Weinheim

Kommen die „Panzerschilder“ zurück nach Weinheim?

An der Brücke über die Weschnitz hängen Schilder, deren Bedeutung heute kaum noch jemand kennt. Wir haben beim Verkehrsministerium nachgefragt.

An der Brücke über die Weschnitz im Bereich der Peterskirche gibt es noch zwei „Panzerschilder“. Die sind ein Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges. Die Schilder enthalten Informationen, ob Militärfahrzeuge unbeschadet die Brücke überqueren können. Foto: Fritz Kopetzky
An der Brücke über die Weschnitz im Bereich der Peterskirche gibt es noch zwei „Panzerschilder“. Die sind ein Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges. Die Schilder enthalten Informationen, ob Militärfahrzeuge unbeschadet die Brücke überqueren können.

Verkehrsteilnehmer, die die Birkenauer Talstraße aus Weinheim kommend befahren und über die Brücke zur Grundelbachstraße abbiegen wollen, haben sich sicherlich schon mal gewundert, was die in unmittelbarer Nähe des Straßenschildes installierten gelben, kreisrunden Warnschilder zu bedeuten haben. Die Bedeutung der Schilder kennt jedoch kaum ein Autofahrer – die von der Bevölkerung sogenannten „Panzerschilder“ sind eben kein Verkehrsschild wie jedes andere. Darauf zu sehen ist oben ein Panzer- beziehungsweise ein vergilbtes Militärfahrzeugsymbol und darunter durch einen Strich getrennte Zahlen mit Pfeilen. Bei den Schildern handelt es sich um Relikte aus dem Kalten Krieg – den Konflikt zwischen den Westmächten unter Führung der USA und dem sogenannten Ostblock unter Führung der Sowjetunion, den diese von 1947 bis 1989 austrugen.

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Wie viele dieser Schilder noch in Weinheim hängen, das will die Stadt in den nächsten Wochen noch herausfinden. Wir haben beim Rhein-Neckar-Kreis und beim zuständigen Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg in Stuttgart schon mal nachgefragt, was es mit den Schildern genau auf sich hat.

Das vergessene Schild in der Birkenauer Talstraße. Sehen wir bald wieder mehr davon? Foto: Fritz Kopetzky
Das vergessene Schild in der Birkenauer Talstraße. Sehen wir bald wieder mehr davon?

Was sind das für gelbe Schilder, die man in der Nähe von Brücken finden kann?

Seit 1960 werden in den westdeutschen Bundesländern bei der Bemessung von Brücken standardmäßig militärische Lastenklassen berücksichtigt, um eine direkte Befahrbarkeit der Brücken durch militärische Fahrzeuge darzustellen. Offiziell heißen sie MLC-Schilder, wobei das englische Kürzel für „Military Load Classification“ steht, also die militärische Lastenklasse. Hierbei wird im Regelfall die Lastklasse „MLC 50/50-100“ zugrunde gelegt. Die militärischen Lastenklassen basieren auf Vereinbarungen der NATO-Staaten (STANAG: engl. Standardization Agreement), die die Berücksichtigung militärischer Lastenklassen bei Straßenbrücken (STANAG 2021) und deren Beschilderung (STANAG 2010) regeln.

Welche Bedeutung haben die Schilder?

Die Schilder geben an, mit welchem maximalen Gesamtgewicht Militärfahrzeuge die Brücke gefahrlos befahren können. Alle rad- oder kettengetriebenen Bundeswehr-Militärfahrzeuge ab drei Tonnen sind mit einer MLC-Lastklasse gekennzeichnet. In den ostdeutschen Bundesländern wurden vor der Wiedervereinigung Deutschlands militärischen Lasten, nicht jedoch unmittelbar vergleichbar mit denen nach STANAG 2021, berücksichtigt. Mittlerweile wurde im Rahmen der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit ein Großteil der ostdeutschen Bundesfernstraßen nach bundesdeutschen Standards erneuert und damit bei Straßenbrücken neben den zivilen auch die militärischen Lastansätze berücksichtigt und mit eingerechnet. Aufgestellt wurden die Schilder aber in Ostdeutschland nie.

Was sind das für Bezeichnungen, die auf den Schildern stehen?

Die Panzerschilder enthalten in der Regel getrennte Hinweise für das Befahren der Brücke im Ein-Richtungsverkehr und das gleichzeitige Befahren aus beiden Richtungen, erkennbar jeweils an der MLC-Zahl über dem doppelten Pfeil oder dem einzelnen Pfeil. Ein Beispiel: Ein moderner „Leopard“-Panzer mit der MLC 60 oder MLC 70 darf aus Sicherheitsgründen nicht bei Gegenverkehr über eine Brücke rollen, vor der ein Panzerschild mit der Zahl 50 über einem doppelten Pfeil steht. Ohne Gegenverkehr ist das aber möglich, wenn zugleich zum Beispiel die Zahl 80 über einem einzelnen Pfeil auf dem Schild steht. Der deutlich leichtere Spähpanzer „Luchs“ mit der MLC 19 kann dagegen bei einem 50/80-Schild jederzeit problemlos über die Brücke fahren. Die Zahlen stehen in etwa für die Tonnenzahl.

Sind die „Panzerschilder“ denn noch aktuell?

Seit dem Ende des Kalten Krieges 1991 werden die Panzerschilder nach und nach wieder abgebaut. Das Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) hat bereits 2008 dem damaligen Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) – heute Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) – mitgeteilt, dass auf die Kennzeichnung von Brückenbauwerken nach Militärlastenklassen gemäß STANAG 2010 (MLC-Beschilderung) verzichtet werden kann. Daraufhin wurde im Jahr 2010 der Erlass über die Beschilderung von Straßenbrücken mit militärischen Tragfähigkeitszeichen aufgehoben. In einem Schreiben des damaligen Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Verkehr Baden-Württemberg vom Juni 2010 an die Regierungspräsidien und unteren Verwaltungsbehörden mit dem Titel „Zivile Infrastruktur von militärischem Interesse; Genereller Verzicht auf Kennzeichnung von Brücken; Rückbau der MLC-Brückenbeschilderung“ hieß es, dass das Bundesministerium der Verteidigung entschieden hat, auf die MLC-Kennzeichnung ziviler Brücken gemäß Standardisierungsübereinkommen der NATO 2010 zu verzichten. Es wurde gebeten, die bisherige Wartung einzustellen und die vorhandene MLC-Beschilderung abzubauen. Die Beschilderung sei vollständig, einschließlich der Pfosten und Fundamente, zu entfernen. Damit ist die Kennzeichnung von Brücken bis heute allgemein entbehrlich.

Wie viele Schilder, die bisher noch nicht abmontiert und abgebaut wurden, gibt es in Baden-Württemberg?

Zur Zahl der noch bestehenden Schilder in Baden-Württemberg liegen keine Informationen vor.

Wer ist heute für die Schilder zuständig?

Gemäß Straßengesetz Baden-Württemberg sind die vier Regierungspräsidien für die „Erstausstattung“ von Bundes- und Landesstraßen zuständig. Für die Unterhaltung an bestehenden Straßen, das heißt, für die Erneuerung oder Entfernung der Beschilderung, sind hingegen die unteren Verwaltungsbehörden zuständig. Da die Stadt Weinheim die Einwohnerzahl von 30 000 überschreitet, ist sie Straßenbaulastträgerin für die Landes- und Kreisstraßen innerhalb der Ortsdurchfahrt und übernimmt somit den Abbau der Schilder. Eine Frist für den Abbau besteht nicht, sodass sich Kommunen damit Zeit lassen können.

Könnten die Schilder aufgrund des Ukrainekrieges und der geplanten Stationierung von Raketen der USA 2026 in Deutschland wieder Bedeutung erlangen?

Aufgrund der aktuellen Geschehnisse hat sich das BMDV zusammen mit den Ländern mit einer Aktualisierung der Regelungen beschäftigt. Eine abschließende Entscheidung steht noch aus.