"Wir schlechten guten Väter"
Warum will sich die Mehrheit der jungen Väter im Jahr 2023 gleichberechtigt um Kinder und Haushalt kümmern - aber über 90 Prozent von ihnen arbeiten in Vollzeit? Autor Tobias Moorstedt sucht nach Antworten.
Lieber Herr Moorstedt, „Wir schlechten guten Väter – Warum Männer sich erfolgreich gegen Familienarbeit wehren“ heißt Ihr Buch. Sind Sie einer dieser „schlechten guten Väter“?
Ja. Natürlich habe ich mich bereits im Titel in diese Gruppe inkludiert. Denn nach der Geburt meiner ersten Tochter habe ich - nach ungefähr einem Jahr - gemerkt, dass ich viele Aufgaben ganz selbstverständlich an meine Frau ausgelagert habe. Dabei hätte ich jederzeit von mir gesagt, ein guter Vater zu sein. Und gleichzeitig haben meine Frau und ich bemerkt: Wie uns geht es vielen Paaren. Seitdem versuche ich mich da herauszuarbeiten. Und ein guter Vater zu werden. Der Ausgangspunkt für meine Recherchen und mein Buch war also die Überlegung, warum passen die Absichtserklärungen der Väter und das wirkliche Verhalten so gar nicht zusammen.
Warum wehren sich Männer noch immer erfolgreich gegen Familienarbeit? Ist es Desinteresse? Egoismus? Ein Verharren in alten Rollenvorbildern?
Grundsätzlich ist das eine sehr individuelle Entscheidung, die jeder Vater im Kontext seiner eignen Familie trifft. Gleichzeitig ist es eine Illusion zu denken, dass wir ganz frei sind in den Entscheidungen, die wir treffen. Es sind auch sozialpolitische Mechanismen, die uns ein bestimmtes Verhalten nahelegen: die bestehende Elterngeld-Regelung und das Ehegattensplitting, um nur zwei Beispiele zu nennen. Das sind die äußeren Bedingungen. Und es gibt noch die Innenwelt: Die Rollenbilder, die uns mehr prägen als uns bewusst und lieb ist.
Väterreport 2023: Entwicklungen und Daten zur Vielfalt der Väter in Deutschland
Der neue Väterreport zeigt, dass sich Väter viel stärker als früher eine partnerschaftlich organisierte Aufgabenteilung in der Familie wünschen. Jeder zweite Vater möchte gern die Hälfte der Betreuung übernehmen. Tatsächlich gelingt dies nur jedem fünften Vater. Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist noch immer groß. Der Väterreport beschreibt auf Basis amtlicher Statistiken, wissenschaftlicher Studien und repräsentativer Bevölkerungsbefragungen die Lebenslagen, Werte und Einstellungen von Vätern in Deutschland.
Eigentlich sind die Bedingungen für Väter, sich gleichberechtigt zu kümmern, heute so gut wie nie. Trotzdem arbeiten über 90 Prozent der Väter in Vollzeit. Care-Arbeit – also das Kümmern um die Familie und den Haushalt – liege immer noch mehrheitlich bei den Frauen. Woran liegt das?
In der Realität ist es doch so, dass die Mutter nach der Geburt 12 Monate Elternzeit nimmt und der Vater zwei Monate – in denen die Familie dann vielleicht gemeinsam in die Toskana fährt. Diese „12/2“-Aufteilung führt dazu, dass die Mutter enorme Skills entwickelt. Wie soll der Vater auf das gleiche Niveau kommen? Auch, weil er in der Regel bis 18 Uhr arbeitet. In diesen Strukturen entwickelt sich ein schiefes Beziehungsdreieck, in dem dann wirklich nur die Mutter die Kinder ins Bett bringen kann, weil die Kinder es nicht anders gewöhnt sind …
Außerdem ist die aktuelle Elterngeld-Regelung absurd. Eltern, die wenig verdienen, erhalten ein so geringes Elterngeld, dass es sich nicht rentiert zu Hause zu bleiben. Dabei sollte das Elterngeld doch ein Anreiz sein und keine Abschreckung.
„Sie kann das einfach viel besser“ … „Sie lässt mich ja nicht“ … Lauten zwei der Kapitelüberschriften. Meinen das die zitierten Väter wirklich ernst? Oder sind es Ausreden?
Das ist kein Widerspruch. Eine Ausrede kann ernst gemeint sein. Ich habe diese Zitate, die gleichzeitig Kapitelüberschriften sind, auch als Provokation gemeint. Weil sie solche Klischees sind. Aber dieses Gefühl, dass die Frau es besser kann, haben viele Menschen – und es trifft auch oft zu. Das liegt aber nicht daran, dass es Frauen aufgrund wegen ihrer genetischen Ausstattung besser können, sondern weil sie wesentlich mehr machen. Man wird einfach besser im sich Kümmern, wenn man sich mehr kümmert.
Sie beschreiben, wie ihre persönliche Umwelt Sie als Vater für Alltägliches im Umgang in den Kindern feiert. Ist das nicht auch ein Zeichen des gesellschaftlichen Wandels?
Die Rolle des Vaters heute ist wahnsinnig bequem. Und sehr angenehm, finde ich. Wenn man als Vater mit kleinen Kindern auf den Wochenmarkt geht, bekommt man die ganze Zeit Komplimente. Meine Frau würde wahrscheinlich nur gesagt bekommen, dass die Kinder nicht warm genug angezogen sind. Man kann sich heute als Vater sehr leicht, sehr gut fühlen. Man denkt als Vater sehr schnell: Ich mache doch schon mehr als andere. Ich bin doch schon sehr gut. Aber bin ich gut genug? Schöpfen Väter wirklich ihr ganzes Potenzial aus?
Eine ihrer Lösungsansätze und Rat an Väter lautet: arbeitet weniger. Das können sich viele Familien nicht leisten.
So ganz habe ich das nicht geschrieben, bzw. gemeint. Sondern: überlegt euch, bevor ihr Kinder bekommt, was für eine Art Vater ihr sein wollt. Und passt eure Arbeit daran an. Eine der Hauptdiagnosen des Buches lautet: Wir machen es uns zu einfach. Wir planen zu wenig. Wir tauschen uns zu wenig aus mit unserer Partnerin und mit uns selbst. Der erste Schritt in Richtung einer Lösung könnte sein, dass sich Paare – bevor sie in die Kinderplanung einsteigen – überlegen, wie stellen wir uns das Leben mit Kindern vor? Wer möchte wie viel arbeiten? Wie sehen unsere beruflichen Ziele aus und wie lassen sie sich mit Kindern vereinbaren? Dann käme vielleicht schon sehr früh heraus: Der Partner hat ganz andere Ziele, als gedacht. Oder, wenn dann herauskommt: Wir müssen beide aus finanziellen Gründen Vollzeit arbeiten, dann weiß man es zumindest.
Der aktuelle Väterreport des Familienministeriums zeigt, dass Väter auch in der Familienpolitik immer stärker in den Fokus genommen werden. Und dass sich Väter heute mehr denn je um ihre Kinder kümmern wollen.
Ein Großteil der Väter möchte kürzertreten, das steht auch im Report – gleichzeitig arbeiten über 90 Prozent in Vollzeit. Diese beiden Zahlen zeigen: entweder diese Väter lügen. Oder sie leben nicht ihren Bedürfnissen entsprechend. Oder sie trauen sich nicht oder es rechnet sich nicht.
Und wie wird man denn nun ein richtig guter Vater?
Sich sehr genau überlegen: was für ein Vater will ich sein. Was ist mein Ideal? Nachspüren: meine ich das ernst? Oder sage ich das nur? Es ist sehr einfach zu sagen, Kinder sind wichtig. Aber bin ich bereit, entsprechend zu handeln und mein Leben anzupassen? Ich persönlich bin im Nachhinein erstaunt, wie naiv ich an die ganze Sache herangegangen bin. Ich dachte, ich behalte mein altes Leben – nur eben MIT Kind. Und das ist verrückt. Alles ändert sich mit Kind. Diese Naivität ist auch Zeichen eines Privilegs. Einer Ignoranz, die zeigt, dass man sich damit eigentlich nicht beschäftigt hat. Ein guter Vater bedeutet vielleicht, sich genau überlegen, was möchte ich für ein Vater sein, und auch bereit sein, die Konsequenzen zu ziehen.