Auszeichnungen

Chemie-Nobelpreis kürt wichtiges Basiswissen für Medikamente

Die weltweit renommierteste Auszeichnung im Fach Chemie geht in diesem Jahr nach Frankreich und Japan. Die Forschung der Preisträger spielt eine zentrale Rolle bei der Herstellung von Medikamenten.

Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an den Franzosen Henri Kagan und den Japaner Kenso Soai. Foto: Fredrik Sandberg/TT News Agency/AP/dpa
Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an den Franzosen Henri Kagan und den Japaner Kenso Soai.

Stockholm (dpa) - Der Nobelpreis für Chemie geht in diesem Jahr an den Franzosen Henri Kagan (95) und den Japaner Kenso Soai (76) für entscheidende Grundlagen unter anderem für die Entwicklung von Medikamenten. Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm mit. 

«Henri Kagan und Kenso Soai haben eine Lösung für ein über ein Jahrhundert altes chemisches Rätsel geliefert: wie Homochiralität spontan entstehen kann», erläuterte der Vorsitzende des Nobelkomitees für Chemie, Heiner Linke. 

Moleküle, die sich wie Spiegelbilder verhalten

Was bedeutet Chiralität? Viele Moleküle wie Aminosäuren existieren als zwei Varianten, die sich wie Spiegelbilder zueinander verhalten - vergleichbar der linken und rechten menschlichen Hand. Die beiden Varianten, die sogenannte L- und R-Form, weisen völlig unterschiedliche Eigenschaften auf. In der Natur dominiert meist eine der beiden Varianten.

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An Andockstellen etwa von menschlichen Zellen passt eine Variante eines Moleküls perfekt - wie ein Schlüssel in ein Schloss. Die andere - der seitenverkehrte Schlüssel - passt dagegen nicht und kann das Schloss sogar beschädigen.

Breite Anwendung in der Medizin

Zentrale Bedeutung hat das Prinzip in der Medizin: Viele moderne Medikamente werden gezielt als ein einzelnes sogenanntes Enantiomer entwickelt, das eine gewünschte Wirkung hat. Die andere Variante, die unwirksam oder toxisch sein kann, wird dagegen vermieden.

Bedeutung hatte das Phänomen unter anderem beim Contergan-Skandal der 60er Jahre: Während die eine Form des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid Entzündungen hemmt, führt sein Spiegelbild zu Missbildungen bei ungeborenen Kindern. 

Missbildungen waren die Folge von Contergan-Einnahme während der Schwangerschaft. (Archiv) Foto: picture alliance / dpa
Missbildungen waren die Folge von Contergan-Einnahme während der Schwangerschaft. (Archiv)

Kagan, der an der Université Paris-Sud forschte, hatte 1986 eine Möglichkeit zur Beeinflussung chemischer Reaktionen entdeckt. So konnte er einen größeren Überschuss von einem der beiden Spiegelbilder erzeugen.

Soai von der Tokyo University of Science stellte in einer Veröffentlichung 1995 eine chemische Reaktion vor, die das theoretische Potenzial hatte, homochirale Moleküle zu erzeugen. Im Jahr 2003 präsentierte er dann eine Reaktion, bei der tatsächlich nur eines der beiden Spiegelbilder gebildet wurde. Abgesehen vom Leben selbst habe noch niemand zuvor dieses Kunststück vollbracht, schreibt das Nobelkomitee. «Die von ihnen entwickelten chemischen Reaktionen sind spektakulär», sagte Linke.

«Einer der aufregendsten Tage meines Lebens»

«Ich freue mich sehr, diese wunderbare Nachricht zum Nobelpreis erhalten zu haben. Das ist einer der aufregendsten Tage meines Lebens», sagte Soai, als er aus Japan zu der Preisbekanntgabe nach Stockholm zugeschaltet wurde. Er sei sehr erfreut, sich den Preis mit Kagan teilen zu dürfen.

Die renommierteste Auszeichnung für Chemiker ist in diesem Jahr mit insgesamt zwölf Millionen schwedischen Kronen dotiert, umgerechnet rund einer Million Euro. 

Die Rückseite der Nobel-Medaille für Chemie stellt die Natur in Form einer Göttin dar, die aus den Wolken auftaucht. (Illustration) Foto: Stefanie Loos/AP-Pool/dpa
Die Rückseite der Nobel-Medaille für Chemie stellt die Natur in Form einer Göttin dar, die aus den Wolken auftaucht. (Illustration)

Zwei Deutsche bekommen Medizin-Nobelpreis 

Die Nobelpreis-Bekanntgabe war am Montag mit der Medizin gestartet: Für ihre Entdeckungen in der Optogenetik werden Peter Hegemann (71) von der Humboldt-Universität Berlin, Georg Nagel (73) von der Uni Würzburg sowie der US-Forscher Karl Deisseroth (54) ausgezeichnet. Den Physik-Nobelpreis hatte am Dienstag der belgisch-amerikanische Forscher Francis Halzen (82) von der Universität von Wisconsin in Madison für bedeutende Beiträge zum Neutrino-Observatorium «IceCube» zuerkannt bekommen.

Die feierliche Überreichung der Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.