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«Leave The World Behind»: Thriller mit Julia Roberts

Ein Wochenendausflug aufs Land wird für eine Familie zum Alptraum. Erst fallen Internet und Telefon aus, dann häufen sich mysteriöse Vorfälle. Nachts stehen zwei Fremde vor der Tür.

Amanda (Julia Roberts) und Clay (Ethan Hawke) wollen in einer Luxusvilla in Long Island die Welt hinter sich lassen. Da steht plötzlich G.H. (Mahershala Ali) mit seiner Tochter Ruth (Myha’la) vor der Tür. Foto: -/©2023 Netflix/dpa
Amanda (Julia Roberts) und Clay (Ethan Hawke) wollen in einer Luxusvilla in Long Island die Welt hinter sich lassen. Da steht plötzlich G.H. (Mahershala Ali) mit seiner Tochter Ruth (Myha’la) vor der Tür.

London (dpa) - Wie würde man reagieren, wenn es im Ferienhaus nachts an der Tür klopft, der angebliche Besitzer des Hauses wegen eines Notfalls um Einlass bittet? Er wirkt freundlich, trägt einen schicken Smoking und hat seine Tochter dabei. Ausweisen kann er sich nicht.

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Der düstere Thriller «Leave The World Behind» beinhaltet mehrere solcher «Was würden Sie tun?»-Momente. In der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Rumaan Alam wird ein Familienausflug von mysteriösen Ereignissen überschattet, die die betroffenen Menschen auf eine harte Probe stellen.

«Ich würde gar nicht erst die Tür öffnen», gibt Julia Roberts im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in London zu und lacht. Der Hollywood-Superstar spielt Amanda Sandford, eine Werbemanagerin aus New York City, die für sich und ihre Familie ein Wochenende in einer Luxusvilla in Long Island bucht. Die nächsten Nachbarn sind dort weit entfernt.

Mit ihrem Mann, dem Uni-Professor Clay (Ethan Hawke) und den Kindern Archie (Charlie Evans) und Rose (Farrah Mackenzie) will Amanda «die Welt hinter sich lassen». So ist es in der Broschüre für das Ferienhaus angepriesen, daher auch der Titel des Films.

Ein Gefühl der Spannung und Angst

Vor Ort funktionieren weder Internet noch Telefon oder Fernsehen. Bei einem Strandausflug passiert etwas Merkwürdiges. Ein riesiger Tanker steuert direkt auf den Strand zu und läuft auf Grund. Als Zuschauer merkt man schnell: hier stimmt was nicht. «Der Film wird Leute nervös machen», sagt Regisseur und Drehbuchautor Sam Esmail grinsend im dpa-Gespräch. «Wenn ich versuche, ein Gefühl der Spannung und Angst zu schaffen, dann will ich das nicht künstlich erzeugen, sondern ich versuche, die Ängste aufzugreifen, die das Publikum vielleicht schon hat.» Das gelingt dem Schöpfer der Serie «Mr. Robot» perfekt.

Die Kinder schlafen bereits, Amanda und Clay gönnen sich einen Drink, als es nachts an der Tür klopft. Ein Mann im Smoking (Mahershala Ali) stellt sich als George vor, der Besitzer des Hauses. In New York City habe es einen kompletten Stromausfall gegeben, aus Sicherheitsgründen sei er mit seiner Tochter Ruth (Myha'la) deshalb zu seinem Ferienhaus gefahren. Nun bittet er darum, dort übernachten zu dürfen und bietet den Sandfords dafür auch einen Rabatt an. Amanda ist skeptisch und fast feindselig. Clay überzeugt seine Frau jedoch, den Fremden zu helfen. Ob Rassismus eine Rolle spielt, mag das Publikum bewerten.

Roberts spielt keine der Sweetheart-Rollen, für die sie einst berühmt war. Amanda ist anstrengend und nicht immer sympathisch, was in dieser extremen Lage durchaus nachvollziehbar ist. Die dreifache Mutter Roberts kann sich daher teilweise mit der gestressten Mutter identifizieren. «Ich verstehe, dass sie etwas misstrauisch und überfürsorglich ist», sagt die 56-Jährige. «Sie hat ihre beiden Kinder im Haus, und es ist mitten in der Nacht. Sie versucht einfach, die Dinge zu verarbeiten und zu verstehen, die keinen Sinn ergeben, und das bringt nicht gerade ihre charmanteste Seite zum Vorschein.»

Lauter unheimliche Vorfälle

Am selben Abend erscheint auf dem Fernseher eine Nachricht: Die USA haben den nationalen Notstand ausgerufen. Was genau passiert ist, bleibt unklar. Aber George weiß offenbar mehr als die anderen. Am nächsten Tag häufen sich die unheimlichen Vorfälle: ohrenbetäubende Geräusche, Drohnen, die Flugblätter verteilen, plötzliches Auftauchen von Wildtieren, ein Flugzeugabsturz. Eine Szene mit selbstfahrenden Tesla-Autos gehört zu den Höhepunkten. Die Angst, die Spannungen und das Misstrauen zwischen den Menschen in der luxuriösen Villa steigen.

Der Film entwickelt früh eine sehr unbehagliche Atmosphäre, auch dank origineller Kameraperspektiven und der bedrohlichen Filmmusik von Mac Quayle («Mr. Robot», «American Horror Story»). Sam Esmail wurde erkennbar von Großmeister Alfred Hitchcock inspiriert, dem legendären Regisseur von Schockern wie «Psycho» oder «Die Vögel». «Natürlich», bestätigt Esmail im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Ganz ehrlich, wenn irgendein Filmemacher da draußen sagt, dass er nicht von Hitchcock beeinflusst wurde, lügt er wahrscheinlich.»

Was Esmail an Hitchcock besonders liebt: «Dass einem seine Figuren nahegehen und es sich voll und ganz um sie dreht. Das wollte ich auch mit diesem Film erreichen», sagt der 46-Jährige. «Es ist ein Katastrophenfilm, aber im Mittelpunkt stehen die Charaktere, die Katastrophe ist sekundär und liegt irgendwo in der Ferne.» Dass das eigentliche Unheil so weit weg ist und man bis zum - offenen - Ende rätselt, was passiert ist, ist ein wichtiger Aspekt der Spannung.

Hochkarätige Besetzung

Oscar-Preisträgerin Julia Roberts («Erin Brockovich»), der zweifache Oscar-Gewinner Mahershala Ali («Moonlight», «Green Book») und der bereits vier Mal für einen Oscar nominierte Ethan Hawke laufen in «Leave The World Behind» zu Höchstleistungen auf. Die Verzweiflung und Hilflosigkeit der Protagonisten ist greifbar. Es genügt schon, wenn einer der Protagonisten verängstigt aus dem Fenster schaut. In einer Nebenrolle glänzt Kevin Bacon als Danny. Danny ist ein Prepper und möglicher Verschwörungstheoretiker - oder weiß er einfach mehr?

«Leave The World Behind» ist ein intelligenter und hochspannender Thriller, der beängstigend realistisch wirkt und zum Nachdenken anregt. Die Netflix-Produktion (Start 8.12.), zu deren ausführenden Produzenten Barack und Michelle Obama gehören, lief leider nur für kurze Zeit im Kino, um sich für die Oscars qualifizieren zu können. Dabei zeigt «Leave The World Behind» ironischerweise - gewollt oder nicht - die Tücken des Streamings und die Vorteile physischer Medien. Eine DVD oder eine Schallplatte kann man eben auch ohne Internet abspielen.