Region

Autokorsos - lustig, lästig oder sogar gefährlich?

Nach den Abiturprüfungen in den Gymnasien an der Bergstraße und im Odenwald haben viele Schüler einen Autokorso veranstaltet. Doch die Meinungen dazu gehen auseinander.

Auch in diesem Jahr ging es wild zu: Weinheimer Abiturienten blockierten bei ihrem traditionellen Autokorso den Schlossberg-Kreisel. Foto: Carsten Propp
Auch in diesem Jahr ging es wild zu: Weinheimer Abiturienten blockierten bei ihrem traditionellen Autokorso den Schlossberg-Kreisel.

Hochzeiten, Fußballspiele oder Abiturprüfungen: Es gibt viele Anlässe, um mit einem Autokorso durch die Straßen zu düsen. Besonders euphorisch verleihen Gymnasiasten alljährlich ihrer Freude über das Ende ihrer Schullaufbahn mit PS Ausdruck – langsam fahrend, fleißig hupend und mit lauter Musik. Dadurch verursachen die jungen Erwachsenen jedoch Staus, gefährden den Straßenverkehr und produzieren CO2. Erst kürzlich blockierten die Weinheimer Abiturienten bei ihrem traditionellen Autokorso den Schlossberg-Kreisel und sorgten damit für Trubel (wir berichteten). Nicht nur dort: Auch die Absolventen der Martin-Luther-Schule (MLS) in Rimbach und des Bergstraßen-Gymnasiums in Hemsbach feierten auf vier Rädern.

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Doch die Partylaune der einen sorgt für Frust bei den anderen. Im Internet lösten die Korsos (wie in jedem Jahr) eine hitzige Debatte aus. Viele gratulierten zum bestandenen Abitur. Manche beschwerten sich jedoch schon fast erbost. In der Kommentarspalte des WN/OZ-Instagram-Accounts antwortete eine Abiturientin auf einen wütenden Kommentar, dass sie zwar die Kritik verstehe, aber durch diese Tradition ihren Erfolg für einen Moment mit allen teilen könne.

Stimmen aus der Fußgängerzone

Der Zwiespalt wird auch bei einer Umfrage in der Weinheimer Fußgängerzone deutlich. So bezeichnet die 56-jährige Hemsbacherin Michaela Dubail die Autokorsos beispielsweise als „störend und überflüssig“. Sie verstehe den Sinn dahinter nicht und finde es auch zu keinem Anlass nötig, einen solchen zu veranstalten. Vor allem der Lärm und die Verkehrsbehinderungen stören sie. Die Birkenauerin Barbara Feth findet hingegen, dass Autokorsos grundsätzlich in Ordnung seien. Jedoch nur, wenn der Verkehr dabei nicht blockiert wird. Wenn es sich um einen besonderen oder auch einmaligen Anlass handelt, hat die 41-Jährige nichts gegen die Feier auf vier Rädern. Feth findet, dass „wir heute mehr denn je Freude brauchen“ und die Abiturienten genau das vermitteln würden. Nach ihrer eigenen Hochzeit wurde auch ein kleiner Autokorso veranstaltet.

Grundsätzlich war die Resonanz bei der Straßenumfrage unserer Zeitung positiv – besonders in Bezug auf die Abiturienten. Die Bürger argumentierten, man solle den jungen Menschen dieses einmalige Erlebnis nicht nehmen.

„Per se nicht verboten“

Aber wie sieht es eigentlich rechtlich aus: Sind Autokorsos überhaupt erlaubt? Zumindest sind sie „per se nicht verboten“, erklärt Sarah Winterkorn, Pressesprecherin beim Polizeipräsidium Mannheim. „Im Sinne der Verhältnismäßigkeit“ würden sie oft toleriert, „wenngleich sie einen Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung bedeuten“. Als Verstöße gelten beispielsweise das Stehen im Wagen, das Hinauslehnen aus dem Seitenfenster oder das Einfahren in Fußgängerbereiche. Besonders Behinderungen oder Gefährdungen anderer Verkehrsteilnehmer sowie die Lärmbelästigung und unnützes Hin- und Herfahren in Ortschaften könnten als Ordnungswidrigkeit geahndet werden.

Demnach können Autokorsos nach Paragraf 30 der Straßenverkehrsordnung auch von der Polizei aufgelöst werden. Laut Winterkorn müsse aber jeder Fall einzeln bewertet werden. Dabei komme es auf den Zeitpunkt des Korsos, die Verkehrslage und das Verhalten der Teilnehmer an.

„Es ist nicht zeitgemäß“

In jedem Fall müssten sie jedoch angemeldet und genehmigt werden. Dabei gelte es, die Strecke vorab festzulegen, damit die Straßenverkehrsbehörde Umleitungsmaßnahmen einleiten kann. In der Realität wäre das, so die Sprecherin, jedoch selten der Fall, da es ein „charakteristisches Merkmal“ ist, dass Autokorsos spontane Zusammenkünfte sind. Eines sind Autokorsos laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf jeden Fall: Eine Belastung für die Umwelt. Allem voran hat Klaus-Peter Gussfeld, Verkehrsreferent des Landesverbandes Baden-Württemberg, wegen der Emissionen Bedenken (Stichwort CO2 und Feinstaub). Diese Art des Feierns sei „aus der Zeit gefallen“. Eigentlich sei es ja gerade die junge Generation, die für die Umwelt sensibilisiert ist. Der Autoverkehr sei aber „das Sorgenkind des Klimaschutzes“ und habe in den vergangenen Jahren sogar an Emissionen zugelegt. Zwar gebe es keine konkreten Daten, wie sehr sich Autokorsos auf die Umwelt auswirken. Jedoch seien sie laut Einschätzung des Experten eine zusätzliche und vermeidbare Belastung. Und sie haben „eine falsche Symbolwirkung“. Die Abiturienten könnten stattdessen mit gutem Vorbild vorangehen – zum Beispiel mit Wanderungen oder Fahrradkorsos. Gussfeld betont: „Es muss gefeiert werden, das ist gut und richtig!“

Abiturientin im Gespräch

Und was sagen die Absolventen selbst? Lea Decker ist 19 Jahre alt, kommt aus dem Fürther Ortsteil Krumbach und hat in diesem Jahr in Rimbach an der MLS ihr Abitur absolviert.

Für sie sei der Autokorso ein Ausdruck von Spaß und Freude. Er bringe ein letztes Mal den ganzen Jahrgang zusammen. Es sei einfach einer der Höhepunkte des Abiturs, mit geschmückten Autos feiernd durch die Heimatdörfer zu fahren. Jedoch versteht sie die Kritik. Die Umweltbelastung durch die zusätzlichen Abgase seien ihr durchaus bewusst, und sie spricht ebenfalls über die erhöhte Unfallgefahr. So sei es in diesem Jahr tatsächlich dazu gekommen, dass sich ein Abiturient während des Autokorsos wortwörtlich etwas zu weit aus dem Fenster lehnte. Er blieb jedoch glücklicherweise unverletzt. Ansonsten beteuert die 19-Jährige, dass sich ihre Mitschüler bei diesem Autokorso verantwortungsvoll verhalten haben. Es sei auf Mindestabstand geachtet worden sowie auf eine angepasste Geschwindigkeit.