Die „Digitale Welt“ wird in Fürth gestaltet
Hessens Kultusminister Alexander Lorz informiert sich an der HBS Fürth über die Erfahrungen mit dem potenziellen neuen Schulfach.
Wer weiß, was Calliopes sind? Für manche Erwachsene ein Fremdwort, für etliche Fünfklässler an der Fürther Heinrich-Böll-Schule (HBS) ein regelmäßiger Begleiter im Unterricht. Calliopes sind kleine Computer, mit diversen Sensoren bestückt, auf deren Basis Großes geschaffen werden kann. Ein umweltfreundlicher Bauernhof etwa, mit Bewässerungssteuerung, Futterautomat und Temperaturregelung.
Ein Blick in die digitalisierte Zukunft, die an der HBS schon einmal im Miniformat bestaunt werden kann – programmiert von Schülern der fünften Klassen. In sieben Lerngruppen erhalten diese Unterricht im Fach „Digitale Welt“. Ein vom Hessischen Kultusministerium angestoßenes Pilotprojekt, an dem die integrierte Gesamtschule in Fürth als eine von zwölf Bildungseinrichtung landesweit beteiligt ist (wir haben berichtet).
Am Freitag wurden die bisher in diesem Schuljahr gesammelten Erfahrungen mit dem neuen Unterrichtsfach einem besonderen Gast präsentiert: Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz (CDU). Das Mitglied der Landesregierung und sein Tross staunten nicht schlecht über die Projekte, die in den einzelnen Unterrichtsräumen präsentiert wurden. Von dem beschriebenen Alltagshilfen – nicht nur für den Bauernhof – über Antriebssysteme bis hin zu Simulationen für erdbebensichere Architektur. Alles eigene Ideen der Kinder, die sie aufbauend auf der Arbeit mit Calliopes und anderen Systemen Schritt für Schritt umsetzen und weiterentwickeln. „Sie lassen ihrer Kreativität freien Lauf und merken fast gar nicht, wie sie dabei etwas über das Programmieren lernen“, sagt Daniel Kennig, einer der Lehrkräfte im Fach „Digitale Welt“.
Ökonomie und Ökologie
Ob dieses fester Bestandteil des Unterrichts an allen hessischen Schulen wird, darüber entscheiden die Erfahrungen an den Pilotschulen. Lorz hat sie alle besucht, die HBS bildete gestern den Abschluss. „Es ist ein Experiment“, sagte er dort. Ziel ist es, die Kinder auf die digitalisierte Welt vorzubereiten, in der sie einmal leben werden. Und vor allem: Sie dazu zu befähigen, diese zu gestalten. „Wohlstand erschaffen, und dabei den Planeten nicht kaputtmachen.“ So definiert der Minister die Aufgabenstellung.
Tatsächlich sollen im Fach „Digitale Welt“ ökologische und ökonomische Aspekte zusammengeführt werden. Bei der Umsetzung sind dabei – noch – keine Grenzen gezogen. Ein verbindlicher Lehrplan für das potenzielle neue Schulfach soll sich ebenfalls aus dem Pilotprojekt heraus entwickeln. Fest steht nur: „Es muss etwas geschehen“, wie Lorz in Anlehnung eine eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll sagte.
Warum, das erläuterte Landrat Christian Engelhardt: „Die Welt verändert sich rasant. Die heutigen Schüler werden es in zehn Jahren mit Dingen zu tun haben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.“ Der Kreis sei als Schulträger stolz darauf, mit der HBS an dieser Pilotphase beteiligt zu sein. Dies, so Engelhardt, komme „nicht von ungefähr“. Mit Blick auf das Schulleitungsteam mit Alexander Hauptmann an der Spitze weiß der Landrat, dass sich in Sachen Digitalisierung dort längst einiges bewegt. „Das ist die prädestinierte Schule für dieses Projekt“, sagte er.
Der anschließende Rundgang durch die Unterrichtsräume schien das zu bestätigen. Erstaunlich selbstbewusst erklärten die Fünfklässler den Besuchern aus der Politik und vom Schulamt ihre Aufgaben und Projekte. Für diese steht ihnen eine entsprechende Ausrüstung zur Verfügung, unter anderem auch ein Laserschneider und ein 3-D-Drucker, um passende Bauteile selbst herstellen zu können. „Nicht alles gibt es von Lego“, sagte Hauptmann dazu mit einem Schmunzeln. Gleichwohl sind die Bausteine des bekannten Herstellers gut vertreten.
„Die Dinge selbst entwickeln“
Den fächerübergreifenden Ansatz der „Digitalen Welt“ verdeutlicht der HBS-Leiter an der Zusammensetzung des Lehrpersonals, das sich aus dem vorhandenen Kollegium rekrutiert: von der Gesellschaftslehre über die Naturwissenschaften und die Ethik bis hin zur Mediengestaltung ist alles vertreten – natürlich auch Informatik-Fachleute.
Wobei das neue Fach mit der mathematiklastigen Informatik kaum etwas gemeinsam hat. „Wir holen die Kinder bei ihrer Kreativität ab und lassen sie Dinge selbst entwickeln“, erklärt Hauptmann. Für ihn steht fest: „Das neue Fach ist ein absoluter Erfolg.“
Pilotprojekt "Digitale Welt"
Die Pilotphase für das mögliche neue Schulfach „Digitale Welt“ ist in Hessen mit dem Schuljahr 2022/23 in den fünften Klassen gestartet.
Die HBS Fürth ist eine von zwölf Pilotschulen, insgesamt sind 70 Klassen mit fast 1800 Schülern beteiligt.
Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Goethe-Universität Frankfurt, in Kooperation mit dem Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.
Ziel ist die Vermittlung informatischer Grundlagen wie dem Programmieren und der Funktionsweise von Algorithmen.
Der Unterricht in der Pilotphase wird nicht benotet, der Versuch soll im Schuljahr 2023/24 in den sechsten Klassen fortgeführt und auf weitere Schulen ausgedehnt werden.