"Das Freibad war unsere Disco": Birkenauer erinnern sich an legendäre Sommer
Birkenauer erinnern sich an Geschichten rund um das Freibad – vom Sprungturm bis zur großen Liebe. Viele Leser folgten unserem Aufruf nach Fotos und Anekdoten und öffneten ihre Alben. Ein Blick in die Vergangenheit.
Birkenau. Ob Schwimmen gelernt, eine gute Zeit mit Freunden verbracht oder hautnah bei den Renovierungsarbeiten dabei gewesen: Die Erinnerungen unserer Leser an das Birkenauer Freibad sind vielfältig. Die Resonanz auf unseren Leseraufruf zu Erinnerungen rund um das Freibad zeigt, dass es ein ganzes Becken randvoll mit Erinnerungen gibt. Einige von ihnen haben ihren Weg aus den privaten Fotoalben in die Bildergalerie der Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung (WNOZ) gefunden. Andere fanden sich im WNOZ-Archiv.
Auch zwei, die sich besonders mit der Geschichte Birkenaus und den Menschen der Gemeinde auskennen, haben die Redaktion bei der Suche nach historischen Aufnahmen unterstützt: Gemeindearchivar Günter Körner und Walter Bechtold, langjähriger Lehrer an der Langenbergschule, ermöglichen zusätzlich einen Einblick in vergangene, legendäre Freibadsommer.
Seit 1925 ein Freibad in Birkenau
Birkenau verfügt seit 1925 über ein Freibad, das vom damaligen Turnverein erbaut und unterhalten wurde. Die Gemeinde übernahm es und führte es als ältestes Schwimmbad des Weschnitztals bis 1955 weiter. Doch der Zahn der Zeit nagte an der Anlage. Die Gemeinde Birkenau entschloss sich seinerzeit zu einem Neubau, womit die damals 4.500 Einwohner große Gemeinde „das modernste Schwimmbad des Weschnitztals“ bekam, wie es auf einer Sonderseite der Odenwälder Zeitung anlässlich der Eröffnung im Jahr 1957 hieß. Am 1. Juni 1957 wurde das neue Freibad durch Bürgermeister Adam Weber nach zweijähriger Bauzeit mit einem Fest eingeweiht.
Die komplette Bildergalerie mit zugesendeten Leserfotos:
Kurz vor dem diesjährigen Saisonstart stand fest: Die Schäden am Freibad, das im nächsten Jahr 70 Jahre alt wird, sind zu massiv, und das Becken ist zu marode, um zu öffnen. Doch die Erinnerungen der Birkenauer an ihre „alte Lady“ bleiben.
„Freibad war die Disco für uns“
Es sind die Geschichten wie die von Dagmar Fändrich, die zeigen, dass das Freibad eng mit den eigenen Familiengeschichten der Birkenauer verknüpft ist. So ist die heute 91-jährige Birkenauerin auf einer Aufnahme aus dem privaten Fotoalbum als 18-Jährige mit ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann Karl auf der Freibadwiese zu sehen. „Wir haben dort viele schöne Stunden verbracht. Das Freibad war so etwas wie die Disco für uns“, erinnert sie sich.
Viele kleine Fotoalben liegen vor ihr ausgebreitet auf dem Wohnzimmertisch. Zu diesen Erinnerungsstücken zählt auch ein Zeitungsartikel aus dem Eröffnungsjahr 1957. Eine junge Frau mit Badekappe steigt gerade aus dem frisch eröffneten Becken des neuen Birkenauer Freibads: Es ist Dagmar Fändrich. „Ich erinnere mich, dass das Wasser sehr kalt war“, sagt sie mit einem Lächeln.
Erinnerungen an die Kindheit
An das ursprüngliche Birkenauer Freibad hat auch Irene Bickel noch zahlreiche Erinnerungen. „In Birkenau habe ich das Schwimmen gelernt“, erzählt die heute 88-Jährige bei ihrem Anruf in der Redaktion. Angefangen im Nichtschwimmerbecken, später traute sie sich dann in das tiefere Becken. Davon gibt es auch Schwarz-Weiß-Aufnahmen, auf denen aber leider nicht viel zu erkennen ist, erklärt sie.
„Im Sommer sprangen wir in allen Variationen vom Sprungturm“ (Walter Bechtold)
Aufgewachsen in der Hornbacher Straße, verbrachte sie Sommer für Sommer viel Zeit auf dem Gelände direkt an der Weschnitz. „Wenn ich an das Freibad denke, dann werden Kindheitserinnerungen wach“, sagt Bickel, die seit den 1960er-Jahren in Weinheim lebt. Mit ihren eigenen Kindern verbrachte sie ebenfalls etliche Sommer in Birkenau.
Stolz auf Schwimmabzeichen
Es ist „wirklich sehr schade, dass die Birkenauer Freibadsaison 2026 im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fällt. Hier habe ich im Alter von neun und zehn Jahren Anfang der 70er-Jahre meine Schwimmabzeichen gemacht“, erinnert sich Birgit Schäfer und hat ein Foto von ihrem Badeanzug geschickt, auf dem die Schwimmabzeichen aufgenäht sind.
„Wenn ich dieses Foto sehe, werden viele Erinnerungen geweckt“ (Otmar Holz)
„In den Sommerferien war ich fast täglich im Schwimmbad – und die Wasserrutsche hat auf meinem damaligen Badeanzug sichtlich Spuren hinterlassen.“ Und auch so manche Mutprobe wurde nicht ausgelassen: „Meine größte persönliche Mutprobe – leider ohne Videobeweis – war ein Köpper vom Fünf-Meter-Turm. Das würde ich mich heute nicht mehr trauen“, schreibt sie. Schäfer hofft, dass das Freibad größtmögliche Unterstützung erfährt und der Badebetrieb auf lange Zeit hinaus gesichert wird.
Ein Foto als kleiner Schatz
Der 79-jährige Otmar Holz aus Hemsbach denkt ebenfalls gerne an seine Zeit im Freibad zurück. Schließlich ist er nicht nur in Birkenau aufgewachsen und hat noch im alten Freibad das Schwimmen gelernt, sondern er hat auch etliche Sommer mit seinen Freunden auf dem Freibadgelände verbracht. Er zählt sich zu den „Lausbuben“, die im Freibad jede Menge Spaß hatten. Holz war Teil der ehemaligen Schwimmabteilung des TSV Birkenau und erinnert sich an etliche Sommer.
„Meine größte persönliche Mutprobe – leider ohne Videobeweis – war ein Köpper vom Fünf-Meter-Turm. Das würde ich mich heute nicht mehr trauen“ (Birgit Schäfer)
Das Foto, das Anfang der 1960er-Jahre entstanden ist und das Walter Bechtold der Redaktion zur Verfügung gestellt hat, besitzt auch Holz und er bewahrt es auf wie einen kleinen Schatz. „Ich bin in der mittleren Reihe stehend der Zweite von rechts, zwischen Schwimmtrainer Fritz Klink und Walter Bechtold. Ich war damals 14 Jahre alt“, erklärt Holz. Ganz links auf dem Foto ist der erste Bademeister des neuen Bads, Paul Hoffmann, zu sehen, der ebenfalls trainiert hat. „Wenn ich dieses Foto sehe, werden viele Erinnerungen geweckt.“
Nach der Eröffnung des Weinheimer Hallenbads wechselte er zur TSG Weinheim. Seine Begeisterung für das Schwimmen ist all die Jahre geblieben. „Ich schwimme noch heute 20 bis 30 Bahnen täglich, sobald es möglich ist“, erklärt er und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Man muss ja fit bleiben.“ Erinnerungen hat er vor allem auch an den Sprungturm und an die Birkenauer Lausbuben, die beim Absprung besonders viel Phantasie bewiesen. Einige wollten möglichst hoch und weit springen – Armbrüche inklusive.
Große Talente am Sprungturm
Auch Walter Bechtold erinnert sich gerne an seine Schwimmbadbande, wie er bereits in einem Artikel im Jahr 2020 im Zuge der Freibadsperrung während der Corona-Pandemie berichtete. Der 78-Jährige denkt an endlose Schwimmbadtage auf der Wiese mit Songs von den Beatles aus den Kofferradios zurück – „bei schönem Wetter waren manchmal am Wochenende über 5.000 Badegäste hier. Man sah dann fast keinen Rasen mehr wegen der vielen Decken“, schreibt er. An diese reihen sich auch zahlreiche weitere Erinnerungen an die Zeit im Wasser, im Training – „wir schwammen damals schon um die 1.000 Meter an einem Trainingsabend“ – wie auch einfach nur zum Spaß. Denn auch Lausbubenstreiche durften nicht fehlen. So wurde an der Kerwe beispielsweise die Kleidung von nächtlichen Nacktbadern versteckt.
„Fotos und das Entwickeln von Filmen werden immer im Nachhinein interessant“ (Wolfgang Kadel)
„Im Sommer sprangen wir in allen Variationen vom Sprungturm“, schreibt er. Und auch die guten Turmspringer präsentierten sonntags eine „Sprungschau“ mit viel Publikum am Beckenrand: „Wir zeigten schöne Sprünge mit vielen witzigen Einlagen. Manche hatten Kleider an oder Hüte auf. Einige sprangen mit Regenschirmen. Die Attraktion waren aber die Sprünge von der Fünf-Meter-Plattform auf das Drei-Meter-Brett und dann durch das Brett im hohen Bogen geschleudert ins Wasser.“ Ein Turmspringer, der auch zu eben dieser Freibadclique gehörte, ist Pit Braun, von dem Bechtold einige spektakuläre Aufnahmen in seinem persönlichen Archiv hat.
Einblick in das Familienalbum
Einblick in sein privates Fotoarchiv gewährt auch der Birkenauer Wolfgang Kadel. Seiner bereits frühen Leidenschaft für das Fotografieren ist es wohl zu verdanken, dass es ein paar Schnappschüsse aus dem Freibad gibt, die man so noch nie gesehen hat. Als der Fünf-Meter-Sprungturm abgerissen wurde und in der Folge Mitte der 1970er-Jahre die Grube aufgefüllt wurde, probierte er seine neue Fotokamera aus – und war zufällig vor Ort, als die Bagger mitten im Freibadbecken rollten. Er selbst hatte sich zuvor wenige Male getraut, vom Turm zu springen, erinnert er sich, und blieb dem Freibad bis zuletzt treu.
„Eine Jahreskarte gehörte für uns eigentlich immer zum Sommer dazu.“ Den Umbau aus den 1970er-Jahren hat er also zufällig im Album verewigt. Und auch eine ganz alte Aufnahme befindet sich darin. „Das Bild von 1929 ist im alten Schwimmbad aufgenommen“, erklärt er. Vorne links winkend auf dem Startblock sitzend ist sein Großvater zu sehen. „Fotos und das Entwickeln von Filmen werden immer im Nachhinein interessant“, erklärt er.
Fünf Fakten zum Birkenauer Freibad, die man so bisher nicht kannte, gibt es übrigens hier.