Chef der Agentur für Arbeit: Das müssen wir gegen den Fachkräftemangel tun
Vor einem Jahr sprach Klaus Pawlowski, der Chef der Agentur für Arbeit Heidelberg, mit WNOZ über die Zukunft der Arbeitsämter. Ein Text aus unserem Archiv, der immer noch aktuell ist.
Der Italiener um die Ecke hat heute zu – keine Servicekräfte. An der Käsetheke im Supermarkt hängt ein Schild mit der Aufschrift „Wegen Personalmangels nicht besetzt“. Beim letzten Bäcker im Dorf ist gerade der Ofen ausgegangen – kein Nachwuchs. Wer einen Handwerker braucht, muss sich auf monatelange Wartezeiten einstellen – zum fehlenden Material kommt der Schwund an Arbeitskräften. Immer mehr Unternehmen in Deutschland müssen ihre Geschäfte einschränken, weil Fachkräfte fehlen. Ein Grund dafür ist die Coronakrise, aber auch der demografische Wandel.
Die Jahre der Babyboomer sind bald vorbei. Bis 2030 geht fast jeder vierte Sozialversicherungspflichtige in Rente. „Eine Alarmzahl!“, sagt Klaus Pawlowski, Chef der Heidelberger Arbeitsagentur, bei einem Gespräch in der Weinheimer Geschäftsstelle. Zum einen, weil Qualifikation und Know-how abfließen, zum anderen, weil die Menschen damit von der Rolle der Beitragsleister in die von Empfängern wechseln. Die Welle ist schon angerollt. „Sie wird sich aber in einer Dimension verstärken, die wir uns heute nur schwer vorstellen können“, zeichnet Pawlowski ein düsteres Bild.
Es werden immer weniger Kinder geboren
Aktuell machen Menschen im Rentenalter noch den kleinsten Teil der Bevölkerung aus. In zehn bis 15 Jahren werden sie den größten Anteil darstellen, davon geht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus. Zugleich werden in Deutschland, so schätzt es das Statistische Bundesamt, voraussichtlich immer weniger Kinder geboren. Schon jetzt hat der Fachkräftemangel in Deutschland einer Umfrage zufolge einen neuen Höchststand seit 2009 erreicht. Laut ifo-Institut sehen fast die Hälfte der Unternehmen ihr Geschäft beeinträchtigt. Manche Branchen trifft es besonders hart, wie die Dienstleistungsbranche und das Gewerbe.
„Immer mehr Unternehmen müssen ihre Geschäfte einschränken, weil sie einfach nicht genug Personal finden“, zitiert die Tagesschau ifo-Arbeitsmarktexperte Stefan Sauer im August. „Mittel- und langfristig dürfte dieses Problem noch schwerwiegender werden.“
Wie sich die Agentur für Arbeit verändern muss
Der Fachkräftemangel droht zu einem Wettbewerbsnachteil für die Wirtschaft zu werden – und das Leben der Menschen gravierend einzuschränken. „Das wird an die Substanz gehen“, erklärt Pawlowski. „Wir wollen Dienstleistungen, aber keiner will es machen.“ Als Leiter der Agentur für Arbeit will er ebenso wie die Bundesregierung mit einer „Fachkräftestrategie“ gegensteuern.
Die Arbeitswelt verändert sich – und mit ihr die Art und Weise, wie die Bundesagentur für Arbeit agieren muss. Pawlowski: „Eine große Herausforderung, der wir uns stellen. Jahrzehntelang mussten wir nur vermitteln, jetzt müssen wir bildungstechnisch nachhelfen und Arbeitgeber intensiv dabei unterstützen, Fachkräfte auszubilden oder zu gewinnen.“ Ziel ist es, das gesamte Potenzial an Arbeitskräften zu heben – im Inland und, wo nötig, auch im Ausland.
Anwerben von Fachkräften im Ausland
Deutschland sucht mit der Einwanderung eine Antwort auf die demografische Entwicklung. Mexikanische Köche sollen die Töpfe in hierzulande wieder zum Kochen bringen. Und indische Pflegekräfte in deutschen Kliniken die Kranken versorgen. Für internationale Anwerbungskampagnen gibt es längst Verträge mit anderen Ländern. Erleichtert werden soll die Einwanderung von qualifiziertem Personal durch das „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“, das seit März 2020 in Kraft ist. Bislang wirkt das Gesetz allerdings nicht als Magnet, und das liegt zum einen an der Coronakrise, die die Mobilität der ganzen Welt über zwei Jahre erheblich eingeschränkt hat.
Ein weiteres Problem ist, dass das Gesetz Wert darauf legt, dass die Qualifikationen der Menschen, die hierherkommen, gleichwertig zu den deutschen Qualifikationen ist. Die Hürden sind hoch. Ungelernte Gastarbeiter, wie sie in den 1950er- und 1960er-Jahren mit Sonderzügen nach Deutschland kamen, werden auf dem heutigen Arbeitsmarkt schlicht nicht gebraucht.
So wirbt man Azubis an
Selbst wenn Migration den Rückgang des Arbeitskräftepotenzials verschieben und abschwächen könnte, zu stoppen ist er dadurch nicht. Die Arbeitsagentur baut mit ihrer Strategie deshalb auf zwei weitere Säulen. Zum einen auf die Jugend. Für junge Menschen soll der Übergang von der Schule in den Beruf möglichst reibungslos vonstattengehen. Um sie dabei zu unterstützen, vernetzt sich die Agentur noch intensiver mit Schulen und Unternehmen. Im Arbeitsamtsbezirk Heidelberg erfolgt Berufsberatung an 45 Schulen der Sekundarstufe I, an 34 allgemeinbildenden Gymnasien, an 15 beruflichen Gymnasien und weiteren Berufsschulen.
Sechs Berufsberater in Weinheim
In Weinheim sind sechs Berufsberater im Einsatz. Und dennoch: Die Ausbildungsbetriebe suchen händeringend nach Azubis. Von 5622 Schulabgängern, so meldet der Arbeitsamtsbezirk Heidelberg, haben im August 2022 nur 1603 Jugendliche eine Ausbildung begonnen. „Ein Problem ist der Trend zur weiterführenden Schule. Viele sehen in einer Ausbildung keine Chancen für berufliche Entwicklung“, weiß Pawlowski. Dabei funktioniert das Berufsleben heute ohnehin nicht mehr ohne Weiterentwicklung.
Anforderungen in Berufen ändern sich
Die Anforderungen in Berufen ändern sich, neue Berufe entstehen und andere fallen weg. Arbeitnehmer wechseln häufiger die Stelle oder Tätigkeit als früher. Darum setzt die Agentur für Arbeit verstärkt auf eine individuelle Beratung, die neben Arbeitslosigkeit auch alle anderen Phasen des Arbeitslebens abdeckt und Weiterbildung in den Vordergrund rückt. Die gute Nachricht: „Wir sind finanziell dafür hervorragend ausgestattet“, erklärt der Leiter der Heidelberger Agentur.
Frauen als "stille Reserve"
Dritte Säule, um das Potenzial an Arbeitskräften voll auszuschöpfen, sind die Frauen. Hier sieht die Agentur für Arbeit eine „stille Reserve“, die aktiviert werden könnte. Zwar arbeiten viele Frauen bereits in Teilzeit, um sie allerdings in Vollzeit zu bringen, braucht es nach Ansicht des Experten Förderprogramme und Weiterbildung. Damit auch junge Mütter davon profitieren können, setzt man auf Kinderbetreuung. Während die Mutter digital geschult wird, spielt das Kind im Nebenraum. Im Boot sind dabei auch kommunale Partner.
„Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, brauchen wir starke Partner aus Kommunen, Kammern, Verbänden und von Bildungsträgern“, sagt Klaus Pawlowski, „denn nur wenn sich alle Rädchen drehen, können wir etwas in Bewegung setzen.“
Hinweis: Der Artikel stammt aus unserem Archiv und wurde erstmals am 1. Oktober 2022 veröffentlicht.