Weinheim

Kritik aus Weinheim und Heppenheim am Bundes-Klinik-Atlas

GRN-Klinik Weinheim und Kreiskrankenhaus Bergstraße in Heppenheim sehen viele Mängel beim neuen Portal des Gesundheitsministeriums, das seit Mitte Mai online ist.

Der Bundes-Klinik-Atlas weist bei der GRN-Klinik Weinheim auf drei „ausgewählte Zertifikate“ sowie auf sechs Fachabteilungen und die Zahl der Behandlungsfälle hin (Symbolbild). Foto: Philipp Reimer
Der Bundes-Klinik-Atlas weist bei der GRN-Klinik Weinheim auf drei „ausgewählte Zertifikate“ sowie auf sechs Fachabteilungen und die Zahl der Behandlungsfälle hin (Symbolbild).

Seit Mitte Mai ist der Bundes-Klinik-Atlas des Gesundheitsministeriums online. Darin werden Kliniken einer Region miteinander verglichen, zum Beispiel in Bezug auf einen bestimmten Eingriff, aber auch hinsichtlich der Zahl der Patienten pro Pflegekraft. Gesundheitsminister Karl Lauterbach verspricht, dass eine bessere Übersichtlichkeit und Vergleichbarkeit ein Vorteil dieses Portals seien. Doch es hagelt Kritik von Patientenschützern und von der Deutschen Krankenhausgesellschaft, die schon lange ein eigenes Infoportal betreibt.

Newsletter

Holen Sie sich den WNOZ-Newsletter und verpassen Sie keine Nachrichten aus Ihrer Region und aller Welt.

Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis.

Schaut man sich die Informationen im neuen Bundes-Klinik-Atlas zu den beiden Bergsträßer Kliniken in Weinheim und Heppenheim an, dann ergibt sich auf den ersten Blick dieses Bild: Die GRN-Klinik Weinheim verzeichnet 10 946 Behandlungsfälle und 224 Betten, das Kreiskrankenhaus Bergstraße in Heppenheim 12 496 Fälle und 258 Betten. In beiden Krankenhäusern entfallen auf den Bereich Innere Medizin die meisten Behandlungsfälle – in Weinheim 3851 und in Heppenheim 4595.

Unter der Rubrik „Ausgewählte Zertifikate“ sind in Weinheim das EndoProthetikZentrum, das Brustkrebszentrum und das Darmkrebszentrum gelistet. In Heppenheim werden das regionale Shuntzentrum, das Brustkrebszentrum und die Schlaganfall-Einheit (Stroke Unit) genannt.

Rangfolge nach Fallzahlen

Der Pflegepersonalquotient wird für Weinheim mit dem Wert 42,32 als „weit überdurchschnittlich“ gut, für Heppenheim mit dem Wert 54,97 als „unterdurchschnittlich“ bewertet.

Gibt man bei der Umkreissuche eine bestimmte Krankheit oder Behandlung ein, wird eine Liste von Kliniken angezeigt, deren Reihenfolge sich an der Zahl der Behandlungsfälle orientiert. Ein Beispiel: Bei Brustkrebs werden im Umkreis von 25 Kilometern um Weinheim 22 Ergebnisse angezeigt. Auf den ersten drei Plätzen landen die Unikliniken in Heidelberg und Mannheim und das Klinikum der Stadt Ludwigshafen, auf Platz vier folgt die GRN-Klinik Weinheim mit 296 Behandlungsfällen, das Kreiskrankenhaus Bergstraße rangiert auf dem sechsten Rang mit 195 Fällen. Viel mehr erfährt man freilich nicht; lediglich der bereits erwähnte Pflegepersonalquotient wird noch als Information mitgeliefert.

Unvollständige Angaben

Was sagen denn die Kliniken zum neuen Vergleichsportal des Bundesgesundheitsministeriums? Auf Anfrage teilte die Pressestelle der Gesundheitszentren Rhein-Neckar (GRN), die neben der Weinheimer Klinik auch Krankenhäuser in Schwetzingen, Sinsheim und Eberbach betreiben, mit: „Den Gedanken an sich, Patienten Orientierung und Unterstützung bezüglich der Klinik-Wahl geben zu wollen, begrüßen wir. Allerdings hakt es noch an der Umsetzung.“ Denn es müssten teils sehr detaillierte Krankheitsbilder oder Behandlungsmöglichkeiten in die Suche eingegeben werden. Je nachdem, welche Eingaben der User vorgenommen und wie detailliert gefiltert hat, würden die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen.

„Über die Qualität sagt diese Positionierung, die sich rein an Fallzahlen/Behandlungsfällen orientiert, allerdings nicht viel aus“, heißt es in der Stellungnahme der GRN weiter: „Der Klinik-Atlas macht (noch) keine vollständigen Angaben beispielsweise zu Zertifikaten, Zentren und Qualifizierungen, die mehr über die Qualität von Behandlungen aussagen als reine Fallzahlen. Im Klinik-Atlas wird eben nicht aufgeführt, wie gut organisiert Abläufe sind, welche Qualität bestimmte Behandlungen haben und wie niedrig Komplikationsraten sind, was hingegen bei erteilten Zertifikaten und Qualifizierungen streng überwacht und regelmäßig kontrolliert und bescheinigt wird.“

Auch der Pflegepersonalquotient gebe zwar eine Orientierung darüber, für wie viele Patienten eine Pflegefachkraft im Jahresdurchschnitt etwa zuständig ist, sage aber ebenfalls nicht viel über die Qualität der medizinischen Behandlung aus. Damit werde eine Rangfolge erstellt, „die eben nicht die gewünschte und für Patienten und Angehörige anvisierte hilfreiche Orientierung bietet, sondern aktuell vor allem Verwirrung stiftet und in die Irre führt“, erklären die GRN.

Zudem sei die Suchfunktion im Klinik-Atlas für den Laien nicht nutzerfreundlich. Zum Beispiel könne in der Suche nicht nach einfachen, für den Großteil der Bevölkerung verständlichen Begriffen wie „Meniskus“ gesucht werden, sondern es sei eine sehr detaillierte Spezifizierung erforderlich wie „abgerissener Meniskus“, „Meniskusdistorsion“ oder „Verletzung des Meniskus des Knies mit Bandverletzung“. Für den Laien sei es eine echte Herausforderung, eine sinnvolle Wahl zu treffen.

Nicht vernachlässigt werden sollte bei der Kliniksuche immer auch die Nähe zum Wohnort, wie schnell die Klinik also erreichbar ist und wie gut Angehörige bei einem Klinik-Aufenthalt regelmäßig zu Besuch kommen können. Denn auch das trage wesentlich zu einer guten und schnellen Genesung bei.

„Mit Vorsicht zu genießen“

Das Fazit aus Sicht der GRN: „Es gibt aus unserer Sicht noch einiges nachzubessern am aktuellen Klinik-Atlas, der sicher gut gemeint, aber nicht gut gemacht ist.“ Deshalb schließe man sich der Meinung der Deutschen Krankenhausgesellschaft an, die vergangene Woche erklärte: „Lauterbachs Klinik-Atlas erfüllt leider nicht ansatzweise sein Versprechen, mehr Transparenz in der Krankenhausbehandlung zu schaffen. Im Gegenteil, zahlreiche falsche und fehlende Daten leiten Patienten massiv in die Irre. Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir den Informationssuchenden leider raten, den Atlas mit größter Vorsicht zu behandeln.“

Das Kreiskrankenhaus in Heppenheim ist der größte Notfallstandort im Landkreis Bergstraße. Foto: Dietmar Funck
Das Kreiskrankenhaus in Heppenheim ist der größte Notfallstandort im Landkreis Bergstraße.

„Viel Aufwand und Bürokratie“

Ähnlich kritisch bewertet der Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses Bergstraße, Sascha Sartor, den Bundes-Klinik-Atlas: Die dort aufgeführten Daten seien unvollständig und teilweise falsch. So fänden sich in den Behandlungszahlen der Fachbereiche beispielsweise nur vollstationäre Fälle und keine ambulanten. Auch seien nicht alle Zertifizierungen des Kreiskrankenhauses Bergstraße aufgelistet. „Die Krankenhäuser sind bis zum 15. Juli 2024 aufgefordert, die korrekten Daten zu melden. Bis zu diesem Zeitpunkt muss leider mit einer Reihe von falschen Daten im Klinik-Atlas gelebt werden“, ärgert sich Sartor. Das Ziel von Bundesgesundheitsminister Lauterbach, objektive Qualitätsdaten zur Information der Patienten zu liefern, werde daher verfehlt.

Laut Gesundheitsministerium sollen Patienten mit dem Atlas zielgerichtete Informationen und Qualitätsdaten erhalten, um für sich selbst die bestmögliche Einrichtung zu finden. „Doch die Praxis sieht momentan anders aus“, sagt Sartor: „Der Klinik-Atlas enthält wenige Daten, hat offenkundige Fehler – zum Beispiel falsche Notfallstufen – und weist technische Schwierigkeiten auf. Diese irreführenden und unvollständigen Informationen können nicht im Sinne der Bürger sein. Der Atlas bringt – Stand jetzt – keine neuen Erkenntnisse, verursacht bei uns viel Aufwand und Bürokratie.“

„Irreführende Daten“

Zum unterdurchschnittlichen Pflegepersonalquotienten, den der Klinik-Atlas für das Heppenheimer Krankenhaus ausweist, erklärt der Geschäftsführer: „Wie überall in deutschen Krankenhäusern, so sehen auch wir uns mit dem Fachkräftemangel in der Pflege konfrontiert und der Tatsache, dass professionell ausgebildetes und engagiertes Pflegepersonal nicht immer leicht zu finden ist.“

Allerdings müsse man bei diesem Wert auch berücksichtigen, dass das Kreiskrankenhaus Bergstraße der größte Notfallstandort im Kreis sei. Mit Durchgangsarzt, Stroke Unit, Herzinfarkt- und Intensivstation kümmere man sich täglich um hochkomplexe medizinische Eingriffe und Patienten mit schweren Erkrankungen sowie einer hohen Pflegelast. 70 Prozent der Patienten seien Notfälle und nicht planbar. Aus seiner Sicht seien die Daten bezüglich des Pflegepersonalquotienten „irreführend und in Teilen falsch“. Leider werde auch dies erst nach der Meldefrist am 15. Juli 2024 korrigiert. „Wir bedauern dies zutiefst“, so Sartor abschließend.