Christoph Kramer, der neue Roman und die Sache mit dem Glück
Viele Fußballer sind froh, wenn sie nach Ende ihrer Karriere eine Kolumne schreiben dürfen - Christoph Kramer schreibt ganze Romane. In seinem neuen ist Fußball das Größte - und das Nebensächlichste.
Köln (dpa) - Mitleid mit Fußballprofis ist nicht weit verbreitet. Verständlich: Sie verdienen viel Geld mit etwas, das von Weitem betrachtet aussieht wie ein 90-minütiger Zickzack-Lauf. Aber sie machen auch eine Erfahrung, die vielen anderen erspart bleibt: Ihr Berufsleben endet, wenn andere gerade erst richtig durchstarten. Für Christoph Kramer fühlte sich das Ende bei Borussia Mönchengladbach jedenfalls nicht nach einem letzten Arbeitstag an, wie sein neues Buch nahelegt - sondern wie der Hauch des Todes.
«Angekommen am Borussia-Park war es, als wäre ich zu Gast auf meiner eigenen Beerdigung», schreibt Kramer. Langjährige Mitarbeiter hätten ihn «wortlos» in den Arm genommen, zu fest gedrückt und angeschaut. «Der Moment, in dem sich eine große Liebe und ich "Lebewohl" sagen müssen.»
Zu lesen ist das im neuen Roman «Wolkenberührpunkt», der bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Im Fußball gibt es die Weisheit, dass die zweite Saison nach dem Aufstieg die schwierigste ist. Schon allein vor diesem Hintergrund ist das Buch interessant - denn es ist Kramers Zweitwerk nach seinem erfolgreichen Debüt «Das Leben fing im Sommer an» von 2025.
Interessant ist es aber auch, weil hier ein Ex-Fußballer mehr zu Papier gebracht hat als eine kurze Kolumne im Sport-Teil - und dabei das, was er erlebt hat, aus der Vogelperspektive in Literatur umsetzt. Es geht um das Erwachsenwerden, Abschied, Glück, Freundschaften - und offensichtlich auch darum, sich ein Kontrastmittel zusammenzurühren, das die eigene, privilegierte Bubble erst richtig sichtbar macht.
7:1 geht immer
Kramer verabreicht sich dieses Kontrastmittel in Form von Roman, der Hauptfigur seines Buchs. Der junge Mann führt ein Leben, das ebenfalls an einen komplizierten Zickzack-Lauf erinnert - ständig hält es neue Wendungen bereit. Fußball ist dabei allerdings erstaunlich nebensächlich. Die WM 2014 mit dem 7:1 gegen Brasilien und dem deutschen Weltmeistertitel taucht allerdings auf - an diesem Sommer vor zwölf Jahren wollte Kramer wohl nicht vorbeischreiben.
Verraten lässt sich zudem, dass Roman herausfindet, dass er adoptiert wurde - und dass er sich auf denkbar komplizierte Art in ein Mädchen verliebt. Was danach geschieht, nimmt teilweise derart radikale Wendungen, dass man nichts vorwegnehmen möchte. «Fußball ist deshalb spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht», ist ein Sepp-Herberger-Satz, bei dem jeder Fußballfan ächzt, weil er ihn schon Hunderte Male gehört hat. Zumindest in diesem Fall gilt er aber auch für ein Buch.
Zwischen diese fiktive Coming-of-Age-Geschichte montiert Kramer immer wieder Szenen aus seinem eigenen Leben - dann geht es um Fußball, sein eigenes Aufwachsen, seine Eltern. Ganz oft lautet die Botschaft: Ich bin sehr demütig. Für ihn war doch vieles so viel einfacher als für Roman.
Ein Mann, viele Berufungen
«Wenn ich im Erwachsenenalter auf meine Kindheit und Jugend zurückblicke, merke ich erst, wie viel Glück ich mit meinem Elternhaus hatte und wie wertvoll es war, dass ich meinem Traum vom Fußballprofi ein Leben lang bedenkenlos nachjagen durfte», sagt Kramer der Deutschen Presse-Agentur. Er möge es zwar auch nicht, wenn man ständig vorausschicke, seine eigenen Privilegien zu kennen. «Aber wenn man die Geschichte im Buch betrachtet, hatte ich einfach extrem wenig Sorgen und konnte mich voll auf meine Träume konzentrieren. Das ist ein riesiges Geschenk.»
Kramer, geboren 1991 in Solingen, sagt selbst, er sei «ein unverbesserlicher Optimist». Grundsätzlich denke er immer, dass alles schon gut werde. Vielleicht auch deshalb hat er in den vergangenen Jahren Titel und Berufsbezeichnungen gesammelt wie andere Leute Panini-Bildchen: Fußballprofi, Nationalspieler, Weltmeister, TV-Experte, Podcaster, Interviewpartner zu fast jedem denkbaren Thema, neuerdings auch ambitionierter Padel-Spieler. Oft ist Kramer auch der, der gefragt wird, wenn eine originelle andere Meinung gefragt ist. Und er ist eben nun auch Autor. Das muss man sich alles erst einmal zutrauen.
Kramer aber winkt ab, wenn man ihn keck «Universalgelehrter» nennt. «Ich habe absolut nichts von einem Universalgelehrten und werde oft zu Themen gefragt, von denen ich eigentlich gar keine Ahnung habe», erklärt er.
Das Tagebuch als Zeitmaschine
Geschrieben hat er aber schon seit seinem 13. Lebensjahr: Tagebuch. «Meine Einträge fingen immer mit dem Satz an: "Ich möchte nicht vergessen, dass..."», erzählt er. Es sei ihm dabei aber nie darum gegangen, etwas «zu verarbeiten», wie man so sagt. «Ich wollte schlicht die vielen kleinen, lustigen Anekdoten für die Zukunft festhalten.» In seinem Alltag sei das Schreiben noch einmal präsenter geworden, als sein Abschied vom Fußball näher gerückt sei. 2024 wurde sein Vertrag bei Borussia Mönchengladbach aufgelöst.
Wenn man Kramer etwas unterstellen kann, dann sicherlich, dass er eine nostalgische, manchmal ins Melancholische abkippende Seite hat. Im Buch wimmelt es von Querverweisen auf die Popkultur der 90er und Nullerjahre - von «Fight Club» über die Band Juli («Perfekte Welle») bis zu den ersten Euros und der Diddl-Maus.
Er selbst lese viel von Caroline Wahl, Tonio Schachinger und Benedict Wells, berichtete Kramer. Als Vorbilder will er sie aber nicht bezeichnen - das halte er für vermessen, weil er nie so werde schreiben können. «Das ist ähnlich wie beim Fußball: Ich bewundere Messi und würde gerne so spielen wie er, aber ich kann es schlicht nicht.»
Überhaupt hat er einen etwas anderen Zugang zur Literatur. Er glaubt fest daran, dass Bücher auch wegen der Optik gekauft werden. «Mein Schrank steht voll mit Büchern, die einfach optisch richtig geil aussehen», berichtet Kramer. «Auch bei der Gestaltung meiner eigenen Bücher rede ich deshalb ganz genau mit und höre auf mein Bauchgefühl», sagt er. Designer kann er also auch noch.