"Von ADHS Betroffene werten sich bei Misserfolgen ab"
Bei der Behandlung einer ADHS im Erwachsenenalter kommen verschiedene Bausteine zum Einsatz. Welche Möglichkeiten gibt es und was ist das Ziel einer ADHS-Therapie? Wie lange müssen Betroffene auf einen Termin warten? Interview mit Dr. Peter Praus vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.
Sehr geehrter Herr Dr. Praus, ADHS, kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, galt lange Zeit als Kinderkrankheit, die bei sehr unruhigen oder sehr verträumten Kinder diagnostiziert wurde. Heute bekommen immer mehr Erwachsene die Diagnose ADHS. Der Einsatz von Medikamenten steigt, die Wartezeiten für eine medizinische Abklärung hat einen neuen Höchststand erreicht. Jeder scheint plötzlich jemanden mit ADHS zu kennen. Wie lässt sich das alles erklären?
Größere epidemiologische Studien, unter anderem aus dem Vereinigten Königreich, konnten weder belegen, dass ADHS bei Kindern oder Erwachsenen überdiagnostiziert ist noch, dass zu häufig medikamentöse ADHS-Therapien verordnet werden. Im Gegenteil: Gerade im Erwachsenenalter wird eine ADHS wahrscheinlich bei bestimmten Personengruppen, - Frauen oder Klienten mit einer Substanzkonsumstörung - immer noch zu selten diagnostiziert. Das gestiegene Interesse an einer entsprechenden Diagnostik ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Aufklärungskampagnen mittlerweile mehr Menschen erreichen und über das Internet und soziale Medien Gesundheitsinformationen für immer mehr Menschen verfügbar sind.
Dr. Peter Praus ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Schwerpunkt Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Zudem Teil der Spezialambulanz für hochfunktionalen Autismus des Erwachsenenalters und der Spezialambulanz für ADHS im Erwachsenenalter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.
Warum sind die Wartelisten für eine Diagnosestellung zurzeit so lang?
Am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) ist seit vielen Jahren eine Spezialambulanz für Diagnostik und Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter etabliert. Seit jeher übersteigen die Anfragen aber die verfügbaren Kapazitäten.
Wie lange müssen Betroffene zurzeit warten, bis sie einen Termin für die Diagnosestellung bekommen?
Da bei der ADHS genetische Risikofaktoren eine bedeutende Rolle spielen, bemühen wir uns am ZI, Eltern bzw. Kindern von ADHS-Patienten, die bereits in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bzw. in der Erwachsenenpsychiatrie am ZI in Behandlung sind, rasch eine Diagnostik in einer unserer ADHS-Spezialambulanzen anzubieten. Wichtig ist hierbei, dass z.B. eine neu diagnostizierte ADHS eines Elternteils bei einem spezifischen Elterntraining umgehend berücksichtigt werden kann. In allen anderen Fällen ist mit einer Wartezeit zwischen 6 und 12 Monaten zu rechnen. Darüber hinaus wollen wir in der Erwachsenenpsychiatrie am ZI vor allem Klienten aus Mannheim und dem Einzugsgebiet der Ambulanz Diagnostik anbieten.
Früher galt ADHS als Ergebnis schlechter Erziehung, problematischer Familiensituationen, als Ergebnis von „zu viel Zucker“, zu viel Fernsehen. Oder auch als eine Erfindung der Pharmaindustrie. Mit ADHS diagnostizierte Kinder wurden stigmatisiert. Warum hat sich diese Wahrnehmung verändert?
Mittlerweile haben sich einige Prominente, auch Spitzensportler, dazu „bekannt“, eine ADHS zu haben. Darüber hinaus könnten verbesserte Aufklärung und eine leichtere Verfügbarkeit von Gesundheitsinformationen im Internet zu einer Entstigmatisierung beigetragen haben.
Viele Spitzensportler, so auch der Tennis-Star Serena Williams, sprechen offen über ihre ADHS-Diagnose
Müssen Erwachsene heute ebenfalls mit negativen Folgen einer Diagnose rechnen?
Das kommt immer auf den Einzelfall an. Der Umgang mit Scham, Ängsten vor einer Stigmatisierung und niedrigem Selbstwert sollte aber Bestandteil der Psychoedukation sein.
ADHS gilt als genetische Krankheit, Erwachsene die heute diese Diagnose bekommen haben also oft eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Wie kann sich diese äußern?
Betroffene schildern oft typische Bildungs- und Erwerbsbiografien mit häufigen Arbeitsplatzwechseln, abgebrochenen Ausbildungen, Wiederholung von Schulklassen, Konflikten am Arbeitsplatz etc. Darüber hinaus weisen nicht wenige Betroffene eine längere Vorgeschichte psychiatrischer Behandlungen auf, auch im Zusammenhang mit Depressionen, Angststörungen oder Substanzkonsumstörungen. Dass die Erkrankung „angeboren“ ist, kann nur dahingehend bestätigt werden, dass genetische Faktoren wahrscheinlich eine große Rolle spielen. Es handelt sich aber nicht um eine „monogenetische“ Erkrankungen, wobei bestimmte erbliche Veranlagungen immer zwingend mit einem bestimmten Krankheitsbild in Verbindung stehen.
Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) ist ein psychiatrisch-psychotherapeutisches Forschungsinstitut und universitätsmedizinisches Klinikum in Mannheim. In der ADHS-Ambulanz können sich Erwachsene (aus dem Einzugsgebiet Mannheim) diagnostizieren lassen. Aktuell umfasst die Warteliste für einen Termin allerdings einen Zeitraum von neun Monaten. Tendenz steigend. Betroffene aus anderen Städten und Gemeinden können sich auf der Website von "ADHS Deutschland" über alternative Möglichkeiten informieren. Prinzipiell kann jeder Psychiater die Diagnose stellen und die Therapie planen.
Mit welchen Problemen kämpfen von ADHS-Betroffene?
Betroffene haben oft Schwierigkeiten, sich selbst den Erwartungen ihrer Umwelt entsprechend zu organisieren, wirken auf ihre Mitmenschen mitunter „undiszipliniert“, reagieren für Außenstehende unverhältnismäßig emotional und sprunghaft und leiden unter Stimmungsschwankungen und niedrigem Selbstwert. Manchmal ist es daher auf den ersten Blick schwierig, diese teilweise „unspezifischen“ Probleme einer ADHS zuzuordnen.
Wie lässt sich eine Diagnose mit ADHS von ADHS-typischem Verhalten abgrenzen? Viele Menschen sind ja ab und zu unruhig, nicht gut organisiert und auch antriebslos …
Viele Betroffene neigen dazu, sich bei Misserfolgen abzuwerten und sich die Schuld an ihrem „Versagen“ zu geben, gerade weil sie denken, dass sie es besser können müssten und ihre Probleme doch eigentlich gar nicht so außergewöhnlich seien. Hier sorgt dann die Diagnostik erst einmal für Entlastung, da den Betroffenen nun evidenzbasierte, also wissenschaftlich begründete Therapien zur Verfügung stehen, die eine insgesamt gute Wirksamkeit und Verträglichkeit aufweisen. Viele Schwierigkeiten, die Betroffene schildern, wirken zunächst einmal „persönlichkeitsnah“, was nicht verwundert, da es sich um eine chronische Störung handelt. Wichtig ist, zu schauen, ob es ein überdauerndes Muster aus Schwierigkeiten der Selbstorganisation, Aufmerksamkeitsstörungen, Problemen in Beziehungen zu anderen Menschen etc. gibt. Hierdurch gelingt dann auch die Abgrenzung zu „normalem“ Verhalten oft recht gut.
Personen mit ADHS haben auch Stärken
Viele Prominente äußern sich zurzeit zu ihren Diagnosen. Tatsächlich nicht nur negativ, sondern bezeichnen es als „Superkraft“. Wie kommt das?
Von einer ADHS Betroffene können mitunter sehr kreative, mitreißende, begeisterungsfähige Persönlichkeiten sein. Manche Betroffene möchten auch, dass bei der Behandlung „ihrer“ ADHS berücksichtigt wird, dass sie mit Medikament zwar konzentrierter, aber ohne Medikament kreativer sind. Andere Betroffene neigen vielleicht zu gesteigerter Emotionalität, können sich andererseits aber gut in andere einfühlen. Personen mit einer ADHS haben also tatsächlich auch Stärken, die im Rahmen der Verhaltenstherapie identifiziert und aktiv zur Verbesserung des Selbstbildes eingesetzt werden sollten.
Ist es irgendwann zu spät für eine Diagnose?
Im Grunde nicht. Natürlich sollte man sich überlegen, welche Konsequenzen eine Diagnose hätte. Betroffene, die das Erwerbsleben hinter sich haben, werden wahrscheinlich andere Bedürfnisse haben als Betroffene, die noch Arbeits- und Familienleben „meistern“ müssen. Natürlich müssen mit zunehmendem Alter auch mögliche Nebenwirkungen einer medikamentösen Behandlung engmaschiger beobachtet bzw. erfasst werden.
Welche der etablierten Therapien würden Sie empfehlen?
Für die Behandlung der ADHS im Kindes-, Jugendlichen- und Erwachsenenalter liegt eine Leitlinie vor, die als Grundlage einer evidenzbasierten Behandlung dienen sollte. Diese sollte nach Möglichkeit multimodal sein, also Psychoedukation, Verhaltenstherapie und ggf. die Verordnung von Medikamenten einschließen. Darüber hinaus können auch Entspannungsverfahren zum Einsatz kommen.
Würden Sie durchweg den Einsatz von Medikamenten empfehlen? Und wenn ja, welche?
Die Entscheidung liegt hier letztlich bei den Betroffenen. Im Allgemeinen kann man sagen, dass Medikamente umso eher angeboten werden sollten, je schwerer die Symptomatik
Medikamente
Zur Behandlung einer ADHS werden vor allem Präparate mit dem Wirkstoff "Methylphenidat" eingesetzt. Diese Medikamente sollen die Konzentration der Nervenbotenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöhen und so zu einer Verbesserung von Gedächtnisfunktion und Lernleistung beitragen. Reize von außen sollen besser gefiltert werden, Aufmerksamkeit und Konzentration verbessert werden. Informationen auf "ADHS Deutschland".
Wie genau wirken diese Medikamente?
Die Medikamente wirken vor allem über Veränderungen der Nordadrenalin- und Dopaminfreisetzung im Gehirn. Hierdurch können Aufmerksamkeitslenkung, Konzentrationsvermögen, Impulsivität und motorische Unruhe oft in kurzer Zeit verbessert werden.
Betroffene Erwachsene neigen oft zu impulsivem Essverhalten
Spielt die Ernährung ebenfalls eine Rolle?
Evidenzbasiert können hier keine allgemeingültigen Empfehlungen ausgesprochen werden. Da von einer ADHS betroffene Erwachsene aber oft zu impulsivem Essverhalten neigen, häufig internistische Begleiterkrankungen haben (Bluthochdruck und Diabetes) und häufiger von Übergewicht betroffen sind, können eine Ernährungsberatung und gezielte sportliche Aktivität eine sinnvolle Ergänzung des therapeutischen Gesamtkonzepts darstellen.
Welche Quellen empfehlen Sie für Erwachsene (und Eltern), um sich gut und umfassend zu informieren?
Gerade im Bereich der ADHS gibt es mittlerweile ein solides Selbsthilfenetzwerk („ADHS Deutschland“), wo Betroffene auf Augenhöhe beraten werden. Natürlich gibt es aus Selbsthilfe- und Fachliteratur, die im Buchhandel erworben werden kann. Darüber hinaus werden möglicherweise bald digitale Gesundheitsanwendungen zugelassen, die es Betroffenen ermöglichen sollen, sich umfassend mit „ihrer“ ADHS auseinanderzusetzen.