Weinheim/Region

Apotheken-Protesttag: von der Politik im Stich gelassen

Die Schaufenster sind seit Tagen mit Plakaten komplett zugeklebt. Am Mittwoch blieben nun auch die Türen der meisten Apotheken in der Region geschlossen. Denn an der Bergstraße und im Odenwald beteiligten sich fast alle Apotheker am bundesweiten Protesttag. Um die Versorgung mit Arzneimitteln in dringenden Fällen aufrechtzuerhalten, hatte die Laurentius-Apotheke im Hemsbach den Notdienst übernommen.

Ein Bild mit Symbolkraft: Am Mittwoch trafen sich mehrere Apotheker unter dem Schriftzug der ehemaligen Löwen-Apotheke am Marktplatz. Wenn die Bundesregierung nicht endlich gegensteuert, so die Botschaft, dann werden in den kommenden Jahren viele weitere Apotheken schließen. Das Bild zeigt von links: Alexa Mistler, Christian Wirth, Susanne Keilmann, Ursula Cortelezzi sowie Anne Katrin Frauenkron. Foto: Fritz Kopetzky
Ein Bild mit Symbolkraft: Am Mittwoch trafen sich mehrere Apotheker unter dem Schriftzug der ehemaligen Löwen-Apotheke am Marktplatz. Wenn die Bundesregierung nicht endlich gegensteuert, so die Botschaft, dann werden in den kommenden Jahren viele weitere Apotheken schließen. Das Bild zeigt von links: Alexa Mistler, Christian Wirth, Susanne Keilmann, Ursula Cortelezzi sowie Anne Katrin Frauenkron.

Die Apotheker fordern bessere Rahmenbedingungen und eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit, damit auch in Zukunft eine wohnortnahe und kompetente Versorgung der Menschen mit Arzneimitteln möglich ist. Doch davon sei man meilenweit entfernt, sind sich am Mittwoch die Apothekerinnen Ursula Cortelezzi (Hirschberg), Anne Katrin Frauenkron (Weinheim), Alexa Mistler (Hemsbach) und Susanne Keilmann (Hemsbach) mit ihrem Kollegen Christian Wirth (Weinheim) beim Gespräch mit der WN-Redaktion am Marktplatz einig. Zum Pressefoto versammeln sie sich unter dem Schriftzug der ehemaligen Löwen-Apotheke, die dort von 1651 bis 1991 untergebracht war. Wenn die Bundesregierung nicht endlich gegensteuert, so die Botschaft, dann werden in den kommenden Jahren noch viele weitere Apotheken schließen.

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Die Wut über geradezu absurde Dokumentationspflichten und eine immer weiter ausufernde Bürokratie, der Frust über eine nicht mehr auskömmliche Vergütung, aber auch die schiere Verzweiflung angesichts immer neuer Lieferengpässe treiben sie um. Denn damit werde eine angemessene Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln zunehmend gefährdet.

„Nur ein Ablenkungsmanöver“

Von der Bundesregierung fühlen sich die Apotheker seit Jahren im Stich gelassen. Und dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ausgerechnet einen Tag vor dem Protest der Apotheken den Start des E-Rezepts zum 1. Juli angekündigt hat, sei nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver. Denn Lauterbachs Aussage, wonach das „E-Rezept endlich alltagstauglich ist“, sei eine maßlose Übertreibung. Bis Patienten tatsächlich flächendeckend ihr E-Rezept in der Apotheke mit der Versichertenkarte abrufen können, sei es noch ein weiter Weg, betonte Wirth. Das liege weniger an den Apotheken, die zu rund 80 Prozent schon an das neue System angeschlossen sind, sondern an der großen Zahl von Arztpraxen, bei denen das noch nicht funktioniert. Zu Beginn werde es daher weiterhin Papierausdrucke geben, deren QR-Code dann in der Apotheke gescannt werden muss. Das Ende der „Zettelwirtschaft“ ist also noch lange nicht in Sicht.

Was den Apothekern aktuell besonders zu schaffen macht, ist das Management der Lieferengpässe für zahllose Medikamente. Die Mehrheit der Apotheken würde mittlerweile mehr als zehn Prozent ihrer Arbeitszeit dafür aufwenden, berichtet Anne Katrin Frauenkron.

Regelung bei Lieferengpässen

Erschwert wird die Suche nach einem geeigneten Präparat durch exklusive Rabattverträge von Krankenkassen mit einem bestimmten Hersteller und durch unvollständig oder falsch ausgefüllte Rezepte von Ärzten. Bevor eine Apotheke das Medikament eines anderen Herstellers oder in einer anderen Wirkstoffkonzentration ausgeben darf, müssen zudem umfassende Dokumentationspflichten erfüllt werden. Angemessen vergütet wird dieser Aufwand nicht. Ab August könnte es zudem noch komplizierter werden. Denn Ende Juli laufen die „erleichterten Austauschmöglichkeiten von verschriebenen Arzneimitteln“ aus, die im Zuge der Corona-Pandemie eingeführt worden waren.

„Diese Regelung muss dringend verlängert werden“, sind sich die Apotheker einig. Andernfalls könnte man dem Patienten praktisch nur noch genau das Medikament aushändigen, das auf dem Rezept steht. Ist es nicht verfügbar, müsste der Patient wieder zu seinem Arzt gehen, damit er ein neues Rezept für ein Präparat ausstellt, das lieferbar ist. „Das können Sie doch niemandem erklären, der zum Beispiel mit seinem kranken Kind vor Ihnen steht und dringend ein fiebersenkendes Mittel oder ein Antibiotikum braucht“, macht Alexa Mistler deutlich, was das für die Patienten bedeuten würde.

„Existenz sichern“

Seit Jahren versuchen die Apothekerverbände, mit ihren Anliegen bei der Politik Gehör zu finden. Doch die Lobby der gesetzlichen Krankenkasse sei so übermächtig, dass die verhältnismäßig kleine Gruppe der Apotheker mit ihren Forderungen kaum durchdringe.

Der bundesweite Protesttag ist der Versuch, daran etwas zu ändern. Medienberichten zufolge hat jetzt Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) seine Unterstützung zugesagt. Bundesgesundheitsminister Lauterbach (SPD) sieht dagegen angesichts der Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenkassen „keinen Raum für höhere Honorare“ der Apotheker.

Das macht Ursula Cortelezzi wütend: „Es geht uns doch nicht darum, den Gewinn zu steigern, sondern unsere Existenz zu sichern und unseren Mitarbeiterinnen angemessene Gehälter zahlen zu können.“ Christian Wirth fügt hinzu: „Oder will die Politik wirklich die wohnortnahe Versorgung kippen?“

Aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen sei die Zahl der Apotheken in Deutschland seit Jahren rückläufig und liege längst unter dem EU-Durchschnitt. In der Metropolregion komme hinzu, dass viele Apotheker über 60 Jahre alt sind und keine Nachfolger finden, ergänzt Anne Katrin Frauenkron. Denn für junge Pharmazeuten sei das Berufsbild unter den gegebenen bürokratischen und finanziellen Rahmenbedingungen einfach nicht mehr attraktiv. Aber auch der Fachkräftemangel bei pharmazeutisch technischen Assistenten (PTA) oder kaufmännischen Angestellten (PKA) habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft.

Patienten haben Verständnis

Eines hat der Apotheken-Protesttag auf jeden Fall erreicht: bundesweite Aufmerksamkeit. Aber die Apotheker an der Bergstraße freuen sich auch darüber, dass die allermeisten Patienten großes Verständnis hatten für die eintägige Schließung fast aller Apotheken, um den Forderungen gegenüber der Politik Nachdruck zu verleihen.

Föhr: Dringender Handlungsbedarf

Unterstützung kommt vom CDU-Wahlkreisabgeordneten Alexander Föhr. Auf WN-Anfrage erklärte er: „Die Herausforderungen für die Aufrechterhaltung der wohnortnahen Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit Arzneimitteln und apothekenpflichtigen Medizinprodukten durch öffentliche Apotheken werden in den kommenden Jahren nicht kleiner werden. Ich unterstütze daher den Protest und setze mich mit der Fraktion der CDU/CSU für eine Verbesserung der Situation ein.“

Die aktuellen Liefer- und Versorgungsengpässe bei wichtigen Arzneimitteln würden eine besondere Belastung für die Apotheken darstellen, nicht nur finanzieller Art. Es bestehe daher dringender Handlungsbedarf.

Föhr erklärte weiter: „Leider erleben wir mit der Politik der Ampel-Regierung im Moment genau das Gegenteil.“ Ein von der Union mehrfach geforderter Versorgungsgipfel werde nicht einberufen. Aber auch das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz der Ampel trage nicht zu einer Verbesserung der Situation von Apotheken bei – ganz im Gegenteil. Um sich einen tieferen Eindruck der Situation vor Ort zu verschaffen, werde er im kommenden Monat ein Praktikum in einer Apotheke des Wahlkreises Heidelberg/Weinheim absolvieren, kündigte der Bundestagsabgeordnete an.

Ärzteprotest nächste Woche

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) zeigte sich am Mittwoch „solidarisch mit den Protesten der Apotheker“. In einer Stellungnahme der KVBW erklärte deren Vorsitzender Dr. Karsten Braun: „Die Apotheken legen den Finger in die richtige Wunde. Sie protestieren gegen die überbordende Bürokratie, dagegen, dass sie immer weniger Zeit für die Belange ihrer Kunden haben und sie immer Aufgaben übernehmen müssen, für die sie keine Vergütung bekommen. Dafür haben wir volles Verständnis und können uns den Forderungen daher nur anschließen.“

Seine Vorstandskollegin Dr. Doris Reinhardt stellte fest: „Wenn ich mir die Situation in der medizinischen Versorgung anschaue, haben wir die gleichen Probleme. Das scheint daher keine spezifische Situation der Apotheken, sondern des Gesundheitswesens insgesamt zu sein.“ Daher gehe der Protesttag der Ärzteschaft nächste Woche in die gleiche Richtung, kündigte sie an. Am 21. Juni wollen Vertreter der KVBW und anderer Verbände zusammen auf dem Stuttgarter Schlossplatz gegen die aktuelle Gesundheitspolitik protestieren. pro