Rätsel um Flugpionierin

Neue Spur zu Pilotin Amelia Earhart – Suche im Südpazifik

Fast 90 Jahre nach ihrem Verschwinden gibt es eine neue Spur zu Amelia Earhart: Vor einem Südseeatoll liegen mögliche Wrackteile im Wasser. Nun macht sich ein Team von Forschern auf den Weg.

Wird das Rätsel um den Verbleib von Amelia Earthart und ihrer Lockheed Electra 10E endlich gelöst? (Archivbild) Foto: Uncredited/AP/dpa
Wird das Rätsel um den Verbleib von Amelia Earthart und ihrer Lockheed Electra 10E endlich gelöst? (Archivbild)

Nikumaroro (dpa) - Am 2. Juli 1937 verschwand Pilotin Amelia Earhart spurlos – mitten über dem Pazifik, in einem silbernen Doppelmotor-Flugzeug und auf dem Weg in die Geschichtsbücher. Sie war die erste Frau, die allein den Atlantik überflog, eine Ikone des Muts und der Moderne und ein Vorbild für Generationen von Pilotinnen. Ihr Versuch, als erste Frau die Erde zu umrunden, machte sie zur Legende – ihr Verschwinden zum Mythos. 

Seitdem ranken sich Spekulationen um das Schicksal der damals 39-jährigen Flugpionierin: Stürzte sie ins Meer? Strandete sie auf einer Insel? Oder wurde sie gar gefangen genommen?

Jetzt wollen Forscher Klarheit schaffen: Am Samstag startet eine 17-köpfige Expedition zum winzigen Nikumaroro-Atoll im Inselstaat Kiribati, etwa auf halber Strecke zwischen Hawaii und Australien. Dort könnte sich – so hoffen die Wissenschaftler – das Wrack von Earharts Lockheed Electra 10E befinden. 

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«Ich bin sehr dankbar, in der Lage zu sein, vielleicht eines der größten Rätsel aller Zeiten zu lösen», sagte Expeditionsleiter Richard Pettigrew. Eigentlich war die Reise bereits im vergangenen Jahr geplant, wurde dann aber wegen logistischer Hürden und fehlender Genehmigungen verschoben.

Das Rätsel um das «Taraia-Objekt»

Ausgangspunkt der Suche ist eine auffällige Struktur auf Satellitenbildern, das sogenannte «Taraia-Objekt». Es liegt in der flachen Lagune von Nikumaroro und misst etwa zehn Meter. Das ist in etwa so lang wie der Rumpf von Earharts Flugzeug. Das Gebilde wurde nach einem Wirbelsturm 2015 erstmals auf Satellitenbildern sichtbar, nachdem Sedimente weggespült worden waren. Seither taucht es mal deutlicher, mal schwächer auf – als heller Schimmer unter dem türkisfarbenen Wasser. Der Name stammt von der Taraia-Halbinsel, die von der Nordseite der Lagune nach Südwesten ragt.

Wissenschaftler der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana – Earharts einstiger akademischer Heimat – wollen mit einem Team der gemeinnützigen Organisation Archaeological Legacy Institute (ALI) vor Ort untersuchen, was sich wirklich unter der Oberfläche verbirgt. 

Zu Beginn soll das Gebiet mit Video- und Fotoaufnahmen dokumentiert werden, bevor die Forscher den Meeresboden mit Magnetometern und Sonar erkunden. Anschließend soll das Objekt mit Hilfe einer hydraulischen Saugvorrichtung vorsichtig freigelegt werden. Auch das umliegende Ufer wird systematisch nach angeschwemmten Trümmern abgesucht. Sollte sich die Struktur als Flugzeugteil erweisen, wäre das eine der spektakulärsten archäologischen Entdeckungen der Luftfahrtgeschichte.

Wer war Amelia Earhart?

Ein großer Teil von Earharts Popularität rührte vom Charisma der jungen Frau mit Kurzhaarschnitt her, die schon als Kind als Draufgängerin galt. Als sie 1922 ihre Fluglizenz bekam, war allein schon das eine Schlagzeile wert. 1928 war sie die erste Frau, die den Atlantik überquerte, allerdings noch als Passagierin. Sie sei nur Fracht gewesen, «wie ein Sack Kartoffeln», machte sie ihrem Ärger später Luft. Doch zumindest war sie nun eine Nationalheldin und konnte mit ihrer Popularität ihr eigentliches Herzensprojekt angehen: selbst über den Atlantik zu fliegen.

Amelia Earhart war eine der bekanntesten Flugpionierinnen überhaupt. (Archivbild) Foto: Zuma Press/dpa
Amelia Earhart war eine der bekanntesten Flugpionierinnen überhaupt. (Archivbild)

Und das tat sie. Reibungslos verlief der Flug über den Ozean allerdings nicht: Wegen versagender Ausrüstung und eines undichten Tanks endete die Überquerung fast in einer Katastrophe. Earhart kämpfte mit Müdigkeit, Flammen und Eis auf den Flügeln. Doch sie brachte die Maschine wieder unter Kontrolle und landete schließlich auf einem Feld in Nordirland.

Medienstar und Frauenrechtlerin

Der weltweite Ruhm war ihr danach sicher. Die Pilotin wurde ein Medienstar, ständiger Gast im Weißen Haus und nutzte ihren Einfluss auch, um immer wieder für die Rechte der Frauen einzutreten, denn sie war «der männlichen Dominanz überdrüssig».

Aber wie konnte sie die tollkühne Atlantik-Überquerung noch toppen? Ihre Antwort: Ein Flug um die Welt, den sie 1937 in Angriff nahm. Nach zahlreichen Zwischenlandungen sollte sie nach der Umrundung des Globus wieder auf US-Boden landen. Doch der Stichtag verstrich, ohne dass Earhart oder ihr Navigator Fred Noonan auftauchten. 

Knochenfunde auf Nikumaroro

Nikumaroro ist kein neuer Name in der langen Suche nach Earhart. Schon seit den 1980er Jahren vermuten Forscher, dass die Pilotin dort notlandete, nachdem sie das winzige Howland Atoll – ihr eigentliches Ziel – verfehlte und der Treibstoff knapp wurde. Mehrere Expeditionen fanden auf der Insel Überreste, die aus den 1930er-Jahren stammen könnten: etwa Teile eines Damenschuhs und eines Spiegels, Knöpfe und Acrylglas. Indizien, die in die Zeit von Earhart passen, aber nie eindeutig belegt wurden.

Auch waren auf Nikumaroro schon 1940 Knochen entdeckt worden, die aber später nicht mehr aufzufinden waren. 2018 veröffentlichte der amerikanische Anthropologe Richard L. Jantz in der Fachzeitschrift «Forensic Anthropology» eine Studie, wonach die Maße der menschlichen Überreste gut zu den Körpermaßen Earharts passen könnten.

Das Taraia-Objekt gibt Anlass zur Hoffnung auf Antworten. Expeditionsleiter Pettigrew nannte die Mission die vielleicht größte Chance überhaupt, das Mysterium endlich aufzuklären. «Amelia Earharts Flugzeug, die Electra, zu finden, wäre eine einmalige Entdeckung», sagte er. Das Team will zunächst nur dokumentieren, nicht bergen. Erst eine zweite Mission könnte später Wrackteile heben und wissenschaftlich analysieren.