Tierschutz

Fragwürdige Zucht mit billigen Labrador-Welpen: Weinheimer steht in der Kritik

Dubiose Online-Anzeigen, unwürdige Haltung, niedrige Preise: Ein schockierender Einblick in die Welt der Billig-Hundezucht im Kreis Bergstraße. Tierschützer schlagen Alarm, wie WNOZ-Reporter die Zustände vor Ort beschreiben.

Hinweise auf eine dubiose Labradorzucht im Kreis Bergstraße häufen sich. Foto: Adobe Stock
Hinweise auf eine dubiose Labradorzucht im Kreis Bergstraße häufen sich.

Wem ein Hund aus der Zucht zu teuer ist, der findet im Internet eine Vielzahl von anonymisierten Inseraten zu günstigen Vierbeinern. Das Problem: Die Rechnung dieser Schnäppchenjagd geht am Ende auf Kosten der Tiere. Und dubiose Händler warten nicht nur im Ausland darauf, ihre lebende Ware regelrecht an Leichtgläubige zu verscherbeln, weiß Tierschützer Michael Ehlers: „Ebenso in Weinheim und Umgebung.“ Er weist unsere Redaktion auf einen Mann aus der Zweiburgenstadt hin, der bereits seit Jahren im Fokus der Tierfreunde und Veterinärämter ist. Menschen, die als Kaufinteressenten zu dem Labradorhändler gekommen waren, werfen dem Mann vor, die Tiere unter unwürdigen Umständen zu halten. Unsere Redaktion ist den Vorwürfen nachgegangen, um herauszufinden, was an ihnen dran ist.

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Was eine Augenzeugin über die Haltung der Welpen berichtet

„Die hygienischen Verhältnisse waren unzumutbar“, erzählt eine der Hinweisgeberinnen. Denise Ramos aus Hessen wollte Ende 2023 einen Labradorwelpen von dem Weinheimer kaufen. Sie berichtet von einem Holzverschlag, einer Art Gartenhütte, in der zehn schwarze Jungtiere dicht zusammengepfercht in ihrem eigenen Kot gelegen haben. „Es stank unglaublich“, erinnert sie sich. Die Hessin wollte einfach nur weg. Zu Hause angekommen, kontaktierte sie zunächst den Tierschutz und dann die Veterinärämter des Rhein-Neckar-Kreises und des Kreises Bergstraße.

In beiden laufen Verwaltungsverfahren gegen den Mann aus Weinheim, wie WNOZ auf Anfrage erfahren hat. Die hessische Landratsamt-Sprecherin Cornelia von Poser spricht von routinemäßigen und auch zusätzlichen Kontrollen, die in der Vergangenheit auf dem Grundstück durchgeführt wurden. „Infolgedessen war es unter anderem zu Mängelmeldungen und Sanktionen gekommen, zusätzlich wurden verschiedene Forderungen und Auflagen bezüglich des Tierschutzes gemacht.“ Als Beispiele nennt von Poser die Reduzierung des Tierbestandes sowie Bußgeldverfahren.

Wieder tauchen Inserate für Welpen auf

Und dennoch erreichte das Ordnungsamt der zuständigen Gemeinde erst im Januar wieder der Anruf eines besorgten Mannes, der von fürchterlichen Zuständen in der Hundezucht berichtet. Seine Schilderungen decken sich mit denen von Denise Ramos. Bei seinem Besuch sind nur noch vier der Welpen in dem Verschlag.

Die Redaktion wollte sich selbst ein Bild vor Ort machen. Eine kurze Google-Suche nach Hunderasse und Zuchtort – und eine Vielzahl von anonymisierten Inseraten auf den unterschiedlichsten Portalen ploppen auf. Zumindest war das bis vor kurzem der Fall. Die Weinheimer Tierschützer haben die Portale auf die dubiose Hundezucht aufmerksam gemacht. Eine Mitarbeiterin von „Deine Tierwelt“ etwa bedankt sich für den Hinweis. Man habe sowohl Anzeige als auch Nutzerzugang sicherheitshalber deaktiviert. Zumindest bis der Anbieter Unterlagen zur Prüfung eingesendet habe.

Redaktion kontaktiert den Verkauf der Welpen

Ganz verschwunden sind die Inserate nicht, sie tauchen jetzt nur unter anderem Namen auf. Unsere Redaktion kontaktiert den Ersteller der Anzeige und bekundet ein Kauf-Interesse. Der Händler macht auf Anfrage Nägel mit Köpfen: Sofort wird ein Treffen auf dem hessischen Grundstück ausgemacht.

Wenige Tage später fahren unsere Reporter zu dem Areal. Es ist ein abgelegenes und gut abgeschirmtes Grundstück mitten in der Pampa des Kreises Bergstraße, an dessen Rand die vermeintlichen Kaufinteressenten von einem Mann mit blondierten Haaren und Tätowierung im Gesicht empfangen werden. Ein grünes Tor mit Stacheldraht und gelber Warntafel „Vorsicht! Hund“ steht zwischen ihnen. „Ich bin der Mirko*“, werden sie von dem hageren Mann, der bereits von ein paar Hunden im Schlepptau begleitet wird, bereitwillig auf das Gelände eingeladen. Er ist jedoch nicht derjenige, um den sich die Vorwürfe drehen. Der Grund für diesen Personalwechsel sollte sich erst später herausstellen.

Welpen begrüßen den Besuch freudig

Das Tor öffnet sich. Mirko läuft auf einem Stück Feldweg voraus, der schließlich in einer Art Schrottplatz mündet. Immer mehr Hunde kommen zwischen den Holzverschlägen und Regalen hervor. Sie springen, knabbern am Hosenbein und rennen aufgeregt um die Neuankömmlinge herum. Weiter oben steht die Hütte, von der Denise Ramos unserer Redaktion erzählte.

Inmitten von Gerümpel befindet sich in ihr ein Viereck, vielleicht vier bis sechs Quadratmeter groß, das durch niedrige Holzbretter umrandet wird. Dort schlafen die Hunde auf Decken und Zeitungen, bestätigt Mirko knapp. Für die beiden Welpen, mittlerweile sind nur noch zwei aus dem Wurf übrig, ist das genug Platz. Den vollen Wurf von zehn Tieren samt den drei erwachsenen Labradoren dort einzupferchen, verstößt jedoch definitiv gegen das Tierschutzgesetz. Jeden Tag sei jemand da, um sich um die Hunde zu kümmern. Allerdings bleibt fraglich, wie lange die kleinen Vierbeiner sich selbst überlassen sind. Immerhin: Der Vorwurf, dass sie in ihren eigenen Fäkalien liegen, bestätigte sich an diesem Tag vor Ort nicht.

Keine weiteren Fragen vom Anbieter der Welpen

Mirko scheint sich nicht für die potenziellen neuen Besitzer der kleinen Racker zu interessieren. Er hat keine Fragen dazu, in welches Zuhause die Tiere ziehen, ob sie von Menschen aufgenommen werden, die sich mit Hunden auskennen, oder gar, ob sie in der Lage sind, finanziell für sie zu sorgen. Dann also zum Geschäftlichen. Würde es einen Rabatt geben, wenn gleich beide Welpen gekauft werden? Mirko überlegt kurz und senkt den Preis dann um 50 Euro pro Tier.

„Welpen sollen schönes Zuhause haben“

Gerade einmal 1000 Euro für zwei Tiere? Für diesen Preis ist bei einem ordentlichen Züchter nicht einmal ein Labradorwelpe zu erwerben, weiß Sabrina Konrad. Die Pfälzerin ist eingetragene Züchterin der Hunderasse und kann nur mit dem Kopf schütteln. Sie verlange 2000 bis 3500 Euro für ein Jungtier, und das sei meist nur kostendeckend – also ohne Gewinn zu erzielen. Als Kostenfaktoren zählt sie etwa Haltung und Futter, diverse Untersuchungen (auch auf Erbkrankheiten) und Impfungen auf. Und bevor Interessenten einen Hund mit nach Hause nehmen, hat Konrad noch einige Fragen. Zu den Lebensumständen, ob die Besitzer in spe genug Zeit für das Tier haben und viele mehr. „Man will ja wissen, wo die Welpen hinkommen. Dass sie ein schönes Zuhause haben, in dem sie sich wohlfühlen.“

Mirko will all das nicht wissen. Die Reporter erklären, noch einmal eine Nacht über den Kauf schlafen zu wollen.

Unsere Redaktion kann die Telefonnummer des Weinheimers ausfindig machen, um den es eigentlich geht. Der Mann, dem Tiere und Areal gehören. Er befindet sich derzeit im Ausland. Mit den Vorwürfen konfrontiert, entgegnet dieser, dass das alles nicht stimme. „Das sind Lügen“, sagt er nur. Dasselbe gelte für die Angaben des Landratsamtes. Dann beendet er das Gespräch.

(* Name von der Redaktion geändert)