Zeitlose Stimme

Mireille Mathieu wird 80 - und hat immer noch Lampenfieber

Wie bleibt eine Künstlerin über sechs Jahrzehnte hinweg unverwechselbar? Mireille Mathieu hat darauf ihre eigene Antwort gefunden. Zum 80. Geburtstag blickt sie nicht zurück, sondern nach vorn.

Sie hat vor Königen, Präsidenten und Millionen Zuschauern gesungen. Trotzdem hat Mireille Mathieu bei ihren Auftritten Lampenfieber, wie sie verrät. (Archivfoto) Foto: Bodo Schackow/dpa
Sie hat vor Königen, Präsidenten und Millionen Zuschauern gesungen. Trotzdem hat Mireille Mathieu bei ihren Auftritten Lampenfieber, wie sie verrät. (Archivfoto)

Paris (dpa) - Im Musikgeschäft, in dem Trends kommen und gehen, wirkt Mireille Mathieu wie eine Ausnahmeerscheinung. Ihr tiefschwarzer Pagenkopf, die roten Lippen und die unverwechselbare, glockenhelle Stimme sind seit den 1960er Jahren nicht nur Markenzeichen, sondern ein Stück Musikgeschichte. Doch hinter der scheinbaren Unveränderlichkeit der Französin, die am Mittwoch (22. Juli) 80 Jahre wird, steckt kein Stillstand. 

Denn bei aller Erfahrung ist Mireille Mathieu vor jedem Auftritt noch immer die Künstlerin, die den besonderen Moment spürt. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur beschreibt sie sich als neugierig, diszipliniert - und empfindsam. «Ich habe Lampenfieber», sagte sie. Ein Satz, der überrascht aus dem Mund einer Sängerin, die vor Präsidenten, Königen und Millionen Zuschauern gesungen hat.

Vor ihrem Jubiläumskonzert im Pariser «Olympia» im Oktober vergangenen Jahres kämpfte sie nach eigenen Worten eine Woche lang mit der Aufregung. Ausgerechnet dort hatte ihre Karriere im Dezember 1965 begonnen, als sie erstmals auf der Bühne des legendären Konzertsaals stand. 

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Sechzig Jahre später kehrte sie mit einem abendfüllenden Programm zurück. «Das Publikum gibt mir so viel», sagte sie. Für Mathieu ist ein Konzert bis heute eine Begegnung, keine Routine. Zum Jubiläum kamen Fans aus Deutschland, Skandinavien, Kanada, Brasilien, Mexiko und vielen weiteren Ländern. 

Die Zahlen hinter ihrer Karriere sind beeindruckend: Mehr als 1.200 Lieder hat Mathieu in zwölf Sprachen aufgenommen, mehr als 3.000 Konzerte weltweit gegeben. 

Der Spatz, der Deutschland eroberte

Ihre Karriere versteht sie vor allem als Reise durch Kulturen. «Mein Beruf hat mir ermöglicht, verschiedene Kulturen kennenzulernen», sagt sie. Genau darin liege das größte Geschenk.

Besonders eng ist ihre Verbindung zu Deutschland. Hier wurde sie zum «Spatz von Avignon» - ein Spitzname, der auf ihre Heimatstadt Avignon in der Provence verweist und ihre zierliche Gestalt mit ihrer außergewöhnlichen Stimme verbindet. Hier sang sie ihre ersten großen deutschen Erfolge wie «Hinter den Kulissen von Paris» und «Akropolis Adieu». 

Seit über 60 Jahren steht Mireille Mathieu auf der Bühne. (Archivfoto) Foto: Reiss/dpa
Seit über 60 Jahren steht Mireille Mathieu auf der Bühne. (Archivfoto)

Die Beziehung zu Deutschland blieb über Jahrzehnte bestehen. 1984 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft. Begegnungen mit Künstlern wie Peter Alexander oder später Florian Silbereisen sind Erinnerungen, die sie bis heute bewahrt. Und auch nach sechs Jahrzehnten auf der Bühne ist dieses Kapitel ihrer Karriere nicht abgeschlossen: Im Herbst kehrt Mireille Mathieu erneut nach Deutschland zurück.

Aus Avignon in die Welt

Dabei war ihr Weg alles andere als selbstverständlich. Geboren am 22. Juli 1946 in Avignon als ältestes von 14 Kindern, wuchs sie in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater, ein Steinmetz, liebte die Oper und gab seiner Tochter die Liebe zur Musik weiter. 

Als Kind sang Mathieu in der Kirche und bei Festen. Weil sie Schwierigkeiten in der Schule hatte, verließ sie früh die Ausbildung und arbeitete in einer Fabrik. Sie selbst beschrieb ihren Traum einst wie ein Märchen: Vor dem Spiegel habe sie mit einem Besen als Mikrofon von einer Karriere als Sängerin geträumt.

1964 kam der entscheidende Moment: Bei einem Talentwettbewerb in Avignon gewann sie mit einem Lied von Edith Piaf, Frankreichs großer Chansonnière. Aus der jungen Fabrikarbeiterin wurde über Nacht ein Star. Die Verbindung zu Piaf blieb ihr Leben lang wichtig. Bis heute empfindet sie Piaf als eine künstlerische Mutterfigur - und ihre eigene Mutter als den wichtigsten Menschen ihres Lebens.

Der größte Fan und die größte Liebe

Wenn Mathieu von ihrer Mutter spricht, wird die große Bühnenfrau plötzlich ganz privat. Ihre Mutter, die sie viele Jahre auf Tourneen begleitete, war ihr größter Fan. Ein Lied über sie zu singen, fällt ihr noch immer schwer. Bei «Maman la plus belle du monde» (Mama, du bist die Schönste der Welt) kommen ihr die Tränen. 

Ihr Leben ist geprägt von Disziplin. Sie schläft viel, ernährt sich bewusst, macht täglich Gesangsübungen und schützt ihre Haut seit Jahrzehnten vor der Sonne. Sie erzählt mit einem Lächeln, dass sie bereits seit ihrem 23. Lebensjahr konsequent Sonnenschutz benutzt. Hinter dieser Disziplin steckt für sie die Voraussetzung, auch nach so vielen Jahren auf der Bühne bestehen zu können.

Mathieus innere Balance

Ruhe findet Mathieu in ihrem Zuhause in Neuilly-sur-Seine zwischen Magnolien und Hortensien. Zu ihrer inneren Balance gehört auch der Glaube. Vor Konzerten besucht sie Kirchen, zündet eine Kerze an und singt für sich «Panis Angelicus». 

Diese Tradition nimmt sie überallhin mit. Sie erzählt von einer armenischen Kirche in Istanbul, in der sie singen durfte, und von einem türkischen Lied, das sie auf Französisch interpretierte, während das Publikum den Refrain übernahm. Für sie ist Musik eine Sprache, die Grenzen überwindet.

Was bleibt

Ans Aufhören denkt Mireille Mathieu nicht. Zwar hat sie das Tempo gedrosselt: Statt langer Auslandstourneen plant sie kürzere Gastspielreisen und möchte sich mehr Zeit für sich selbst und kreative Projekte nehmen. Eine neue Facette hat sie bereits entdeckt. Darüber spricht sie mit der gleichen Bescheidenheit, die sie seit Jahrzehnten auszeichnet: «Ich bin wirklich Anfängerin», sagt sie.

Nach sechs Jahrzehnten auf der Bühne hat Mathieu nicht nur ihren Pagenkopf, ihre roten Lippen und ihre unverwechselbare Stimme bewahrt, sondern auch das, was ihre Karriere geprägt hat: die Ernsthaftigkeit gegenüber dem Beruf, die Nähe zum Publikum und diese überraschende Mischung aus Welterfahrung und Lampenfieber.