Weinheim

Demo der Wirte: „Wir können zwölf Prozent nicht schlucken“

Nach der Rückkehr zum Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent, protestieren Gastronomen aus der ganzen Region auf dem Weinheimer Marktplatz.

Die Wirte sind sauer: Die gestiegene Mehrwertsteuer sorgt für einen deftigen Preisanstieg bei Schnitzel und Co. Foto: Philipp Reimer Fotografie
Die Wirte sind sauer: Die gestiegene Mehrwertsteuer sorgt für einen deftigen Preisanstieg bei Schnitzel und Co.

Wer im Weinheimer Tafelspitz die Spezialität essen will, die dem Restaurant ihren Namen gab, muss seit Sonntag tiefer in die Tasche greifen. Statt bisher 26,90 Euro kostet das beliebte Gericht jetzt 29,90 Euro – ein Aufschlag von rund zwölf Prozent. Eben jene zwölf Prozent, die mit dem gestiegenen Mehrwertsteuersatz von sieben auf 19 Prozent einhergehen. Nach dem Auslaufen der Krisenhilfe des Bundes werden seit Januar wieder höhere Steuern auf Speisen fällig. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Erhöhung an die Kunden weiterzugeben“, erklärt Senior-Chef Charly Ofenloch. Das schmeckt ihm keineswegs. Denn die Angst ist groß, dass die Gäste ausbleiben.

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Vor Monate Alarm geschlagen

Wirte und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband hatten deshalb bereits vor Monaten Alarm geschlagen, um die Politik zum Einlenken zu bewegen – erfolglos. In Weinheim setzten Gastronomen aus der Region am Montag ein weiteres Zeichen gegen die Politik der Bundesregierung, just an dem Tag, an dem auch die Bauern gegen das Ende der Kfz-Steuervergünstigung und die Abschaffung der Agrardiesel-Rückvergütung mit ihren Traktoren auf die Straße gingen. Eine Welle des Protestes schwappt durch Deutschland.

Susanne Hartmann:  "Zwei Suppen und zwei Bier für über 23 Euro! Das kann man sich doch kaum leisten." Foto: Iris Kleefoot
Susanne Hartmann: "Zwei Suppen und zwei Bier für über 23 Euro! Das kann man sich doch kaum leisten."

Die Küche bleibt kalt

Rund 50 Gastronomen reihten sich ein in die Protestkundgebung auf dem Marktplatz, zu der Charly Ofenloch mobilisiert hatte. Im Tafelspitz blieb an diesem Tag die Küche kalt. Ebenso im Petit Café gegenüber. „Hätten wir nicht im Januar ohnehin montags zu, wir hätten auch gestreikt“, erklärt Inge Broschard, Wirtin des Restaurants Kugelofen, kämpferisch.

Die Gastronomen sind sauer. Zu stark sind noch die Folgen der Corona-Pandemie zu spüren, in der die Restaurants neun Monate geschlossen bleiben mussten. Dann kamen die Kostensteigerungen bei Energie, Personal und Lebensmitteln dazu. Die Corona-Zuschüsse mussten anteilig zurückgezahlt werden. Da bleiben kaum finanziellen Spielräume, um die zusätzlichen zwölf Prozent aufzufangen.

Daniela Schmietendorf, Dirk Raule und  Anke Jöst (von links) vertreten die Ortsteil-Wirte. Foto: Iris Kleefoot
Daniela Schmietendorf, Dirk Raule und Anke Jöst (von links) vertreten die Ortsteil-Wirte.

„Irgendwann ist Schluss“, sagt Daniela Schmietendorf, Tochter von Rolf und Gaby Pfrang, die das Gasthaus „Zum Pflug“ betreiben. In Rippenweier habe man die Preise nur zum Teil angepasst. „Aber bei Weitem nicht so, wie wir müssten“, erklärt sie und fügt hinzu: „Wir können doch die Leute nicht so verschrecken.“ Ähnlich sieht das auch Anke Jöst. Die Senior-Chefin des Gasthauses „Zum Jöste Andres“ in Rittenweier ist in Vertretung ihres Sohnes Alexander auf den Marktplatz gekommen. Auch dort seien die Preise für Schnitzel und Co. bisher nur leicht angehoben worden. Dabei musste der erhöhte Steuersatz natürlich schon in der Kasse hinterlegt werden. Unterm Strich bleibt also weniger.

Dampfnudeln – soviel man schafft – mit Kartoffelsuppe und Vanillesoße und Weinschaum für 12,90 Euro oder ein Schnitzel für 15,40 Euro – solche Preise sind vor diesem Hintergrund für Dirk Raule, Wirt der Oberflockenbacher Suppenschüssel, kaum zu halten. Dann passt er die Preise also an? Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht über kurz oder lang, aber ich habe Angst, dass die Gäste dann nicht mehr kommen“, sagt Dirk Raule. So wie Susanne Hartmann aus Weinheim, die extra zur Kundgebung gekommen ist, um die Wirte zu unterstützen. Tags zuvor war sie mit ihrem Mann zum Essen auf dem Marktplatz. „Zwei Suppen und zwei Bier für über 23 Euro!“, sagt sie schockiert. „Das kann man sich doch kaum noch leisten.“

„Einfach nicht korrekt“

Windeck-Wirt Rolf Pflästerer sieht das Problem in den Politikern egal welcher Couleur, die keine Relation mehr zum Geld haben. „Ausbaden müssen es die Endverbraucher“, weiß er. „Das ist einfach nicht korrekt.“ Seine Karten für die Biergartensaison hat Pflästerer noch nicht geschrieben. Klar ist aber: „Wer essen geht, muss mehr bezahlen“, so Pflästerer, „denn wenn du als Gastronom zwölf Prozent schluckst, läufst du Gefahr, in den Konkurs zu gehen.“

Bleibt den Gastronomen also nur die Preiserhöhung? Pflästerer: „Wir können auch das Programm runtersetzen, damit es bezahlbar bleibt.“ Im Klartext heißt das, eben kein Filetsteak auf die Karte zu setzen, sondern einfachere und im Einkauf günstigere Gerichte, die sich die Gäste leisten können.

Wolfgang Fuchs, Zweiter Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Rhein-Neckar und Betreiber der Fuchs’schen Mühle in Weinheim, hofft immer noch auf das Einlenken der Politik. Er meint: „Für die Bundesregierung wäre es ein Leichtes, die Mehrwertsteuer wieder zu senken.“ Zusätzlicher Druck müsse vor der Europawahl im Juni aufgebaut werden. Er führt ins Feld, dass in 23 von 27 EU-Staaten der reduzierte Mehrwertsteuersatz auf Essen in der Gastronomie gilt.