Tauchboot «Titan»

Hoffnung auf Überleben von «Titanic»-Abenteurern schwindet

Die Suche läuft auf Hochtouren, Klopfgeräusche machten zwischendurch Hoffnung auf ein Wunder - doch die Zeit für eine spektakuläre Rettung der Vermissten im Tauchboot «Titan» läuft bald ab.

Das «Titan»-Tauchboot des Unternehmens Oceangate Expeditions. Foto: OceanGate Expeditions/AP/dpa
Das «Titan»-Tauchboot des Unternehmens Oceangate Expeditions.

Boston/St. John's (dpa) - Rund vier Tage nach dem Verschwinden des Tauchboots in der Nähe des «Titanic»-Wracks im Nordatlantik schwindet die Hoffnung auf ein Überleben der fünf vermissten Abenteurer. Falls die «Titan» überhaupt noch intakt ist, dürfte nur noch Sauerstoff für wenige Stunden an Bord sein.

Die Rettungstrupps unter Führung der US-Küstenwache verstärkten ihre Anstrengungen gestern erneut. Zuvor hatten mehrere Unterwassergeräusche Hoffnungen geschürt, das Tauchboot mit den Insassen zu finden. Doch diese ließen sich Such-Koordinator Jamie Frederick zufolge nicht zuordnen: «Wir wissen nicht, was das ist», sagte er in Boston.

Das Tauchboot wird seit Sonntagvormittag (Ortszeit) vermisst. Die «Titan» war mit fünf Menschen an Bord auf dem Weg zum Wrack des berühmten Luxusdampfers. Das «Titanic»-Wrack liegt in rund 3800 Metern Tiefe. Etwa eine Stunde und 45 Minuten nach Beginn des Tauchgangs riss der Kontakt zum Mutterschiff «Polar Prince» ab.

Suche wird verstärkt

Die Suche aus der Luft und mit Schiffen wurde indes weiter verstärkt. Ein französisches Spezialschiff wurde in der Nacht zum Donnerstag (MESZ) vor Ort erwartet. Es hat einen Tauchroboter an Bord.

Die in der Nacht zum Mittwoch aufgenommenen Geräusche, die zunächst als Klopfen interpretiert wurde, könnten einem beteiligten US-Experten zufolge viele Ursachen haben. «Aus meiner Erfahrung mit der Akustik kann ich Ihnen sagen, dass es Geräusche von biologischen Stoffen gibt, die für das ungeübte Ohr von Menschen gemacht klingen», sagte Carl Hartsfield vom Oceanographic Systems Laboratory. Die Experten, unter anderem vom US-Militär, die die Aufnahmen abhören, seien aber dementsprechend geschult. Zudem gebe es auch einige Geräusche, die von Schiffen in dem Suchgebiet stammten.

«Manchmal finden wir nicht, wonach wir suchen»

Such-Koordinator Frederick sprach auf Nachfrage angesichts des sich schließenden Zeitfensters auch über ein mögliches Scheitern der Mission. «Manchmal finden wir nicht, wonach wir suchen», sagte er. Dann komme es vor, «dass man eine schwierige Entscheidung treffen muss. Wir sind aber noch nicht an diesem Punkt», betonte Frederick. Falls dieser Fall eintrete, würden die Familien der Vermissten lange vor der Öffentlichkeit unterrichtet. Frederick sagte auch, dass es gelte, «optimistisch und hoffnungsvoll» zu bleiben. Es handle sich weiter um einen Rettungseinsatz - nicht um eine Bergungsmission.

Der amerikanische Ozeanograf David Gallo sagte, ihn erinnerten die Geräusche an die vergebliche Suche nach der verschwundenen Passagiermaschine vom Flug MH370. «Hier ist ein wenig Vorsicht geboten, denn wenn Sie sich an das Malaysia-Airlines-Flugzeug erinnern, gab es alle möglichen Knall-, Piep- und Klopfgeräusche zu hören», sagte Gallo dem US-Sender CNN gestern Morgen (Ortszeit). «Es stellte sich immer als etwas anderes heraus.»

Fünf Menschen an Bord

An Bord der «Titan» befindet sich auch der Forscher Paul-Henri Nargeolet (77). Der als «Monsieur Titanic» bekannte Franzose gilt als einer der besten Experten für das Wrack des 1912 gesunkenen Luxusliners. Weitere Insassen sind der britische Abenteurer Hamish Harding (58), der mehrere Guinness-Weltrekorde hält, sowie der britisch-pakistanische Unternehmensberater Shahzada Dawood (48) und dessen 19-jähriger Sohn Suleman. Wie das «Oberbayerische Volksblatt» berichtete, stammt Dawoods Ehefrau aus Deutschland. Der fünfte Vermisste ist laut Betreiberfirma Oceangate Expeditions der Unternehmenschef Stockton Rush (61) als Kapitän des Bootes.

Die Zeit drängt dabei immer stärker: Schätzungen der Behörden zufolge dürfte der Sauerstoff nur noch bis heute Mittag (MESZ) reichen. Und selbst, wenn die Kapsel bis dann geortet ist, könnte eine erfolgreiche Bergung einige Zeit in Anspruch nehmen. Nach Angaben des Betreibers hat die 6,70 Meter lange «Titan» ausreichend Sauerstoff, um fünf Menschen für 96 Stunden zu versorgen.

In der Nähe der «Titanic» knapp 700 Kilometer südlich der kanadischen Insel Neufundland sind die Bedingungen äußerst schwierig. Es herrscht pechschwarze Dunkelheit, und der Wasserdruck ist groß.

Sogenannte Sonobojen sind ein wichtiges Hilfsmittel bei der Suche unter Wasser. Die Geräte werden von einem Flugzeug abgeworfen und sinken auf die erforderliche Tiefe. Ein Oberflächenschwimmer mit einem Funksender sichert die Kommunikation zwischen Sonar und Flugzeug. Die Sonargeräte senden Schallenergie aus - als «Ping» bezeichnet - und warten dann auf das zurückkehrende Echo eines Unterwasserobjekts. Sobald das Gerät das Echo auffängt, überträgt es die Informationen zurück an die Oberfläche.

Sicherheit im Fokus

An der Sicherheit der «Titan» kamen zunehmend Zweifel auf. Dafür sorgten auch Aussagen von Oceangate-Chef Rush in einem Podcast des CBS-Reporters David Pogue, der 2022 mit der «Titan» mitgefahren war. «Wissen Sie, irgendwann ist Sicherheit reine Verschwendung», sagte Rush da. «Ich meine, wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, stehen Sie am besten nicht auf. Steigen Sie nicht in Ihr Auto. Tun Sie gar nichts.» Die BBC berichtete unter Berufung auf US-Gerichtsdokumente, ein Oceangate-Mitarbeiter habe 2018 vor potenziellen Sicherheitsproblemen gewarnt. Mängel im Karbonrumpf des Boots könnten ohne strengere Tests unentdeckt bleiben, hieß es.

Oceangate bietet zahlungskräftigen Kunden eine abenteuerliche Reise - die Kosten für die insgesamt achttägige Expedition liegen bei 250.000 US-Dollar (229.000 Euro) pro Person.

Gestern waren weitere Schiffe auf dem Weg in das Suchgebiet, das mit rund 26.000 Quadratkilometern größer ist als Mecklenburg-Vorpommern. Darunter war die kanadische «HMCS Glace Bay», die eine Dekompressionskammer und medizinisches Personal an Bord hat. Verunglückte Taucher müssen nach der Rettung möglichst schnell in eine solche Kammer, um bleibende Schäden zu verhindern. Die US-Navy schickte das Schiffshebesystem «Fadoss» nach Neufundland.

Die «Titanic» war 1912 auf ihrer Jungfernfahrt von Southampton nach New York im Nordatlantik gesunken. Mehr als 1500 der 2200 Menschen an Bord starben. Die in zwei große Teile zerbrochenen Überreste des berühmten Luxusdampfers wurden 1985 entdeckt.