Samuel - Torhüter im Odenwald und Elite-Student in New Jersey
Nach seinem Abitur in Rimbach verschlug es Samuel Reisgys mit einem Stipendium in die USA nach New Jersey. Dort war er neben seinem Studium am New Jersey Institute of Technology Torhüter im Soccer-College-Team. Nun ist der ehemalige Waldhof-Jugendspieler zurück in Deutschland.
Samuel Reisgys (22) bekam ein Vollstipendium am New Jersey Institute of Technology (NJIT), nachdem er sowohl beim Fußball als auch in der Schulzeit herausragende Leistungen erzielt hat. Nun ist der Rimbacher wieder in Deutschland und erzählt im Gespräch mit WNOZ von seinen Erfahrungen, die er als College-Student und Fußballspieler in Amerika gemacht hat.
Fast Profi geworden?
Nach seinen Stationen beim FSV Rimbach und Darmstadt 98 ist Samuel schließlich bei Waldhof Mannheim gelandet, wo er bis zu seinem Studium noch in der U19 gespielt hat. Einige Male wurde er mit ein paar anderen Spielern zu den Profis hochgezogen, die damals noch in der Regionalliga kickten, um dort zu trainieren. Auf einem Sichtungsturnier für die Nationalmannschaft belegte der Torhüter mit der Badenauswahl sogar mal den dritten Platz.
Profiambitionen? „In der Jugend habe ich immer eine Liga unter dem, was maximal möglich war, gespielt. Statt in der Bundesliga war meine Mannschaft in der Oberliga - statt in der Nationalmannschaft habe ich eben 'nur' in der Badenauswahl gespielt. Zwar war ich profitechnisch noch nicht ganz abgeschrieben, aber ich habe es immer ganz realistisch gesehen. Auch als Kind war es nie mein großer Traum, eines Tages Fußballer zu werden. Klar hätte ich nicht nein gesagt, aber ich bin glücklich so, wie es gekommen ist“, erzählt Samuel.
Weg nach Amerika
Einzig sein Studium wollte Samuel unbedingt mit dem Fußball finanzieren. „Eigentlich hatte ich geplant, in Deutschland zu studieren und dann bei einem Verbandsligisten um die 1000 bis 1500 Euro im Monat zu bekommen - das reicht ja zum Überleben. Dann habe ich von der Möglichkeit mitbekommen, das auch in Amerika machen zu können und so ist der Stein schließlich ins Rollen gekommen. Das war alles sehr spontan.“
Nachdem sich Samuel mit einer Beratungsagentur zusammengesetzt hat, erstellte er ein Highlight-Video und absolvierte die nötigen Tests, um in den USA studieren zu dürfen. Kurze Zeit später kam der Headcoach der „Highlanders“ höchstpersönlich nach Deutschland geflogen und hat den Rimbacher nochmal in persona gescoutet. „Drei Monate später war ich dann in New Jersey.“ Dort studierte er zunächst BWL im Bachelor, später machte er noch einen Master im Management.
Geld war kein Thema
Wer sich schonmal über ein Studium in den Vereinigten Staaten informiert hat, weiß, dass die Studiengebühren im Vergleich zu Deutschland sehr hoch sind. Samuel hatte das Glück, durch sein fußballerisches Talent und seine überragenden Noten in der Schulzeit ein kombiniertes Vollstipendium zu erhalten. Sowohl aus athletischer als auch aus akademischer Sicht bekam der Torhüter also finanzielle Unterstützung seitens seines Colleges. Da für den Master in Amerika ein akademisches Stipendium nicht möglich ist, hat Samuel im zweiten Teil seines Studiums ein athletisches Vollstipendium bekommen.
Essen, Krankenversicherung, die Wohnung - alles mit inbegriffen. „Eigentlich war meine Handyrechnung die einzige Ausgabe, die ich so wirklich hatte. Und natürlich die Flüge in die Heimat, aber auch da hielten sich die Kosten in Grenzen“, erzählt er, „zudem hatte ich einen Studentenjob, bei dem ich mir ein wenig Taschengeld verdient habe.“
Alles unter einem Hut
Ein Vollzeit-Studium und gleichzeitig auf halbprofessionellem Niveau Fußball spielen - kann das zeitlich überhaupt funktionieren? Auf jeden Fall.
Anders als in seiner Zeit bei Waldhof oder Darmstadt fielen nämlich die Pendelzeiten weg. „Wenn ich damals aus der Schule gekommen bin und dann eine Stunde zum Training und dieselbe Zeit wieder zurückfahren musste, hat das natürlich Zeit gekostet“, so Samuel, „auf dem College war es zum Glück so, dass alles an einem Ort war. Von meiner Wohnung habe ich nur drei Minuten bis in die Kabine gebraucht. Und die Hörsäle befinden sich natürlich auch auf dem Campus.“ Es gab feste Trainingszeiten, meist von 10.30 bis 12.30 Uhr. Der Stundenplan wurde einfach drumherum gebaut. „Die Sportler haben auf dem College Priorität, was die Kurse angeht. Wir durften uns immer vor allen anderen anmelden.“
Trotz eines intensiven Zeitplans hatte Samuel in seinem Bachelor einen Notendurchschnitt von 4,0 - was in Amerika Bestnoten gleichkommt. Dazu performte er auch auf dem Feld: Mit 304 Karriereparaden hält er den Allzeitrekord des Colleges. Seine Paradenquote beträgt stolze 70 Prozent. Mit seinen 78 absolvierten Spielen in der Division 1 steht er übrigens auch an der Spitze seines Colleges.
Ansehen auf dem Campus
Weitere Privilegien? In Hollywoodfilmen sind die Sportler immer mit Abstand die Coolsten. Wie sieht die Realität aus?
„Man hat schon einen speziellen Status, das merkt man. Gerade wir Fußballer fallen auf, weil sich das Stadion mitten auf dem Campus befindet. Dazu waren die Spiele meistens abends zur Prime Time, wenn der Campus ohnehin voller Studenten war. Teilweise waren um die 1500 Menschen gleichzeitig bei unseren Spielen. Da erlangt man eben einen gewissen Wiedererkennungswert“, erzählt der Rimbacher, „es war aber nicht so, dass man wie ein Hollywoodstar herumgelaufen ist und jeder ein Foto mit einem machen wollte.“
Fußball = Zuschauermagnet?
So populär wie Europa ist der Fußball in den Vereinigten Staaten noch nicht. Die dominierende Sportart ist mit weitem Abstand American Football. Aber auch Basketball, Baseball und Eishockey erfreuen sich großer Beliebtheit. Am New Jersey Tech habe man die Stellenwerts-Unterschiede zwischen den Sportarten auf jeden Fall mitbekommen.
„Ein Footballteam hatten wir am College nicht. Zum Glück, kann man sagen. Denn das ist immer sehr teuer, da es einen großen Staff und viel Ausrüstung benötigt“, erzählt Samuel, „dementsprechend hatte die Schule mehr Budget für die anderen Sportarten. Vor allem Basketball und Baseball sind dort sehr groß und die Spieler wurden unter anderem mit einer Menge Kleidung ausgestattet.“
Was die Zuschauerzahlen angehe, seien die Fußballer aber definitiv an der Spitze mit dabei gewesen. „Unser Stadion war draußen - man hat gehört und gesehen, wenn wir gespielt haben. Beim Basketball musste man wissen, dass ein Spiel ist, um es mitzubekommen.“
Fußball wird immer beliebter
Die Dynamiken weisen eine klare Richtung auf. „Der Fußball ist in Amerika ziemlich am Wachsen. Gerade die Hispanics sind sehr fußballbegeistert und da sie die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe ist, wächst der Sport dementsprechend mit.“
Zudem ist seit jeher „Soccer“ - wie es in den USA genannt wird - vor allem im Damenbereich sehr erfolgreich. Mit vier Titeln aus neun Turnieren sind die Vereinigten Staaten Rekord-Weltmeister. Der Erfolg kommt nicht von irgendwo. „Fußball ist ein sehr starker Frauensport in Amerika“, so der 22-Jährige, „ich würde sagen, etwa jedes zweite Mädchen spielt Fußball, wenn sie sportlich aktiv ist.“
Keine Strafrunden mehr fürs Zuspätkommen
Das New Jersey Tech gilt laut ihrer Webseite als eine der ethnisch vielfältigsten Hochschulen des Landes. Kulturclash? Weit gefehlt.
Der Rimbacher berichtet: „In den USA ist man gewohnt, mit Menschen aus aller Welt zusammenzuleben. Auch in unserem Team kamen die Spieler von überall: Südkorea, Peru, Zypern, Australien - alles mit dabei. Großartige Konflikte gab es dort nicht. Im Gegenteil - ich konnte sehr viel lernen über andere Kulturen und wie die Menschen so ticken.“
Dennoch kenne man die Vorurteile - einige seien auch wahr. Pünktlichkeit sei beispielsweise ein Thema, über das Deutsche und Amerikaner unterschiedliche Ansichten hätten. „In Deutschland gab es im Training eine Strafrunde für jede Minute, die du zu spät auf dem Platz standest. In Amerika war das egal - Hauptsache du warst da“, sagt Samuel, „generell gehen die Leute dort ein bisschen lockerer mit Sachen um, auch in Hinblick auf Humor. Es wird mehr ausgeteilt, man muss aber gleichzeitig auch mehr einstecken können. Da sollte man sich nicht so schnell angegriffen fühlen.“
Glaube und Sport
Neben dem Fußball spielt Religion eine große Rolle in Samuels Leben. Als Christ glaubt er an Gott, der ihm hilft, schwierige Zeiten durchzustehen. Auf dem Fußballplatz selbst denkt der Torhüter nicht so viel an Gott. „Wenn ich beispielsweise einen Hechtsprung mache, sehe ich den Einfluss jetzt nicht ganz so groß. Es ist eher eine generelle Dankbarkeit, die ich verspüre, von Gott einen gesunden Körper bekommen zu haben, der es mir ermöglicht, Fußball zu spielen. Außerdem hat es mir geholfen zu verstehen, dass meine Identität nicht komplett auf Fußball gründet. Wenn du also ein Spiel verlierst, dann ist das nicht das Ende der Welt. Fußball ist am Ende des Tages auch nur ein Spiel.“
Was kommt nach dem Studium?
Seit Ende vergangenen Jahres ist Samuel Master im Management und seitdem auch zurück in Deutschland. Fünf Jahre im Ausland - was kommt dann? „Für die nächsten anderthalb Jahre bin ich in einer Trainee-Stelle im Finanzbereich bei einem DAX-30-Unternehmen tätig. Karrieretechnisch geht es also in die Richtung Corporate Finance. Das bedeutet, dass ich die Finanzgeschicke im Unternehmen mitgestalten kann. Das habe ich studiert, das macht mir Spaß.“
Und der Fußball? Zurzeit versucht sich Samuel eher in anderen Sportarten. So war er im Januar mit einem Freund in Innsbruck auf der Olympiabahn und ist mit 120 Kilometern pro Stunde den Eiskanal in einem Zweierbob hinuntergerast. Des Weiteren betreibt der 22-Jährige aktiv Kraftsport und möchte eventuell bald Boxsport-Luft schnuppern. Fußballerisch fährt er erstmal einen Gang zurück. „Ich habe zehn Jahre lang auf Leistungsniveau gespielt, sprich fünf bis sechs Mal die Woche Training plus Spieltage. Das war ziemlich viel. Momentan gönne ich mir eine Pause von diesem sehr hoch frequentierten Rhythmus, aber ich denke, früher oder später kommt der Hunger auf den Fußball sicherlich zurück.“ Sein großes Ziel, das Studium mit seiner Leidenschaft zu finanzieren, hat er jedenfalls erreicht.