Wohnen

Verbände schlagen Alarm: Wohnungsneubau vor dem Kollaps

400.000 Wohnungen wollte die Ampelkoalition jährlich bauen - das wird 2023 bereits verfehlt. Die Baubranche fordert von der Politik vor allem eines: Fördermittel.

Verschiedene Wohnanlagen an einem Platz mit Kinderspielplatz im Quartier «Mitte Altona» in Hamburg. Foto: Christian Charisius/dpa
Verschiedene Wohnanlagen an einem Platz mit Kinderspielplatz im Quartier «Mitte Altona» in Hamburg.

Berlin (dpa) - Die großen Wohnungsbauverbände sehen den Neubau in Deutschland vor dem Kollaps. Kein Dämpfer und auch keine Talfahrt - von einem Absturz war die Rede beim Wohnungsbautag am Donnerstag in Berlin. Die in der Bau- und Immobilienbranche führenden sieben Organisationen und Verbände richteten eine klare Forderung an Bund und Länder: Der Staat müsse seine Fördergelder für den Wohnungsbau deutlich aufstocken. Bauministerin Klara Geywitz (SPD) kann da wenig versprechen - doch sie erwartet trotzdem eine positive Entwicklung.

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Nach Angaben der Verbände wären bis 2025 rund 50 Milliarden Euro notwendig, um 100.000 Sozialwohnungen pro Jahr bauen zu können. Die Ampelparteien hatten in ihrem Koalitionsvertrag den Bau von 400.000 Wohnungen, davon 100.000 Sozialwohnungen verankert. Ähnlich wie bei der Bundeswehr sollte auch der Bauwirtschaft das Geld als Sondervermögen zur Verfügung gestellt werden, forderten die Verbände. Geywitz betonte, dabei handele es sich letztlich um Schulden - und die Verschuldungsmöglichkeiten des Staates seien begrenzt.

Die Bundesbauministerin hat bereits eingeräumt, dass das Neubauziel 2023 nicht eingehalten wird. Trotz akuten Wohnungsmangels gingen die Baugenehmigungen bereits im vergangenen Jahr um 6,9 Prozent auf 354.400 zurück. Es drohe gar ein Absturz auf nur rund 200.000 neue Wohnungen bis zum Jahr 2024, warnten die Verbände.

Sie forderten auch einen veränderten Umgang mit dem Überhang bereits genehmigter Wohnungen. Der Bau von rund 900.000 Einheiten sei in Deutschland bereits genehmigt - bei rund 40 Prozent davon habe aber noch nicht einmal der Rohbau begonnen. Hier wollen die Verbände, dass mit attraktiven Anreizen wie finanziellen Zuschüssen oder reduzierten Auflagen nachgeholfen wird. Sonst bestehe die Gefahr, dass viele Wohnungen überhaupt nicht gebaut würden, warnten sie. Zudem müsse über eine Aufstockung von bereits bestehendem Wohnraum oder Supermärkten und niedrigere Standards beim Bau nachgedacht werden. Eine «Weiter-so-Politik» werde zum Abbau von Baukapazitäten führen.

Ifo: Stornowelle im Wohnungsbau hält an

Der Wohnungsneubau stecke in einer absoluten Ausnahmesituation, sagte Dietmar Walberg vom Bauforschungs-Institut ARGE (Kiel). Für Menschen, die dringend eine Wohnung benötigen, scheine keine Besserung in Sicht. Ein Einbruch beim Wohnungsbau aber werde nicht nur fatale Folgen für die Bevölkerung mit sich bringen, sondern auch für die Volkswirtschaft, warnten die Verbände. «Der Wohnungsbau ist ein starker Motor der Binnenkonjunktur - vor allem in der Krise.» An der gesamten Wertschöpfungskette hingen mehr als drei Millionen Arbeitsplätze.

Laut Ifo-Institut haben auch die Stornierungen im Wohnungsbau zuletzt zugenommen. Eine zunehmende Zahl von Bauunternehmen melde zurückgezogene Aufträge, berichteten die Münchner Wirtschaftsforscher. Im März gaben in der monatlichen Ifo-Umfrage in der Baubranche 16 Prozent der Firmen an, ihre Kunden hätten bereits erteilte Aufträge wieder zurückgenommen. Im Februar lag dieser Anteil bei 14,3 Prozent, im Januar bei 13,6 Prozent.

Gründe für den taumelnden Wohnungsbau seien auch die gestiegenen Kosten, betonten die Verbände. «Die immer weiter steigenden Baukosten machen es unmöglich, bezahlbaren Neubau zu schaffen. Es ist erschreckend, dass die Bundesregierung den Ernst der Lage scheinbar noch immer nicht erkannt hat», sagte Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbands der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen GdW. «Wir brauchen umgehend kurzfristige Maßnahmen, die schnell greifen, damit unsere Unternehmen wieder in die Lage versetzt werden können, Neubauprojekte aufzusetzen.»

Ministerin Geywitz sieht vielfältige Gründe für die Probleme beim Wohnungsbau. «Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat uns natürlich mit massiven Steigerungen der Energiekosten konfrontiert und auch die Bau- und Finanzierungskosten sind im Zuge der allgemeinen Inflation stark gestiegen und gleichzeitig sind die Realeinkommen gesunken», sagte sie.

Für private Bauherren komme die psychologische Unsicherheit hinzu und Investoren hielten sich zurück. Sie sehe aber ein Licht am Ende des Tunnels: «Gut zwei Drittel der Unternehmen im Wohnungsbau beurteilen ihre Auftragsbestand derzeit trotz aller Schwierigkeiten noch als groß oder angemessen», sagte Geywitz. Zudem hätten einzelne Bundesländer ihre Investitionen in den sozialen Wohnungsbau deutlich erhöht und die Fördergelder für klimafreundlichen Neubau würden gut abgerufen.