktivität durchgeführt. «Die war überall messbar: in den Sandkästen, in der Milch, im Heu.» 

Auswirkungen auf Klärschlamm 

Im hessischen Klärschlamm, der damals noch häufig auf die Felder aufgebracht worden sei, habe das Arguk eine deutlich höhere Konzentration an Radioaktivität festgestellt als offizielle Stellen. Diese hätten nassen Klärschlamm gemessen. «Der war also verdünnt. Wir haben Messungen am getrockneten Klärschlamm vorgenommen.» 

Messwerte hätten damit auch eine politische Dimension gehabt. «Die Frage war, wann sie hoch sind, wann niedrig und auf wen man sich verlassen kann. Dazu gab es schon eine gespaltene Öffentlichkeitseinschätzung.» 

Mit Blick auf die Gegenwart sagt BUND-Experte Neumann: «Klar, es gibt jetzt bessere Vorsorge, bessere Vorbereitung, aber im Grunde, das ist eigentlich die Erfahrung von damals, sind solche Dinge in ihrem Ausmaß unbeherrschbar. Das ist ja auch genau der Grund, warum wir sagen, nein, wir wollen raus aus Atomenergie.»