Krieg in Nahost

Tauziehen mit Hamas: Freude über Freilassung einiger Geiseln

In Israel und Deutschland herrscht Erleichterung über die Freilassung weiterer Geiseln. Doch sind immer noch knapp 180 Verschleppte in der Gewalt der Hamas. Palästinenser jubeln über entlassene Häftlinge. Der Überblick.

Menschen nehmen in Tel Aviv an einer Solidaritätskundgebung für die von der Hamas entführten Geiseln teil. Foto: Leo Correa/AP/dpa
Menschen nehmen in Tel Aviv an einer Solidaritätskundgebung für die von der Hamas entführten Geiseln teil.

Tel Aviv/Gaza (dpa) - Während der mehrtägigen Feuerpause im Gaza-Krieg sind seit Freitag insgesamt 58 Geiseln aus der Gewalt der Terrororganisation Hamas freigekommen. Eine dritte Gruppe traf in Israel ein. Im Gegenzug zu den 17 Freigelassenen sollten wie am Vortag erneut 39 palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen entlassen werden.

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Der Austausch ist Teil der von Katar vermittelten Vereinbarung über eine viertägige Feuerpause, die mindestens bis Dienstagmorgen dauern soll.

Die Hamas strebt nach eigener Darstellung eine Verlängerung der Feuerpause an. Ziel sei es, im Austausch gegen Geiseln mehr palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen zu bekommen, teilte die Terrororganisation am Sonntagabend mit. Eine Reaktion aus Israel stand zunächst aus. Auch Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu signalisierte grundsätzlich Bereitschaft zu einer Verlängerung der Feuerpause. Das Abkommen sehe die Möglichkeit vor, die Kampfpause im Gegenzug für die Freilassung 10 weiterer Geiseln pro Tag zu verlängern, teilte Netanjahu nach einem Gespräch mit US-Präsident Joe Biden mit. «Das wäre zu begrüßen.»

Gleichzeitig habe er Biden gesagt, dass die Kämpfe nach der Feuerpause wieder aufgenommen würden. Nach dem Ende des Abkommens werde Israel seine Kriegsziele «mit voller Kraft verwirklichen».

Biden hatte zuvor auf einer Pressekonferenz gesagt, dass er auf eine Verlängerung der Kampfpause hoffe. So könnten mehr Geiseln befreit und mehr humanitäre Hilfe für die Bedürftigen in Gaza bereitgestellt werden.

Am Montag wird die Freilassung weiterer Geiseln erwartet, die am 7. Oktober von den Islamisten verschleppt wurden.

Die Freude über die Freilassung war am Wochenende groß, wurde allerdings getrübt durch die Sorge um die weiter von der Hamas festgehaltenen Menschen. In Israel wird davon ausgegangen, dass noch knapp 180 Geiseln in den Händen der Extremisten sind. Unter den seit Freitag Freigelassenen waren 40 Israelis, darunter auch acht deutsche Doppelstaatsbürger sowie andere mit einem zweiten Pass.

US-Staatsbürgerin freigelassen

Zum ersten Mal war mit einem vierjährigen Mädchen auch eine Geisel dabei, die die US-Staatsangehörigkeit besitzt. «Sie ist frei und sie ist jetzt in Israel», sagte US-Präsident Joe Biden. «Was sie ertragen musste, ist unvorstellbar.» Die Mutter sei bei dem Angriff der Hamas-Terroristen am 7. Oktober vor Augen des Mädchens getötet worden, sagte Biden. Der Vater sei ebenfalls erschossen worden, als er sich schützend über das Mädchen legte. Das Kind sei dann zu den Nachbarn in ihrem Kibbuz gerannt, die ebenfalls als Geiseln genommen wurden. Am vergangenen Freitag habe es ihren vierten Geburtstag in Gefangenschaft verbracht.

Zusätzlich zu den 40 Israelis wurden seit Beginn der Feuerpause insgesamt 18 Ausländer, darunter 14 thailändische, ein philippinischer Staatsbürger sowie auch ein Russe freigelassen. Diese Ausländer kamen unabhängig von dem Geiseldeal zwischen der Hamas und Israel frei.

Im Rahmen dieser Vereinbarung entließ Israels Regierung eine größere Zahl palästinensischer Häftlinge aus dem Gefängnis - am Freitag und Samstag jeweils schon 39 Frauen und Minderjährige. Eine dritte Gruppe sollte am Abend noch freikommen.

Auf den Straßen im israelisch besetzten Westjordanland und in Ost-Jerusalem wurden die 39 am Samstag entlassenen palästinensischen Häftlinge von einer Menschenmenge mit Jubel begrüßt. Dabei wurden Hamas-Fahnen geschwenkt, wie «The Times of Israel» berichtete.

Biden schaltet sich ins diplomatische Ringen ein

Die Freilassungen waren am Samstag zunächst ins Stocken gekommen, weil die Hamas die Übergabe der zweiten Gruppe in letzter Minute stoppte. Als Grund nannte die Terrororganisation, dass Israel aus ihrer Sicht gegen einen Teil des Geisel-Deals verstoßen habe. Sie warf Israel unter anderem vor, nicht ausreichend Hilfslieferungen in den nördlichen Teil des Gazastreifens ermöglicht zu haben. Israel wies das zurück und drohte mit einer Aufkündigung des Abkommens.

US-Präsident Biden schaltete sich daraufhin am Samstag persönlich ein, wie eine Sprecherin seines Nationalen Sicherheitsrats berichtete. Der 81-Jährige habe mit dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, und dem katarischen Premier- und Außenminister, Mohammed bin Abdulrahman Al Thani telefoniert. Am Ende lenkte die Hamas ein und ließ die Geiseln spätabends frei.

Weitere deutsche Doppelstaatler frei

Bei den vier am Samstag freigekommenen Deutschen handelt es sich nach Angaben ihrer Familien um eine 67-jährige Frau sowie ihre 38-jährige Tochter und deren Kinder im Alter von 3 und 8 Jahren. «Ich denke an sie und an die, die noch in den Händen der Hamas sind. Wir arbeiten mit aller Kraft daran, dass auch sie bald in Freiheit sind», schrieb Außenministerin Annalena Baerbock auf X, ehemals Twitter. Schon am Freitag waren vier Deutsch-Israelis als Teil einer Gruppe von 24 Geiseln freigekommen.

Die laufende Feuerpause soll mindestens vier Tage bis Dienstagfrüh dauern. Gemäß der Vereinbarung sollen in dieser Zeit insgesamt 50 israelische Geiseln freigelassen werden. Eine Verlängerung der Feuerpause auf bis zu zehn Tage und weitere Freilassungen sollen möglich sein, wie Katar mitteilte.

Netanjahu erstmals seit Kriegsbeginn im Gazastreifen

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat erstmals seit Kriegsbeginn die Truppen im Gazastreifen besucht. «Wir unternehmen jede Anstrengung, um unsere Geiseln zurückzubringen, und am Ende werden wir sie alle zurückbringen», sagte Netanjahu laut seinem Büro zu den Soldaten. «Wir werden bis zum Ende weitermachen - bis zum Sieg.» Nach Angaben seines Büros schaute er sich bei dem Besuch auch einen von den Soldaten freigelegten Tunnel der Hamas an.

Steinmeier in Jerusalem zu Herzog: Unsere Solidarität mit Israel gilt

Zu einem Solidaritätsbesuch trafen die beiden höchsten Repräsentanten des deutschen Staates - Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) - in Israel ein. «Unsere Solidarität mit Israel gilt», sagte Steinmeier in Jerusalem bei einer Pressekonferenz mit Israels Staatspräsident Izchak Herzog.

«Sie gilt nicht nur mit dem Israel als Opfer des Terrors. Unsere Solidarität gilt auch mit dem Israel, das sich wehrt, das kämpft gegen eine existenzielle Bedrohung», so Steinmeier. Herzog dankte Steinmeier und der Bundesregierung für die «klare Haltung» zum Recht Israels, sich zu verteidigen.

Auslöser des jüngsten Gaza-Kriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen aus dem Gazastreifen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze begangen hatten. Dabei wurden mehr als 1200 Menschen getötet. Etwa 240 Geiseln wurden nach Gaza verschleppt, auch mehrere Deutsche.

Israel reagierte mit massiven Luftangriffen, einer Blockade des Gazastreifens und begann Ende Oktober eine Bodenoffensive. Dabei wurden nach Angaben der islamistischen Hamas fast 15.000 Menschen getötet. Mehr als 36.000 wurden demnach verletzt. Die Zahlen lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.

Tot geglaubtes Mädchen kommt frei

Nach 50 Tagen Gefangenschaft kam am Samstag auch ein ursprünglich einmal für tot gehaltenes, neunjähriges israelisch-irisches Mädchen frei. «Wir finden keine Worte, um unsere Gefühle nach 50 schwierigen und komplizierten Tagen zu beschreiben. Wir sind überglücklich, Emily wieder in die Arme schließen zu können», erklärte die Familie. Emily Hand war während ihrer Geiselhaft neun Jahre alt geworden, was in Dublin vor anderthalb Wochen mit einer Party gefeiert worden war.

Ihr Vater hatte in einem emotionalen TV-Interview unter Tränen seine Erleichterung darüber geäußert, dass sie nicht in die Hände der Hamas gefallen sei, weil das noch «schlimmer als der Tod» gewesen wäre. Später hieß es, seine Tochter sei womöglich doch als Geisel in den Gazastreifen verschleppt worden. Am Samstagabend war sie in Freiheit.