Konsequenzen für Mensch und Tier

Biologin will Bewusstsein für Lichtverschmutzung in Weinheim schaffen

Nächtliche Beleuchtungen an Gebäuden schaden vielen Lebewesen auch in Weinheim. Biologin Brigitte Heinz will für die Konsequenzen der Lichtverschmutzung ein Bewusstsein schaffen.

Künstliche Lichtquellen wie diese Straßenlaterne ziehen ganze Nachtfalterschwärme in ihren Bann, die dadurch um ihr natürliches Verhaten gebracht werden. Foto: Brigitte Heinz
Künstliche Lichtquellen wie diese Straßenlaterne ziehen ganze Nachtfalterschwärme in ihren Bann, die dadurch um ihr natürliches Verhaten gebracht werden.

Weinheim. Lichtverschmutzung? Für viele Menschen bestimmt ein Fremdwort – wie kann Licht etwas verschmutzen? Doch hinter dem absurd klingenden Begriff verbirgt sich eine ernsthafte Problematik. Viele Lebewesen – mitunter wir Menschen – können durch nächtliche Beleuchtungen zu Schaden kommen. Vor allem in Städten wie Weinheim sind die Lichtimmissionen gravierend. Diplom-Biologin Brigitte Heinz ist Geschäftsführerin vom BUND in Heidelberg und will mit ihrem Projekt „Die Nachtretter“ auf das Thema aufmerksam machen.

Newsletter

Holen Sie sich den WNOZ-Newsletter und verpassen Sie keine Nachrichten aus Ihrer Region und aller Welt.

Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

Tiere sind ihre Bestimmung: Als Leiterin des Projekts „Die Nachtretter “ setzt sie sich vor allem für ihre nachtaktiven Begleiter ein. Foto: Brigitte Heinz
Tiere sind ihre Bestimmung: Als Leiterin des Projekts „Die Nachtretter “ setzt sie sich vor allem für ihre nachtaktiven Begleiter ein.

Lichtverschmutzung kann ganze Insektenvölker zerstören

Als Lichtverschmutzung wird allgemein die Aufhellung der Nacht und des Nachthimmels durch künstliches Licht bezeichnet. Seit der Erfindung der Glühbirne vor rund 150 Jahren erhellen wir Menschen damit immer mehr die Dunkelheit. Das Paradebeispiel hierfür dürfte New York City sein – die Stadt, die niemals schläft. Aber auch kleinere Kaliber wie Weinheim tragen nicht unwesentlich zur Erhellung der Welt bei. „Lange war der Mond das hellste Licht in der Nacht - und das war völlig ausreichend", sagt Heinz. „Ganze Ökosysteme haben sich über Millionen von Jahren an diesen Rhythmus angepasst. Und nun drohen sie, zerstört zu werden.“

Die Konsequenzen sind weitreichend. Neben dem „Verlust“ eines sichtbaren Sternhimmels – was wahrscheinlich die Folge mit dem geringsten Schaden ist – sind vor allem nachaktive Tiere die Leidtragenden. Beispielsweise verlieren einige Insektenarten ihre Orientierung am Mond, der ihnen den Rhythmus vorgibt. Das kann einen Verlust ganzer Nachtfalterpopulationen mit sich ziehen, und nachtaktiven Säugern wie Fledermäusen wird der Lebensraum genommen.

Auch Zugvögel werden durch künstliches Licht stark irritiert „Sie fliegen häufig direkt auf beleuchtete Brücken, Hochhäuser oder Funktürme zu oder umkreisen die Objekte lange und können bei einem Zusammenprall sterben“, sagt Heinz. Für Singvögel gehen zudem Abend- und Morgendämmerung nahtlos ineinander über.

Und wir Menschen? Wir bleiben ebenfalls nicht von Lichtimmissionen verschont. Selbst, wenn wir abends die Rollläden herunterlassen. Flackernde Fernsehbildschirme, grell leuchtende Smartphones oder einfache Deckenbeleuchtungen – allesamt bringen den Melatonin-Haushalt durcheinander und sorgen so für Schlafstörungen. Besonders dann, wenn die Lichter einen hohen Blaulichtanteil aufweisen. Das Hormon Melatonin wird in der Zirbeldrüse des Gehirns produziert und reguliert den Tag-Nacht-Rhythmus.

"Nur den wenigsten Menschen ist dieses Thema bewusst"

Warum weiß darüber niemand Bescheid?, dachte sich Brigitte Heinz, die neben ihrer Tätigkeit beim Naturschutzbund auch als Fledermausexpertin arbeitet. Vor etwa vier Jahren entschloss sie sich deshalb, das Projekt „Die Nachtretter“ zu initiieren – um der Lichtverschmutzung entgegenzuwirken. „Natürlich weiß niemand Bescheid, in der Nacht merkt es keiner“, sagt sie. „Ich selbst bin wegen der Fledermäuse nachts viel unterwegs und bin deshalb durch meinen Beruf erst auf das Problem gestoßen.“

Laut Heinz sollen nicht alle Beleuchtungen nachts ausgeschaltet werden, sondern nur dort, wo man sie nicht braucht und nachts niemand mehr ist. „Ich denke dabei an Parkplatzbeleuchtungen oder Schaufenster in Fußgängerzonen. Die Lichter auszuschalten tut nicht nur jedem Lebewesen gut, man hat dazu in der Summe auch noch eine enorme Energieersparnis.“

Fassadenbeleuchtungen in der Nacht können ansprechend aussehen, sind aber für unser Ökosystem sehr gefährlich. Seien es öffentliche Einrichtungen wie Kirchen, ...
Foto: Brigitte Heinz
... beleuchtete Schaufenster in Fußgängerzonen, ...
Foto: Brigitte Heinz
... private Wohnhäuser...
Foto: Brigitte Heinz
... oder leere Supermarktparkplätze. Alle Fotos entstanden nach 23 Uhr – Zeiten, zu denen die Beleuchtung für die wenigsten noch einen Nutzen hat.
Foto: Brigitte Heinz
Fassadenbeleuchtungen in der Nacht können ansprechend aussehen, sind aber für unser Ökosystem sehr gefährlich. Seien es öffentliche Einrichtungen wie Kirchen, ...
... beleuchtete Schaufenster in Fußgängerzonen, ...
... private Wohnhäuser...
... oder leere Supermarktparkplätze. Alle Fotos entstanden nach 23 Uhr – Zeiten, zu denen die Beleuchtung für die wenigsten noch einen Nutzen hat.
"Das Problem ist, dass für dieses Thema einfach das Bewusstsein fehlt." ~ Brigitte Heinz

Das Projekt lebt von seinen Multiplikatoren: Je mehr Menschen von der Thematik wissen und sich dem annehmen, desto mehr kann bewirkt werden. „Wenn mir überflüssige Beleuchtungen auffallen, dann versuche ich, möglichst freundlich auf die Leute zuzugehen oder lasse ihnen einen netten Zettel da“, so Heinz. „Die meisten reagieren dann ebenso freundlich, denn das Problem ist sehr einfach zu lösen – nur ist den wenigsten Menschen dieses Thema bewusst.“

Ist die Schlossbeleuchtung in Weinheim überhaupt rechtens?

Was ist nun aber mit der Zweiburgenstadt? Die Windeck und das Schloss werden doch nachts beleuchtet. Ist das alles überhaupt rechtens? Laut § 21 des baden-württembergischen Naturschutzgesetzes sind Eingriffe in die Insektenfauna durch künstliche Beleuchtung im Außenbereich zu vermeiden – das gilt jedoch nur für Fassadenbeleuchtungen. „Ich würde mir wünschen, dass es allgemein für Beleuchtungen bald ein Gesetz gibt“, sagt Heinz. „Darum wird sich auch schon bemüht.“

Die Stadt Weinheim halte sich „selbstverständlich“ an die geltenden Vorgaben, sagt Roland Kern, Kommunikationsleiter der Stadt auf WNOZ-Anfrage. Sowohl für die Burgruine Windeck als auch das Rathaus Schloss wurden Ausnahmeregelungen vom Beleuchtungsverbot getroffen. Alle anderen öffentlichen Gebäude halten sich ohnehin an die Auflagen. „Wir bewegen uns in einer Abwägung zwischen Naturschutzbelangen und der Bewerbung von touristischen Leuchttürmen wie den beiden Burgen“, erklärt er. Um den Schaden dennoch zu minimieren, seien die Schaltzeiten der Fassadenbeleuchtungen gemäß dem Naturschutzgesetz angepasst. Außerdem benutze man „insektenfreundliche Leuchtmittel“.

Foto: Marco Schilling

Für Heinz gibt es trotz aller Rücksichtnahmen immer noch zu viele Ausnahmen. „Das Gesetz wurde vor gut zwei Jahren verschärft und soll seitdem nur noch besonders herausragenden Gebäuden eine Sonderstellung ermöglichen. Was damit gemeint ist, entscheidet letztlich die Behörde, aber ich denke dabei an Denkmäler wie den Kölner Dom.“

Abgesehen von den öffentlichen Gebäuden gibt es im allgemeinen Stadtbild noch weitere Faktoren, die für eine dunkle Nacht nicht gerade begünstigend wirken. Werbetafeln, Firmenschilder, Flutlichter von Sportanlagen, Schaufensterbeleuchtungen – allesamt verursachen Lichtimmissionen, die in der Summe nur wenige dunkle Flecken zurücklassen, in Weinheim und darüber hinaus.

So einfach lässt sich Lichtverschmutzung reduzieren

Bleibt noch die Frage: Was kann ich selbst gegen die Lichtverschmutzung unternehmen? Neben der Bewusstseinsschaffung gibt es einige Dinge, die jeder bei sich zu Hause beachten kann, um seine Lichtimmissionen möglichst einzudämmen. So sollte man prinzipiell Beleuchtungen an Haus und Garten sparsam einsetzen und nach Möglichkeit Bewegungsmelder verwenden – andernfalls die Lampen nur anschalten, wenn man sich dort aufhält.

Darüber hinaus sind niedrige Beleuchtungsstärken am schonendsten für die Tiere. Am allerbesten sind Lichter ohne UV- und Blaulichtanteile – diese sind übrigens auch für Menschen am gesündesten. Zuletzt empfiehlt Heinz das Vermeiden von „Insektenvernichter“-Lampen. Neben den direkt betroffenen Insekten geht für andere Tierarten ein wichtiger Bestandteil ihrer Nahrung verloren.

„Alleine, dass durch den Artikel einige Menschen ein Bewusstsein für das Thema der Lichtverschmutzung bekommen, hilft schon ungemein“, sagt Heinz. „Mein Ziel ist es, damit möglichst viele Leute zu erreichen und selbst zu Nachtrettern zu machen.“