Jazz, Cantina-Bar und Mittelaltermarkt

Die bewegte Geschichte der Zehntscheuer Hemsbach

In der Zehntscheuer gibt es in 30 Jahren acht Pächter und drei Eigentümer. Warum sind so viele Versuche gescheitert, hier ein Lokal aufzubauen? Eine Spurensuche.

Unser Archivbild zeigt die Zehntscheuer, nach der Sanierung 2019. Foto: Marco Schilling (Archiv)
Unser Archivbild zeigt die Zehntscheuer, nach der Sanierung 2019.

Hemsbach. Die vergangenen 40 Jahre kann man, was die Zehntscheuer angeht, durchaus als bewegt bezeichnen. Das Gebäude gehörte einst Axel von Loewies. Er ließ ein Bier brauen, für das die Menschen von weither kamen, wie sich Bürgermeister Jürgen Kirchner erinnert: „Der Laden brummte, es kamen sogar Spieler von Eintracht Frankfurt.“ In den Wintermonaten gab es Jazzkonzerte an und 1995 einen Oldtimertreff.

WNOZ WhatsApp-Kanal

Die Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung auf WhatsApp! Aktuelle Nachrichten aus deiner Region. Die Top-Themen jeden Mittag frisch auf dem WhatsApp-Kanal.

Impressum

Das Unternehmen geriet trotzdem in Schieflage, ein Jahr später wurde die Zwangsversteigerung betrieben – ohne Erfolg. Es war ein weiterer Tiefpunkt in der langen Geschichte von Hemsbachs ältestem Bauwerk. Errichtet wurde es vermutlich im 12. Jahrhundert als Teil der einstigen Wasserburg. 1264 wurde der Bau, der vielen Generationen von Grundherren zum Wohnen und als Ort für Verhandlungen diente, erstmals urkundlich erwähnt. Nachdem die Festung zerstört war, blieb nur das Ritterhaus stehen, das in der Folgezeit den irreführenden Namen Zehntscheuer bekam.

Ein Gebot mit Folgen

Immer wieder wurden seine geschichtliche Bedeutung und die besondere Atmosphäre der alten Mauern gelobt, doch half das finanziell nicht weiter. Nach dem Scheitern des Verkaufs titelten die WN 2000: „Die Zehntscheuer ist und bleibt ein Ladenhüter“.

Wie programmatisch das war, konnte vor einem Vierteljahrhundert niemand ahnen. Doch damals scheiterten mehrere Versuche, das alte Gemäuer zu veräußern. Ein Gutachter hatte seinen Wert 1998 auf 3,1 Millionen Mark geschätzt, und dieser Betrag sorgte für viel Unfrieden, weil er niemals erreicht wurde. Beim vierten Termin schlugen die Gläubiger ein Höchstgebot von 900.000 Mark aus, danach sprang die Stadt ein, offerierte aber nur 65.000 Mark und war damit außer Konkurrenz. Im nächsten Anlauf fand sich doch noch ein Käufer: Der Abschleppunternehmer Werner Diehm legte im Juli 2001 550.000 Mark auf den Tisch und erhielt den Zuschlag, weil das Amtsgericht nicht mehr damit rechnete, dass die Versteigerung mehr bringen würde. Gleichwohl bezeichnete Alteigentümer Loewies das Angebot als sittenwidrig – es war der Auftakt einer langen Auseinandersetzung, die mit harten Bandagen ausgefochten wurde und schließlich Anfang 2002 vor dem Oberlandesgericht mit einem Sieg Diehms endete. Dieser nahm unterdessen nach langem Leerstand die Renovierung in Angriff. Damals waren Biergarten und Hof noch getrennt, da das Gelände einen anderen Eigentümer hatte und von Loewis gepachtet wurde.

Die rote Laterne?

Diehm wollte die Hausbrauerei nicht wieder eröffnen, plante aber, den Wochenmarkt in unmittelbarer Nähe abzuhalten. Im April 2002 war der Neustart; Gerüchte, ein Swingerclub würde einziehen und die „rote Laterne“ vor dem Haus brennen, erwiesen sich als haltlos. Thomas Kunze, Wirt des Weinheimer Marktplatz-Bistros „Saxophon“ und zwei Partner waren die Pächter und wirkten an der mexikanischen Cantina-Bar. Im selben Jahr kaufte Diehm der Stadt günstig das Zehntscheuer-Grundstück ab, das bisher der Erbpacht unterlag.

Ein Jahr später stand Raimar Gürtler hinterm Tresen und organisierte einen Mittelaltermarkt, der entgegen der Pläne aber nie eine Fortsetzung fand. 2005 berichteten die WN vom Format der „Phantastischen Nacht“, Lesungen von Märchen, Science Fiction, Horror und Fantasy-Literatur in den verwinkelten, urigen Räumen. Wieder wurde es still um die Scheuer; 2006 war Diehm erneut auf Pächtersuche, bot die „Exklusiv-Erlebnis-Gastronomie“ gar zum Preis von rund 440.000 Euro zum Verkauf an. Einen Käufer fand er nicht, dafür stieg aber „Bacchuskeller“-Betreiber Hartmut Heyden ein, der für ein Freiluftkonzert den „Sohn Mannheims“, Claus Eisenmann, anwarb.

Meterhohes Unkraut

Es half nicht viel, im Mai 2009 war nach erneutem Dornröschenschlaf ein weiterer Pächter am Start: Sven Reichard jätete das meterhohe Unkraut im Hof und schaffte kaputte Möbel aus der Bar, die seit drei Jahren weder geheizt noch gelüftet worden war. Biergarten, Bar, Restaurant und Brauerei wollte der Jungunternehmer betreiben, plante in den Wintermonaten Jazz-Frühstücke und im Sommer Livemusik draußen. Bei der Eröffnung traten die T-Band und die „Penguin Tappers“ auf, 22 Mitarbeiter waren im Service beschäftigt. Zwei Jahre später war die Firma insolvent, und mit Diehm kam es wegen ausstehender Zahlungen für Wasser und Strom zu einem Zerwürfnis, das darin gipfelte, dass der Eigentümer die Schlösser mit Sekundenkleber verleimte. Mit der Polizei wurde Reichard daran gehindert, eine Fastnachtsparty in der Zehntscheuer auszurichten.

Zwei Jahre später war der nächste Mutige gefunden. Der Betreiber des damaligen „Max“, Gerhard Leibner, hatte schon länger seine Blicke schräg über die Straße geworfen und pachtete schließlich den Biergarten. Weil man dorthin nur durch das Gebäude gelangte, ließ er an der Ecke Schlossgasse und Hildastraße ein Tor errichten – vermittelt wurde der Vertrag durch den damaligen Rathausmitarbeiter Jürgen Kirchner, den die Probleme mit der Zehntscheuer auch als Bürgermeister beschäftigen sollten.

Leibner brachte das Problem erstmals auf den Punkt: Der Biergarten laufe „halbwegs“, erklärte er. Was hier erwirtschaftet wurde, musste reichen, um über den Winter zu kommen. Diehm versuchte abermals, das Bauwerk zu verkaufen, dachte auch darüber nach, es als Atelier zu vergeben.

Vier Jahre lang hörte man erneut wenig von der Scheuer; an der Kerwe durften Abiturienten im Hof feiern. Der Eigentümer unterbreitete der Stadt 2015 ein Kaufangebot, doch platzten mehrere Notartermine. Anfang 2017 wurde er mit dem Investor Egon Scheuermann handelseinig. Dieser nahm die erneute Sanierung in Angriff: Im Hinblick auf den Umfang und die Kosten wurde sie zum Kraftakt. Zwei Jahre und 500.000 Euro später – Brandschutzauflagen hatte für eine weitere Steigerung der Ausgaben gesorgt – wurde erneut Eröffnung gefeiert, nachdem eine Tür durch meterdickes Mauerwerk gebrochen war.

Der erste Stock war Gesellschaften vorbehalten, im Keller lief das „Tagesgeschäft“, und der ebenfalls grundsanierte Außenbereich war mit dem Biergarten zusammengeführt worden. Scheuermann hatte für seine Anschaffung tief in die Tasche gegriffen, doch nun verfügte die Gastronomie über 400 Sitzplätze. Mehdi Bina, Betreiber des Heidelberger „Perkeo“ und des „Da Peppino“ in Weinheim, setzte auf mediterrane Küche. 2019 fand der Neustart statt, doch warf Bina schon wenige Monate später wieder das Handtuch – möglicherweise war das sein Glück.

Harte Corona-Jahre

Denn ab dem Frühjahr 2020 machten die Corona-Beschränkungen weitere Versuche unmöglich. Im Sommer, nach viereinhalb Monaten Zwangsschließung, übernahmen Gani Memaj und Florian Eberherr die Regie, „Aushängeschild“ und Berater war Spitzenkoch Tristan Brandt. Sie starteten mitten in der Krise; im Winter desselben Jahres unternahm das Team mit Vertretern anderer Lokale einen Versuch, den man im Rückblick vermutlich eine Verzweiflungstat nennen würde: Für knapp 50 Euro gab es „Gastro-Weihnachtsboxen“, die auf dem Wochenmarkt und in den Lokalen verkauft wurden. Immerhin, eine Sorge hatten die Wirte nicht, die in früheren Jahren für emotionale Diskussionen gesorgt hatte: Die Debatten um den Lärm aus dem Biergarten kamen in dieser Zeit zum Schweigen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Gutbürgerliche Küche, draußen Eis, Kaffee und Kuchen sollte es geben, zunächst alles unter harten Auflagen. Doch am Ende des vergangenen Sommers gingen abermals die Lichter aus. Was war diesmal der Grund? Besucher beschwerten sich über langsamen Service und stundenlanges Warten auf die Bestellung. Sucht man das Lokal heute, so findet man online den Vermerk „Dauerhaft geschlossen“. Rechnet man von Loewies mit ein, so gab es in den vergangenen Jahrzehnten drei Eigentümer, acht Betreiber, ebenso viele Konzepte – und vermutlich eine Vielzahl von Gründen, warum sie scheiterten. An Ideen hat es jedenfalls nicht gemangelt. Vermutlich ab einem bestimmten Zeitpunkt eher am Geld.