Angeblich kein Pestfall in Sibirien - doch neue Infos fehlen
Der Corona-Schock sitzt Menschen weltweit noch in den Knochen, deshalb schrecken Nachrichten aus dem fernen Sibirien auf. Die Pest? Experten sagen, warum Forschung zu der Krankheit notwendig ist.
Irkutsk/Berlin (dpa) - Nach dem Tod der Mitarbeiterin eines Pest-Forschungszentrums in Sibirien fehlen von russischer Seite weiter genaue Angaben zur Ursache. Die für Seuchenbekämpfung zuständige Behörde in Moskau bemühte sich am Dienstag aber erneut, Befürchtungen wegen einer möglichen Epidemie zu dämpfen.
«Die Gesundheits- und Epidemielage im Gebiet Irkutsk sowie in den Städten Irkutsk und Schelechow ist ruhig», teilte die Behörde Rospotrebnadsor auf der russischen Plattform Max mit. Eine im Internet kursierende Meldung über Anti-Seuchen-Maßnahmen und strenge Beschränkungen sei falsch. «Bislang wurden keine derartigen Beschlüsse gefasst», hieß es.
Todesursache: Lungenentzündung unbekannter Herkunft
Die 28 Jahre alte Wissenschaftlerin am Institut für Pest-Bekämpfung in Irkutsk in Sibirien war am vergangenen Freitag im Krankenhaus der nahegelegenen Stadt Schelechow gestorben. Spekuliert wurde, dass sie sich mit dem Erreger der Lungenpest infiziert haben könnte - womöglich sogar bei einem Laborunfall.
Rospotrebnadsor dementierte in einer Mitteilung vom Sonntag sowohl einen Unfall als auch eine Pestinfektion. Als Todesursache wurde eine «Pneumonie nicht festgestellter Ätiologie» (Lungenentzündung unbekannter Herkunft) genannt. Erweiterte Untersuchungen hätten im Körper der Kranken keine Mikroorganismen gefunden, die mit ihrer beruflichen Tätigkeit verbunden seien - so zitierte die Nachrichtenagentur Interfax aus der Stellungnahme. Doch Angaben stehen aus, an welchem Erreger der Lungenentzündung die Frau starb.
In Irkutsk und Schelechow wurden wegen des Falls drei Krankenhäuser, eine Kinderklinik und ein Geburtshaus geschlossen. Die Belegschaft des Pest-Instituts ist in Quarantäne. Nach Behördenangaben wurden keine weiteren Infektionen festgestellt. Die zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan erhöhten an den Grenzen ihre Wachsamkeit gegen eine Einreise möglicherweise Infizierter. US-Außenminister Marco Rubio forderte Russland auf, mehr Informationen zu geben.
Spekulationen wegen Erinnerung an Corona
Trotz der Versuche der russischen Behörden, die Lage zu beruhigen, schießen im Internet Spekulationen über eine möglicherweise drohende Epidemie ins Kraut. Die Maßnahmen in Irkutsk 4.200 Kilometer östlich von Moskau werden misstrauisch beäugt. Die Gründe sind vielfältig. Zum einen begann auch die weltweite Corona-Epidemie am Jahreswechsel 2019/20 mit Berichten über eine rätselhafte Lungenkrankheit in der Stadt Wuhan in China. Der Verlauf von Ansteckungen ist allerdings bei Pesterregern anders als bei Covid-19.
Zum anderen haben russische oder sowjetische Behörden Katastrophen oft geleugnet oder heruntergespielt - sei es die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder der Untergang des Atom-U-Bootes «Kursk» 2000. Das Vertrauen in die offiziellen Mitteilungen ist gering. Dieses Jahr ließen russische Behörden in Sibirien Tausende Nutztiere wegen angeblicher Tierseuchen schlachten, auch wenn nach Einschätzung der Bauern ihr Vieh gesund war.
Experten halten russische Maßnahmen für angemessen
Wissenschaftler stützen eher eine nüchterne Sicht auf den Fall in Irkutsk. «In vielen Ländern der Welt wird an Pest und anderen Infektionskrankheiten geforscht», sagte der Biochemiker Peter H. Seeberger vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam der dpa. Da bei der Pest die Gefahr eines Einsatzes als Biowaffe im Raum stehe, «geht es unter anderem darum, Detektionsstrategien zu entwickeln und möglicherweise zu impfen».
Die Reaktion der russischen Behörden mit Quarantäne für Mitarbeiter des Instituts und für Kliniken sei verhältnismäßig - gerade bei einem möglichen Pestfall, sagen Experten. Es sei vernünftig, Vorsichtsmaßnahmen für jeden zu treffen, mit dem es Kontakt gegeben haben könnte, sagte Malick Gibani vom Imperial College London. Lungenpest sei nur dann gut mit Antibiotika behandelbar, wenn dies rasch genug geschehe.
Ein Problem bei der Behandlung könne es höchstens geben, wenn in Irkutsk mit Stämmen des Pesterregers gearbeitet worden sei, die gegen viele Antibiotika resistent seien - so Brendan Wren von der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM). Alice Hughes von der University of Melbourne sagte, selbst wenn noch eine Infektion bestätigt werden sollte, sei es wegen der raschen Gegenmaßnahmen unwahrscheinlich, dass der Erreger sich ausbreite.
Es gibt die Pest immer noch
Forschung zur Pest ist nötig, denn die Krankheit ist keineswegs verschwunden: Weltweit würden jährlich einige Hundert Fälle gemeldet, meist geografisch eng begrenzt, insbesondere in Madagaskar und der Demokratischen Republik Kongo, erklärte Gibani. Es gebe viele Tierarten als Träger für das Bakterium, sodass stets das Risiko eines Übergangs auf Menschen bestehe.
Auch in Russland tritt die Krankheit auf, der Erreger Yersinia pestis kursiert in Sibirien in verschiedenen Nagetieren. Dazu forscht das 1934 gegründete Institut in Irkutsk. «Die Pest ist keine Krankheit der Vergangenheit», betonte Zania Stamataki von der University of Birmingham. «Diagnostik, Impfstoffentwicklung und die Überwachung von Antibiotikaresistenzen erfordern Labore, in denen der lebende Erreger aufbewahrt und untersucht wird. Diese Arbeit ist unerlässlich, um auf Ausbrüche vorbereitet zu sein.»