Heike Pirngruber bereist die Ruta 40 mit dem Tuk Tuk
Wo sie Weihnachten verbringen wird? Das ist ihr nicht so wichtig. Sie ist auf dem Weg. Und der Weg der Weltreisenden aus Großsachsen,das ist eine der berühmtesten Straßen der Welt: die Ruta 40 in Argentinien
Über 5000 Kilometer. So lange zieht sich die Ruta Nacional 40 von den Hochanden an der Grenze zu Bolivien durch Argentinien über Patagonien bis nach Feuerland. Mit ihren wechselnden Landschaften durch alle Klimazonen, mit unterschiedlichem Grund, selten ist es Teer, gehört sie zu den Traumstraßen dieser Welt. Und zu den abenteuerlichsten obendrein. Ob sie schon jemals per Tuk Tuk bereist wurde, ist nicht überliefert. So sorgen Heike Pirngruber mit Hund Butch und ihr eigentlich blaues, zwischenzeitlich aber doch eher grau-verstaubtes Gefährt für Aufsehen überall dort, wo sie auftauchen.
Zur Person
Heike Pirngruber lernte den Beruf der Fotografin und war vor ihrer Weltreise 20 Jahre lang Kamerafrau beim ZDF.
Die 51-jährige Großsachsenerin brach vor zehn Jahren mit dem Rad nach Osten auf, flog dann von Japan nach Amerika und schildert ihre Erlebnisse im Blog
Bis 2019 fuhr sie mit dem Rad alleine um die Welt. 101 Länder hat sie bisher besucht, 59 davon mit dem Fahrrad.
Während der Corona-Pandemie saß sie lange in Mexiko fest. Seither begleitet sie Hund „Butch“, egal ob auf dem Rad, zu Fuß oder auf dem Motorrad.
Seit Juni 2023 und inzwischen seit über 10 000 Kilometern sind sie mit dem Tuk Tuk in Südamerika unterwegs.
Bevor die ungewöhnlich Reisenden aber auf die Ruta 40 abbogen, besuchten sie nach ihrem Aufenthalt in den nordwestlichsten Bundesstaaten Jujuy und Salta in Argentinien noch den „Chaco“, eine Region, die außerhalb ihrer Dornbuschsavannen und Trockenwälder auch landwirtschaftlich genutzt wird, mit fruchtbarem roten Boden im Süden. Allerdings werden hier auch die heißesten Temperaturen gemessen.
Chaco wird zu heiß
Immer begleitet vom „Polvo“, dem Straßenstaub, Zecken und Mücken hoppelte das Tuk Tuk mit selten mehr als 25 km/h über Sandpisten, die auch mal ein Ameisenbär oder Gürteltiere kreuzten. Doch bald wurde es Mensch und Tier bei bis zu 50 vorhergesagten Grad dann zu heiß. „So machten wir uns auf den Weg zurück in die Berge und beschlossen, zu einer weniger Heißen zeit wiederzukommen.“ Die Freundlichkeit der Menschen fiel Pirngruber auch auf der Straße auf, egal ob es um Hilfe beim im Sand festgefahrenen Fahrzeug oder das Überlassen eines Schraubenschlüssels ging. Nicht umsonst geht der hier zu jeder Tages- und Nachtzeit getrunkene Mate-Tee, ein bitterer und oft mit Unmengen Zucker versehener Sud, in geselliger Runde reihum.
Über den beeindruckenden Nationalpark Los Cardones, für Pirngruber eine Mischung aus Utah, Arizona und Baja California, und nach einem Abstecher in den malerischen Touristenort Cachi in der Provinz Salta bogen Herr Nilsson, wie die 51-Jährige ihr Tuk Tuk nennt, und seine Fahrer auf eine der längsten und berühmtesten Fernstraßen der Welt ab.
Zunächst weiter durch Wüste – die Landschaftsform, die Pirngruber schon die letzten dreieinhalb Jahre überwiegend begleitete und die ihr die liebste ist –, traf sie neben einer deutschen Campingplatzbesitzerin und einer Gruppe von Franzosen überwiegend Argentinier und Brasilianer. Die „Gringos“ waren auf diesem Streckenabschnitt nördlichen Streckenabschnitt der Ruta 40 deutlich in der Minderheit. Heike Pirngruber, seit ihrer Grenzüberquerung aus Chile absoluter Argentinien-Fan, übernachtete für sie eher untypisch sogar auf öffentlichen Campingplätzen, wo die Argentinier ihr „Asado“ zelebrieren – das Grillen von allem, und zwar wirklich allem, was das Rind zu bieten hat. „Oftmals fällt für Butch dann auch etwas ab, denn Argentinier lieben Hunde – und meinen ganz besonders. Dann heißt es immer wieder: ‚Que lindo‘, also ‚Wie hübsch‘. Immer wieder komme ich mit Argentiniern ins Gespräch“, freut sich Pirngruber über das gegenseitige Interesse.
Von lockerer Art begeistert
„Was mich hier am meisten begeistert, ist die lockere Art der Argentinier. Kein Mensch weiß, ob morgen das Geld noch was wert ist, und trotzdem sind alle gut drauf. Ein US-Dollar war bei unserer Einreise 620 Pesos wert. Zwischendurch war er bereits bei 1000. Und natürlich machen sich manche Sorgen, was Milei als Präsident machen wird. Und andere sagen: Wenn der Neue nichts taugt, dann werden wir ihn halt wieder los.”
Ordentlich durchgerüttelt von den Pisten und dem „Zonda“, einem steten warmen Wind, ging es über den beeindruckenden Canyon der Quebrada de las Flechas zu den Inkaruinen El Shinkal, an Adobe-Kirchen und Lehmhäusern vorbei immer weiter Richtung Süden. Die Hochebene der „Puna“ sparte sich Heike Pirngruber für den Rückweg auf, schließlich lockt sie jetzt noch der Sommer und Herbst in Patagonien. „Eigentlich müssten wir uns beeilen, um die Gute-Wetter-Phase zu erwischen, aber das ist ja absolut nicht unser Reisetempo.“
10000 Kilometer auf dem Tacho
Bei einem Kilometerstand von 100 hat Heike Pirngruber, zuvor seit zehn Jahren mit dem Rad oder zu Fuß in der Welt unterwegs, das Tuk Tuk in Santiago de Chile übernommen, inzwischen sind es über 10 000. „Für andere Leute ist das Tuk Tuk ein völlig unkomfortables Gefährt, gerade auf der Ruta 40, wo dir alle zu Allrad raten. Aus meiner Sicht ist das Tuk Tuk der pure Luxus. Ich habe ja in den vorherigen zehn Jahren nie so viel Zeug dabeigehabt. Leckeres Essen an Bord, zwei Decken, die wir jede Nacht total genießen“, sagt die Frau, die mit wenig auskommt und ihre Reise hauptsächlich über Spenden auf ihrem Blog finanziert.
„Fakt ist, ein Motor verändert alles. Wenn ich motorisiert einen Berg hochfahre, habe ich immer noch das Gefühl zu schummeln. Denn am Ende eines Rad- oder Wandertages todmüde ins Zelt zu fallen ist ein Gefühl, das ich nun seit einiger Zeit nicht mehr hatte und sehr vermisse.“ Das hört sich so an, als gingen Heike Pirngruber die Ideen noch lange nicht aus.