Beschwerden wegen Lärmbelästigung werden lauter
Wenn die einen feiern und die anderen schlafen wollen, treffen immer öfter Welten aufeinander. Die Klagen nehmen zu. Was Corona damit zu tun hat und wie sich Veranstalter darauf einstellen.
Beim Weinheimer Kultursommer muss pünktlich um 22 Uhr der letzte Ton verklingen. Der Grund: Beschwerden wegen nächtlicher Ruhestörung. Für die Kerwe wird eigens ein Beschallungskonzept entwickelt, weil sich Anwohner der Altstadt vom Lärm gestört fühlen – im 66. Jahr des größten Volksfestes an der Bergstraße. Ein 20. Geburtstag in Hohensachsen wird schon um 23 Uhr jäh unterbrochen – von der Polizei, die wegen Lärmbelästigung von Nachbarn gerufen wird. Die Beamten kommen mit Verzögerung, weil sie die angeblich zu laute Party erst nicht finden können. Im Weinheimer Rathaus klingeln am Morgen nach Konzerten die Telefone heiß. Die Anwohner klagen über Lärmbelästigung.
"So viele Beschwerden wie noch nie"
Wenn die einen feiern wollen und die anderen schlafen, treffen immer öfter Welten aufeinander. „Die Gemengelage hat sich nach Corona verändert“, konstatiert Weinheims Pressesprecher Roland Kern und fügt hinzu: „Die Leute sind empfindlicher geworden.“ Er bestätigt: „Wir haben so viele Beschwerden wie noch nie wegen Lärmbelästigung bei öffentlichen Veranstaltungen.“
Nach der 90er-Party im Schlosspark im Juli waren es besonders viele. Bei der Polizei gingen am Abend des 22. Juli in kürzester Zeit Beschwerden „im niedrigen zweistelligen Bereich“ ein, teilt die Pressestelle des Polizeipräsidiums Mannheim auf Anfrage mit, „wobei sich diese insgesamt gegen die Lautstärke der Veranstaltung gerichtet haben“. Ein Beschwerdeführer habe angegeben, bei geschlossenen Türen und Fenstern 80 Dezibel gemessen zu haben.
Konkrete Zahlen zur allgemeinen Entwicklung der Klagen für Stadt und Kreis will die Polizei nicht nennen, teilt aber mit: „Gefühlt nehmen Beschwerden zu Ruhestörungen zu.“
Mehr als ein „Gefühl“
Dieses „Gefühl“ bestätigt sich für Christian Schwitzke (Bild: privat) immer wieder. Als Veranstalter von Events muss er eine „seltsame Entwicklung“ feststellen, die nicht nur ihn irritiert. „Immer mehr Leute in unserer schönen Stadt glauben, dass ihr eigenes Befinden grundsätzlich mehr Gewicht hat als die Lebensqualität vieler“, sagt er und führt auf seiner Facebookseite ein paar Beispiele ins Feld: Um 21.15 Uhr sei an einem Samstagabend die Polizei gerufen worden, weil jemand wegen einer Hochzeit „das Quaken der Frösche in meinem Teich“ nicht mehr ungestört hören kann. Die Hochzeit war vier Kilometer entfernt. Ein anderer habe mehrfach die Polizei alarmiert, weil er sich an einem Samstag um 16 Uhr von den Gästen eines Bistros in der Innenstadt belästigt fühlte. An einem Sonntagmittag sei die Polizei verständigt worden, weil sich ein Anwohner von einem Frühschoppen mit Livevolksmusik ohne Verstärker in einer Gartenkneipe gestört fühlte. Grund: Er könne seinen Mittagsschlaf nicht machen. Und die Liste der Beispiele, die Schwitzke nennt, geht noch weiter: Um 21.30 Uhr sei an einem Samstag aus der Nordstadt die Beschwerde bei der Polizei eingegangen, weil auf der Burg eine Feier mit Salsa-Musik stattfand. „Die Musik aus einer Box ohne Subwoofer war in einer Lautstärke eingestellt, dass die Gäste sich ohne Probleme vor Ort unterhalten konnten – die eigentliche Feier war im Saal“, weiß Schwitzke, der unter anderem Veranstaltungen auf der Weinheimer Wachenburg organisiert.
Der Polizei macht der Weinheimer, der selbst in der Weinheimer Innenstadt lebt, keinen Vorwurf. „Aber muss denn immer gleich mit ,Kanonen auf Spatzen‘ geschossen werden? Es gibt doch einen Unterschied zwischen massiver Rücksichtslosigkeit und dem Sound der Lebensfreude!“, sagt er.
Toleranz gefordert
Jeder Veranstalter, den er kenne, mache sich Gedanken über Lärm. Jeder versuche, einen für alle erträglichen Weg zu finden. Schwitzke: „Wo Menschen leben, wird auch gefeiert. Wo Menschen fröhlich sind, wird es auch mal lauter.“ Und wirklich laut werde es doch nur in absoluten Ausnahmen. „Das kann man auch mal wohlwollend erdulden, zumal der Sommer ja nicht endlos ist“, bezieht Christian Schwitzke klar Stellung. Wenn es tatsächlich mal zu laut werde, könne man auch selbst die Verantwortlichen kontaktieren, statt anonym die Behörden loszuschicken, sagt er und fügt hinzu: „Aber rummotzen und dann feige die Polizei die Arbeit machen lassen, ist dagegen beschämend.“
Er plädiert für mehr Toleranz und sagt in Richtung der Beschwerdeführer: „Lasst die Menschen doch auch ihren Spaß haben, selbst wenn es mal eure Kreise etwas stört.“
Etwas differenzierter sieht Weinheims Pressesprecher die Situation. Kern versucht immer wieder zu vermitteln, wenn sich Anwohner beschweren. „Aber allen kann man es nicht recht machen“, weiß er. Für ihn kommt zur gestiegenen Empfindlichkeit der Menschen nach Corona ein Entwicklungsprozess bei den Veranstaltungen. Weil konzertante und leisere Angebote sich für Veranstalter nicht mehr rechnen, setzten sie auf Ravepartys und Co., bei denen die Kartennachfrage, aber eben auch die Lautstärke größer ist.
„Es ist immer eine Gratwanderung“, sagt Kern. Zum einen seien 5000 fröhlich feiernde Menschen wie bei der 90er-Party natürlich eine tolle Werbung für Weinheim, zum anderen seien dadurch aber auch Beschwerden wegen Lärmbelästigung vorprogrammiert.