Russischer Angriffskrieg

Odessa durchlebt schwersten Angriff seit Kriegsbeginn

Über Odessa und zwei andere Schwarzmeerhäfen lieferte die Ukraine bislang trotz Kriegs Getreide in die Welt. Moskau hat die Vereinbarung nun gekündigt und beschießt die ukrainische Küste.

Beschädigtes Lagerhaus in Odessa nach einem russischen Raketenschlag Mitte Juni. Laut dem Bürgermeister der Schwarzmeerstadt gab es nun den größten Angriff seit Kriegsbeginn. Foto: Nina Lyashonok/AP/dpa
Beschädigtes Lagerhaus in Odessa nach einem russischen Raketenschlag Mitte Juni. Laut dem Bürgermeister der Schwarzmeerstadt gab es nun den größten Angriff seit Kriegsbeginn.

Odessa (dpa) - Russland hat die südukrainische Hafenstadt Odessa die zweite Nacht in Folge massiv mit Raketen und Drohnen angegriffen. Der Hafen war bislang Hauptausgangspunkt für ukrainische Agrarexporte im Rahmen des Getreideabkommens, das Moskau aufgekündigt hat. In Odessa vermutet Russland auch die Kommandozentrale für Angriffe von Schwimmdrohnen, die am Montag mutmaßlich die Brücke auf die von Moskau besetzte Halbinsel Krim beschädigt haben.

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Der Bürgermeister von Odessa, Hennadij Truchanow, schrieb bei Facebook: «Einen solchen großen Angriff haben wir seit dem Beginn des groß angelegten (russischen) Einmarsches nicht erlebt.» In der Stadt seien mehrere Gebäude durch Explosionen beschädigt worden. Laut Behörden wurden mindestens sechs Menschen verletzt.

Hafenanlagen und militärische Ziele getroffen

Dem Südkommando der ukrainischen Streitkräfte zufolge wurden Hafenanlagen mit einem Getreide- und einem Speiseölterminal getroffen. Beschädigt wurden auch Tanks und Verladeanlagen. Im Stadtgebiet von Odessa seien auch Lagergebäude zerstört worden. Zudem sei auf einer Fläche von 3000 Quadratmetern ein Brand ausgebrochen.

Auch militärische Ziele und Anlagen der wichtigen Infrastruktur seien getroffen worden, teilte die ukrainische Luftwaffe mit. Insgesamt habe die russische Armee am Mittwochmorgen über 31 Raketen unterschiedlicher Typen eingesetzt. Etwas mehr als die Hälfte habe nicht abgefangen werden können. Von 32 eingesetzten russischen Kampfdrohnen wurden demnach 23 abgeschossen.

Selenskyj: Raketen zielten auf Getreideabkommen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj brachte die massiven russischen Angriffe auf die Hafenanlagen in Odessa mit dem Ende des Getreideabkommens in Verbindung. «Die russischen Terroristen zielen absolut bewusst auf die Infrastruktur des Getreideabkommens, und jede russische Rakete ist ein Schlag nicht nur auf die Ukraine, sondern auf alle in der Welt, die ein normales und sicheres Leben anstreben», schrieb der Staatschef bei Telegram. Dem Militär sei die Anweisung gegeben worden, die Hafeninfrastruktur besser zu schützen.

Das Außenministerium solle an verstärktem internationalen Druck für eine «Fortsetzung des normalen Exports von ukrainischem Getreide» arbeiten.

Angriffe auch in anderen Teilen der Ukraine

Berichte über abgefangene Flugobjekte gab es auch aus den Gebieten Kiew, Mykolajiw und Sumy. Im westukrainischen Gebiet Schytomyr ist Behörden zufolge ein Objekt der kritischen Infrastruktur getroffen worden. Raketeneinschläge gab es demnach auch im zentralukrainischen Gebiet Kirowohrad.

Schon in der Nacht auf Dienstag war Odessa Hauptziel der russischen Angriffe gewesen. Dies wurde vom Verteidigungsministerium in Moskau ausdrücklich als Reaktion auf die Beschädigung der 19 Kilometer langen Krim-Brücke am Tag zuvor bezeichnet.

Nach Zählung des ukrainischen Generalstabs setzte die russische Armee bei diesem Schlag sechs Marschflugkörper vom Typ Kalibr ein, die alle abgefangen wurden. Von 35 russischen Kampfdrohnen habe die Luftabwehr 31 zerstört.

Die Ukraine verteidigt sich seit fast 17 Monaten gegen die russische Invasion. Das Land hat seit dem vergangenen Herbst seine Luftabwehr mit internationaler Hilfe verbessert. Doch es können nicht alle Städte so gut geschützt werden wie die Hauptstadt Kiew.

Ebenfalls am Montag hatte Russland die Sicherheitsgarantien für einen sicheren Transport von Agrargütern aus drei ukrainischen Schwarzmeerhäfen aufgekündigt. Dazu und zu den Angriffen sagte Andrij Jermak, Leiter des Präsidialamtes in Kiew: «Der russische Terror bei Odessa beweist ein weiteres Mal: Sie brauchen Hunger und Probleme in den Ländern des Globalen Südens. Sie möchten eine Flüchtlingskrise für den Westen schaffen.»