Immer Abseits vom Trend: der Wutkünstler Georg Baselitz
Seine Werke sind monumental, Provokation war sein Programm. Mit «Kopfstand»-Bildern geht Georg Baselitz in die Kunstgeschichte ein. Deutschland hat einen der bedeutendsten Gegenwartskünstler verloren.
Salzburg (dpa) - Provozieren, Widerstand leisten, Klappe aufmachen: Der Maler Georg Baselitz war gerne ein unbequemer Zeitgenosse. Wenn er zur Gesellschaftskritik ausholte, dann saftig: Die Journalisten seien angepasst, die Künstler konform und die Demokratie in Deutschland zur Autokratie verkommen, polterte er kurz vor seinem 80. Geburtstag 2018 bei einer Ausstellung in der Fondation Beyeler bei Basel. Sein Lebensmotto war: Widerspruch! Baselitz wurde gerne als «Wutkünstler» bezeichnet. Er starb im Alter von 88 Jahren, wie seine Galerie Thaddaeus Ropac in Salzburg mitteilte.
«Als wegweisender Innovator und einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit übte er zeitlebens einen tiefgreifenden Einfluss auf seine Künstlerkollegen und die internationale Kunstwelt aus», hieß es in der Todesnachricht der Galerie auf Instagram.
Museen und Publikum liebten den Unangepassten. 2023 gab es im Jahr seines 85. Geburtstags mehrere große Ausstellungen, darunter «Nackte Meister» im Kunsthistorischen Museum (KHM) in Wien. Die von Baselitz selbst ausgewählten Werke aus 50 Schaffensjahren handelten von der Nacktheit des Malers und seiner Frau, und sie wurden im Dialog mit Ölbildern alter Meister gezeigt, die sich mit Nacktheit befassten. Deutlich wurde: Baselitz lehnt idealisierte Schönheit als hohles Pathos ab.
Er malte schon immer abseits vom Trend: gegenständlich, als in der Kunst das Abstrakte angesagt war, und groß, als Kleinformatiges besser verkauft wurde. Er experimentierte mit verschiedenen Malstilen, mal impressionistisch, mal kubistisch. Fraktur-Bilder nannte er die Werke, mit denen er den Kubismus «verhohnepiepelt» habe.
Sittenpolizei sah Pornografie
Schon seine erste Ausstellung kam 1963 mit Ansage und Eklat. Die Sittenpolizei sah Pornografie in seinen Ölbildern «Nackter Mann» (mit einem überdimensionalen Penis) und «Die große Nacht im Eimer» (mit einem onanierenden Jungen) und beschlagnahmte sie. Auf den Skandal hatte er es angelegt, wie er freimütig sagte, um trotz der Ablehnung, die ihm überall entgegengeschlagen sei, Aufmerksamkeit zu bekommen.
Dass Baselitz selbst die Gesetzmäßigkeit der Natur auf den Kopf stellte, war da nur konsequent. Er malte verkehrt herum: Füße und Wurzeln oben, Kopf und Baumkrone unten. Es wurde zu seinem Markenzeichen. 1969 entstand mit «Der Wald auf dem Kopf» das erste «Umkehrbild». Baselitz erläuterte dies als «dritten Weg» zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Er habe das Bild aus der «fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit» wegbringen wollen.
In seinen «Heldenbildern» ab 1965 bezog er sich auf den Krieg, den er als Kind erlebte. Die vermeintlichen Helden wanken heran als kaputte Gestalten in zerlumpten Uniformen, Figuren, die mit ihren verzerrten Proportionen, riesigen Händen und Füßen und kleinen Köpfen verstören. «Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft», sagte er der Deutschen Presse-Agentur vor seinem 85. Geburtstag.
Er malte gerne auf dem Boden
Da war er schon weitgehend auf einen Rollstuhl angewiesen, aber das bremste nicht seinen Schaffensdrang: «Meine Fortbewegungsmittel im Atelier kommen jetzt aus dem orthopädischen Fachhandel», sagt er. Baselitz malte gerne auf dem Boden. Seine Frau Elke, mit der er mehr als 60 Jahre verheiratet war, habe ihm in späteren Jahren extra ein Podest dafür gebaut.
Seine monumentalen Bilder hängen in den wichtigsten Museen der Welt. 2004 erhielt Baselitz den japanischen Preis Praemium Imperiale, einen der weltweit wichtigsten Preise für Kunst. 2019 wurde er in die ehrwürdige Akademie der bildenden Künste in Paris gewählt. In seiner Antrittsrede sagte er 2021, die Gesellschaft brauche Künstler, «sonst wäre sie nur ein Affenstall (...). Mit Kunst kann man die Welt bereichern, aber die Bösartigkeit nicht verjagen».
Künstlername als Hommage an Geburtsort in Sachsen
Baselitz wurde in Sachsen geboren, mit bürgerlichem Namen Hans-Georg Kern. Der Künstlername ist eine Hommage an seinen Geburtsort Deutschbaselitz. Er fing als Teenager mit dem Malen an. «Beim Bildermalen hatte ich ein Gespür, dass ich etwas hatte, das man Talent nennt», sagte er 2018 im Museum Beyeler bei Basel.
Mit seinem Widerspruch gegen alles Herkömmliche brüskierte der junge Baselitz seine Lehrer schnell und flog in den 50er Jahren wegen «gesellschaftlicher Unreife» von der Kunsthochschule in Berlin. Er hatte lieber Picasso gemalt, als in den Semesterferien ins Kombinat zu fahren. Er siedelte schließlich in den Westteil der Stadt über.
Verhältnis zu Deutschland nicht ungetrübt
Ende der 1970er Jahre begann er mit kantig gesägten Holzskulpturen, die an afrikanische Kunst erinnern. Wieder ein Aufreger: Seine Skulptur für den deutschen Pavillon bei der Biennale 1980 in Venedig hielt den Arm nach oben. Ein Hitlergruß sei nicht seine Intention gewesen, sagte er später. Sein Verhältnis zu Deutschland war nicht ungetrübt. Als Reaktion auf das Kulturgutschutzgesetz 2016 zog er seine Dauerleihgaben aus deutschen Museen ab. Der Maler und Bildhauer befürchtete, nicht mehr frei über sein Eigentum verfügen zu können.
Die überdimensionalen Bilder, die ihn weltberühmt machten, das sei auch Geltungsdrang gewesen, sagte Baselitz dem Kurator der Werkschau 2018 in der Fondation Beyeler, Martin Schwander. «Mit kleinen Formaten kannst du nichts werden» - so habe er lange gedacht. Und: «Das Großformat zerstört auch das einvernehmliche Verhältnis zwischen Sofa und Bürgertum, da die Bilder nicht durch die Tür gehen.»
Selbst, als seine Bilder schon in den wichtigsten Museen hingen und auf dem Kunstmarkt Millionenpreise erzielten, war Baselitz noch von Angst getrieben: «Die Unsicherheit und die Angst vor dem Scheitern sind ein tägliches Problem», sagte er.