Moskau

Kreml macht Kiew für Drohnenangriffe verantwortlich

Seit Monaten bombardiert Russland in der Ukraine zivile Ziele. Nun bekommt Moskau die Folgen des Kriegs selbst zu spüren. Die Schäden sind klein, doch die Verunsicherung groß. Putin droht mit einer Reaktion.

Ein Wohnhaus, das Berichten zufolge durch eine ukrainische Drohne beschädigt wurde. Foto: Uncredited/AP
Ein Wohnhaus, das Berichten zufolge durch eine ukrainische Drohne beschädigt wurde.

Moskau/Kiew (dpa) - Lange schien der Krieg gegen die Ukraine für viele Moskauer weit weg zu sein - jetzt ist er da. Am frühen Dienstagmorgen meldete die russische Hauptstadt verschiedene Drohnenangriffe. Mehrere Wohngebäude werden geringfügig beschädigt, zwei Menschen leicht verletzt.

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Russlands Verteidigungsministerium machte die Ukraine dafür verantwortlich und spricht von «Terror». Die Führung in Kiew weist die Beschuldigungen zurück.

«Heute Morgen hat das Kiewer Regime einen Terrorakt mit unbemannten Flugkörpern auf Objekte der Stadt Moskau verübt», hieß es vom russischen Militär. Die russische Flugabwehr fing nach Angaben von Verteidigungsminister Sergej Schoigu alle angreifenden Drohnen über Moskau ab. «Drei Drohnen, die mit Mitteln der elektronischen Kampfführung über Moskau neutralisiert wurden, verloren die Steuerung und kamen von den anvisierten Zielen ab», sagte Schoigu nach Angaben seines Ministeriums. «Fünf weitere wurden im Moskauer Umland vom Flugabwehrkomplex Panzir abgeschossen.» Durch die Angriffe wurden nach früheren russischen Angaben mehrere Häuser geringfügig beschädigt und zwei Menschen leicht verletzt.

Schoigu sprach von einem «Terroranschlag» gegen zivile Objekte. Zugleich nannte er die eigenen Drohnen- und Raketenangriffe gegen Kiew und ukrainische Städte äußerst erfolgreich. So sei in den vergangenen Tagen erneut ein US-Flugabwehrsystem vom Typ Patriot getroffen worden. In den Gebieten Chmelnyzkyj, Ternopol und Mykolajiw seien große Waffenlager mit westlichen Rüstungsgegenständen vernichtet worden.

Auch Wladimir Putin selbst meldete sich am Abend zu Wort: Die Arbeit der eigenen Flugabwehr nannte er zufriedenstellend, forderte aber eine weitere Verbesserung. Die Flugabwehr solle verdichtet werden. «Wir werden das tun», versprach der Kremlchef. Den Angriff bewertete er als Provokation, damit Russland ebenso gegen ukrainische Zivilisten losschlage. Er drohte auch mit einer Reaktion.

Attacken in Russland häufen sich

Seit Wochen schon häufen sich Attacken auch in Russland - meist jedoch in der unmittelbaren Grenzregion zur Ukraine und nicht auf zivile Objekte. Es war aber nicht das erste Mal seit Beginn des Kriegs vor mehr als 15 Monaten, dass Drohnen bis in die Hauptstadt flogen. Erst Anfang Mai wurden zwei Flugkörper unmittelbar über dem Kreml abgefangen. Das brachte spektakuläre Bilder.

Damals wurde aus Sicht der Moskauer aber nicht das Dach des eigenen Gebäudes getroffen, sondern der Amtssitz von Präsident Wladimir Putin - und der war zum besagten Zeitpunkt nicht zuhause. Nun aber ist die Verunsicherung in der Riesenmetropole mit mehr als 13 Millionen Einwohnern groß. Die sozialen Netzwerke quellen über.

Die Polizei sperrt einen Bereich ab, in dem Ermittler Teile einer ukrainischen Drohne einsammeln, die Berichten zufolge ein Wohnhaus beschädigt hat. Foto: Uncredited/AP
Die Polizei sperrt einen Bereich ab, in dem Ermittler Teile einer ukrainischen Drohne einsammeln, die Berichten zufolge ein Wohnhaus beschädigt hat.

Fotos zeigen Rauchsäulen am Himmel und über einem Feld. In einem Video ist die Stimme eines Mannes zu hören: «Sie kommen immer näher und näher», sagt er, während er die anfliegenden Objekte offenbar aus dem Fenster seiner Wohnung filmt. «Ich weiß nicht, was ich machen soll. Wahrscheinlich sollte ich mich verstecken.» Was mit ihm dann geschah, weiß man nicht. Mehrere Gebäude wurden sicherheitshalber evakuiert. Kremlsprecher Dmitri Peskow nutzte den Vorfall, um einmal mehr den Angriffskrieg - in russischen Worten: die «militärische Spezialoperation» - gegen den Nachbarn zu rechtfertigen.

Erneut Angriffe auf Kiew

In der Ukraine wiederum sind Angriffe mit Drohnen, Marschflugkörpern und Raketen auf Wohnviertel seit Monaten brutale Realität. Mehr als 8700 getötete ukrainische Zivilisten haben die Vereinten Nationen seit Kriegsbeginn registriert, in Wirklichkeit dürften es noch deutlich mehr sein. Das übersteigt die Opferzahlen auf russischem Staatsgebiet um ein Vielfaches. Erst in der Nacht auf Dienstag bombardierte Russland erneut die Hauptstadt Kiew. Getroffen wurde auch ein Wohnhaus, eine Frau wurde getötet. Noch nie seit Februar vergangenen Jahres gab es in Kiew innerhalb eines Monats so viele Drohnen- und Raketenangriffe.

So ist wenig überraschend, dass sich das Mitgefühl der Ukrainer mit den betroffenen Hausbewohnern in Moskau in Grenzen hält. «Wir betrachten das mit Freude», sagte ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Mychajlo Podoljak. Er betonte aber zugleich, dass die ukrainische Führung nichts damit zu tun habe. «Ihr wisst, dass wir uns der Ära der Künstlichen Intelligenz nähern», fügte er spöttisch hinzu. «Möglicherweise sind nicht alle Drohnen bereit, die Ukraine zu attackieren, und sie wollen zu ihren Schöpfern zurückkehren.»

Wie nach dem Vorfall am Kreml wird im Internet auch jetzt gerätselt, ob die Angriffe eine so genannte False-Flag-Aktion Moskaus sein könnten, um eine weitere Eskalation im Krieg zu rechtfertigen. Andere weisen darauf hin, dass die im Westen und Südwesten von Moskau gelegenen Angriffsziele durchaus einen Start der Drohnen in der Ukraine nahelegen könnten.

Möglicherweise Vorbereitung auf Gegenoffensive

Einige Experten sehen die Angriffe und Sabotageakte auf russischem Gebiet als Vorbereitung auf die erwartete ukrainische Gegenoffensive. Sie könnten den Kreml zwingen, die Flugabwehr über Moskau auf Kosten strategisch wichtiger Frontabschnitte zu stärken.

Die Pläne zur Rückeroberung der von Russland besetzten Gebiete sind nach Angaben von Selenskyj mittlerweile fertig. «Die Entscheidungen sind getroffen», sagt der ukrainische Präsident. «Es gibt keine Alternative als die komplette Befreiung unseres Landes.» Inklusive der bereits 2014 annektierten Halbinsel Krim halten Russlands Truppen derzeit rund 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt.

London: Ukraine darf russisches Gebiet angreifen

Die Ukraine hat dem britischen Außenminister James Cleverly zufolge das Recht, zum Zweck der Selbstverteidigung auch Ziele auf russischem Staatsgebiet anzugreifen. Das sagte der konservative Politiker bei einer Pressekonferenz mit seinem estnischen Amtskollegen Margus Tsahkna in Estlands Hauptstadt Tallinn.

Zu den auf Moskau niedergegangenen Drohnen wollte sich Cleverly jedoch nicht äußern. «Ich habe keine Details und ich werde nicht über das Wesen der Drohnenangriffe auf Moskau spekulieren», sagte er. Grundsätzlich sei es aber Teil des ukrainischen Rechts auf Selbstverteidigung, über das eigene Territorium hinaus zuzuschlagen, um Russlands Fähigkeiten zu Schlägen auf ukrainisches Gebiet zu vermindern.

Weißes Haus: Unterstützen keine Angriffe innerhalb Russlands

Die US-Regierung bekräftigte unterdessen, keine Angriffe innerhalb Russlands zu unterstützen. «Wir haben uns nicht nur öffentlich, sondern auch privat gegenüber den Ukrainern klar geäußert, aber wir wollen uns nicht auf Hypothesen einlassen», sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Karine Jean-Pierre, in Washington.

Man sammle derzeit Informationen, um herauszufinden, was genau passiert sei. Gleichzeitig machte sie deutlich: «Wir unterstützen keine Angriffe innerhalb Russlands. Punkt.» Sie forderte Russland erneut dazu auf, den Krieg in der Ukraine zu beenden und verurteilte die «brutalen» russischen Luftangriffe auf das Nachbarland.