War die Post vor 100 Jahren schneller? Von Birkenau nach Rotterdam über Nacht
Postkartengrüße aus der Vergangenheit zeigen, dass sie vor über 100 Jahren oft schneller durchs In- und Ausland reisten als heutzutage. Welche Einblicke die Briefe in damalige Beziehungen geben.
Birkenau. Vor einigen Wochen verkündete die Deutsche Post ihrer Kundschaft Verschlechterungen im Service. Mit einer Erhöhung des Briefportos geht eine Verlängerung der Zustellzeiten einher. Schrittweise sollen die Beförderungszeiten in den nächsten Jahren bis auf drei Tage angehoben werden. Eilige Post, die am nächsten Tag zugestellt werden soll, ist weiter möglich, allerdings mit einem Preisaufschlag als Einschreiben. Ein Blick in die Postgeschichte zeigt jedoch, dass um 1900 Briefe durchaus zügiger zugestellt wurden, wie Birkenaus Gemeindearchivar Günter Körner schreibt. Postkarten, die Anfang des 20. Jahrhunderts verschickt wurden, zeigen sowohl, wie lange beziehungsweise kurz sie unterwegs waren, als auch, welche Botschaften man sich so schrieb.
Beispielsweise am 20. November 1905 schrieb mutmaßlich eine Angehörige der Familie Wambolt an Prinzessin Rosa zu Hohenlohe-Schillingsfürst geb. Salm nach Altaussee im Salzkammergut in Österreich. Die Karte kam bereits am nächsten Tag, 21. November 1905, dort an. Auf dieser Karte ist zu lesen: „Du kannst Dir nicht vorstellen, wie rasend gemütlich es hier ist, einfach köstlich. Leider regnet es. Tausend innige Umarmungen H.“ Also „lief“ die Karte von Birkenau nach Österreich gerade einmal einen Tag. Doch selbst das war damals noch steigerungsfähig, schreibt Körner.
Ein Brief und Lebkuchen
Am 28. November 1903 schrieben „Frieda und Anna an Fräulein M. Grünewald in Neuchatel, in der Schweiz“. Und noch am selben Tag bestätigt der Schweizer Eingangsstempel die Beförderung dieser Grußkarte. Offenbar hatten die Absenderinnen einen Brief und ein Paket Lebkuchen erhalten, wovon die Kinder bereits einige gegessen hatten „und Dich haben hochleben lassen. Haben hier nichts als Regen, Schnee und Sturm!“
Eine Ansichtskarte, die den Hirschkopfturm zeigt, wurde in Birkenau am 9. Juli 1905 nach Rotterdam geschickt und kam bereits am nächsten Tag an.
„Mit einem kräftigen Schluck“
Fast könnte der Eindruck entstehen, dass Post in das Ausland bevorzugt zugestellt wurde. Das ist jedoch nicht der Fall. Eine Karte an Chr. Peret (Lehrer), „Wohlgeboren“ in Nierstein, wurde am 18. September 1900 in Birkenau aufgegeben und kam am selben Tag dort an. Der Schreiber, Franz Arnold, bemerkt: „... beim Frühschoppen gedenken wir Deiner mit einem kräftigen Schluck. Wann darf ich mit Deinem Besuch rechnen?“
Szenen eines jungen Paars
Ein möglicherweise verliebter junger Mann schrieb am 25. November 1906 an „Fräulein Marie Elfner in Hilsenhain, Post Heiligkreuzsteinach“. Die Ansichtskarte kam am nächsten Tag dort an. Der Schreiber erwartete freudig Post: „Meine liebe Marie, habe heute ganz bestimmt auf Deinen Brief gewartet!“ Am 22. Mai 1907 erhielt Marie Elfner von „Johann“ nochmals eine Birkenauer Ansichtskarte, die dieser am Tag zuvor aufgegeben hatte. Johann schrieb darauf: „Liebe Marie, nehme Bezug auf meinen heutigen Brief und darf ich Dich wohl bis ½ 8 Uhr bei mir erwarten, morgen Abend, Grüße und Küsse.“ Auf der Vorderseite ist von dem offenbar ungeduldigen Johann zu erfahren: „Mein Zorn hat sich nunmehr etwas gelegt. Gruß und Kuss.“ Beide Male war die Briefmarke – eine Fünf-Pfennig-Germania – auf der Rückseite schräg nach rechts aufgeklebt worden, was in der „Briefmarkensprache“ bedeutete: „Ich mag Dich.“ Diese Beispiele zeigen, dass Briefe und andere Postsendungen im Inland, aber auch in das Ausland an einem Tag zugestellt werden konnten. Im Notfall konnte man damals sogar telefonieren.
Es ist jedoch zu bemerken, dass Telefone rar gesät waren, schreibt Körner. Denn nur Vermögende hatten ein Telefon. Ansonsten musste man in Gastwirtschaften, etwa in Löhrbach, telefonieren. Bei ankommenden Gesprächen schickte der Gastwirt eine Bedienung zu dem Angerufenen, der dann in die Gastwirtschaft eilte, um das Gespräch entgegenzunehmen. Heute stehen dagegen viele Möglichkeiten zur Verfügung, um zu jeder Tageszeit Kontakt weltweit aufnehmen zu können.