Flaches Gewässer

Wasserarme Donau wird zur Asservatenkammer der Geschichte

Der Rekord-Tiefstand des großen europäischen Stroms legt Relikte aus verschiedenen Epochen frei. Darunter sind Kriegswracks, Minen und sogar Mammutknochen. Was uns das über die Region erzählt.

In Budapest führt die Donau wenig Wasser - Relikte aus der Vergangenheit kommen zum Vorschein. Foto: Bela Szandelszky/AP/dpa
In Budapest führt die Donau wenig Wasser - Relikte aus der Vergangenheit kommen zum Vorschein.

Budapest/Prahovo/Sofia/Bratislava (dpa) - Der Rekord-Tiefstand der Donau wirft für die Anrainerstaaten erhebliche Probleme auf. Flusskreuzfahrtschiffe kommen nicht mehr weiter, Frachtschiffe fahren mit minimaler Ladung. Atomkraftwerke, die mit dem Wasser der Donau kühlen, müssen ihre Produktion massiv drosseln. Die Landwirtschaft muss gestiegene Kosten für die Bewässerung hinnehmen, Ernteverluste drohen. 

Zugleich wartet der große Strom, der in diesen Tagen fast zum Rinnsal wurde, mit einem spektakulären Phänomen auf: Dinge, die sonst in den Tiefen des Gewässers verborgen bleiben, werden plötzlich sichtbar. Es ist, als ob der Fluss seine manchmal grausamen, manchmal bizarren Geheimnisse preisgäbe.

Was da alles so zum Vorschein kommt

In der ungarischen Donau-Metropole Budapest exhumierten Mitarbeiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Gebeine zweier Soldaten der deutschen Wehrmacht. Auch ein Motorrad und eine Tellermine aus dem Zweiten Weltkrieg kamen zum Vorschein. Das Motorrad und die Erkennungsmarken der beiden toten Soldaten seien gut erhalten, weil der mit Gasöl vermischte Hafenschlamm an der Fundstelle wie ein Konservierungsmittel wirke, teilte die Organisation mit. 

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Das Niedrigwasser der Donau legte ein Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg frei - sowie die sterblichen Überreste zweier Wehrmachtssoldaten. Foto: Gabor-Kohlrusz/Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge/dpa
Das Niedrigwasser der Donau legte ein Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg frei - sowie die sterblichen Überreste zweier Wehrmachtssoldaten.

Bei Szob nahe der slowakischen Grenze ragte das Rad eines Pkw aus der ungewöhnlich flachen Donau. Nachdem die Feuerwehr das Gefährt aus dem Gewässer gezogen hatte, stellte sich heraus, dass es sich um einen Opel Corsa handelte, der vor 13 Jahren als gestohlen gemeldet worden war. Die Boulevardzeitung «Blikk» machte den Besitzer ausfindig, einen Mann in bescheidenen Verhältnissen, inzwischen zum Rentner geworden. Der unaufgeklärte Diebstahl habe ihn damals in seiner wirtschaftlichen Existenz schwer getroffen, sagte er dem Blatt. 

Die Wracks der Nazi-Schiffe bei Prahovo 

In Serbien zeigen sich derzeit die Wracks von Kriegsschiffen der deutschen Marine aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Phänomen ist schon länger bekannt, weil die Wracks bei Prahovo immer wieder in Sommern mit niedrigen Wasserständen freigelegt werden. Ihre besondere Häufung in dem Donauabschnitt unmittelbar vor dem sogenannten Eisernen Tor – einem Durchbruchstal der Donau an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien – erklärt sich damit, dass die deutsche Marine ihre Schiffe kurz vor Kriegsende dort selbst versenkt hatte. Die Wracks sollten eine Barriere für die Sowjets bilden, die die auf dem Rückzug befindliche Wehrmacht verfolgten. 

Knochen eines Mammuts tauchten im bulgarischen Abschnitt der Donau auf. Foto: ---/Regionales Geschichtsmuseum Russe an der Donau/dpa
Knochen eines Mammuts tauchten im bulgarischen Abschnitt der Donau auf.

Das Niedrigwasser der Donau lüftet aber auch prähistorische Geheimnisse. Bei dem bulgarischen Donaudorf Rjachowo, unweit der Stadt Russe, entdeckte ein Anwohner auf dem Flussboden die Knochen eines Mammuts, wie das Bulgarische Nationale Fernsehen BNT berichtete. Das Regionale Geschichtsmuseum von Russe bestätigte, bei dem Fund handele es sich um einen Unterkiefer, zwei Stoßzähne und eine Rippe eines Mammuts. Experten würden nun daran arbeiten, um die genaue Herkunft und das Alter des urzeitlichen Tiers festzustellen.

Die Gefahren der Relikte 

Manche der Funde weisen ein nicht unerhebliches Gefahrenpotenzial auf. Zur Bergung der beiden toten Wehrmachtssoldaten in Budapest rückte auch der Kampfmittelräumdienst aus. Die in ihrer Nähe befindliche Tellermine 35, eine Waffe für die Abwehr von Panzern, wurde als potenzieller Gefahrenherd identifiziert. Kriegswaffen dieser Art, die ihre tödliche Wirkung mit Sprengstoffladungen erzielen, bleiben über Jahrzehnte intakt. 

Nahe der slowakischen Gemeinde Virt östlich von Bratislava lag am letzten Montag an einer ausgetrockneten Stelle des Donau-Flussbetts eine britische Anti-Schiffs-Mine aus dem Zweiten Weltkrieg. Die slowakische Polizei sperrte den Flussabschnitt für die gesamte Schifffahrt. Die Behörde wollte sich auf kein unnötiges Risiko einlassen. 

In der flachen Donau werden bei Prahovo in Serbien die Wracks von Nazi-Kriegsschiffen sichtbar. Foto: Darko Vojinovic/AP/dpa
In der flachen Donau werden bei Prahovo in Serbien die Wracks von Nazi-Kriegsschiffen sichtbar.

Eine Gefahr anderer Art stellen die Schiffswracks von Prahovo in Serbien dar. Bei niedrigen Wasserständen bedrohen einige von ihnen die Donau-Schifffahrt. Die Kapitäne müssen geschickt an ihnen vorbei navigieren. Die Europäische Union (EU) fördert deshalb ein Programm, um die besonders ungünstig platzierten alten Nazi-Schiffe nach und nach aus dem Wasser zu ziehen. Von 21 dazu ausersehenen Wracks seien bis April dieses Jahres 7 geborgen worden, berichtete die Website des staatlichen Fernsehens RTS.

Warum das gerade jetzt passiert

Der betroffene Teil Europas erlebt derzeit einen Sommer mit Rekord-Hitzewerten und minimalen Niederschlägen. Am letzten Dienstag maß eine Messstelle in Budapest eine Temperatur von 40,3 Grad Celsius. Dies war dort der absolute Rekordwert für einen 4. August, seitdem es Messungen gibt. Hitze und Trockenheit nehmen der Donau das Wasser. Am Abend des 2. August stellte die Landeswasserdirektion in Budapest den Rekord-Tiefstand von nur neun Zentimetern fest. 

Der menschengemachte Klimawandel hat seinen Anteil an extremer Hitze und Trockenheit wie hier am ungarischen Plattensee. Foto: Gregor Fischer/dpa
Der menschengemachte Klimawandel hat seinen Anteil an extremer Hitze und Trockenheit wie hier am ungarischen Plattensee.

Es liegt nahe, dass Hitzewellen und Dürren Folgen des menschengemachten Klimawandels sind. Wissenschaftlicher Konsens besteht darin, dass die durch menschliche Aktivitäten verursachten Klimaveränderungen die Wahrscheinlichkeit, Intensität und Dauer solcher Ereignisse deutlich erhöht hat.

Was uns die Funde über die Geschichte verraten

Für große Schriftsteller wie den Italiener Claudio Magris (geb. 1939) oder den Ungarn Peter Eszterhazy (1950-2016) ist die Donau nicht bloß ein Fluss, sondern eine Metapher für den gemeinsamen Kultur- und Gedächtnisraum der an ihren Gestaden lebenden europäischen Völker. Die Funde im ausgetrockneten oder kaum mit Wasser bedeckten Flussbett konfrontieren uns mit der Geschichte dieses ostmitteleuropäischen Raumes. 

Für den italienischen Schriftsteller Claudio Magris ist die Donau nicht bloß ein Fluss, sondern eine Straße, die die Völker an ihren Gestaden miteinander verbindet. (Archivbild) Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa
Für den italienischen Schriftsteller Claudio Magris ist die Donau nicht bloß ein Fluss, sondern eine Straße, die die Völker an ihren Gestaden miteinander verbindet. (Archivbild)

In seinem Buch «Donau. Biographie eines Flusses» (1986) hebt Magris das Verbindende des großen Stromes hervor. Er verwehrt sich aber gegen eine Idyllisierung, geht auch auf Kriege, Vertreibungen, Diktaturen ein. Die toten Soldaten, die Minen, Militärmotorräder und Kriegsschiffe, die der Fluss derzeit freilegt, erzählen von den blutigen Kriegen, die entlang dieser Wasserstraße geführt wurden. 

Esterhazy wiederum ging als Meister der Post-Moderne im Roman «Donau abwärts» (1992) mit dem Objekt seiner Beschreibung spielerisch um. In seiner Prosa verflüchtigen sich alle klaren Festlegungen. Die Donau steht bei ihm mal für «die Geschichte», mal für die Literatur, mal für Europa als solches. Wer weiß: Die Story vom gestohlenen Opel Corsa, den das Rinnsal ausspuckte, hätte ihn vielleicht zu neuen Sprachspielen inspiriert.