Mit Weinheims Schafen auf neuen Wegen
Sie sind lammfromm in der Herde und bescheren ein Naturerlebnis, das nicht nur Weinheims Schäferinnen erdet und glücklich macht.
„Kommt, Schafe, kommt!“, ruft Angela Schäffer. Und ihre Herde – 25 Mutterschafe mit ihren Lämmern – trottet folgsam hinter der erfahrenen Hirtin und Erlebnispädagogin her. Zusammen mit den beiden Kindern aus der Gruppe, die sich der Erlebniswanderung mit Schafen angeschlossen hat, führt sie die Tiere von Lützelsachsen bergauf und -ab in Richtung Exotenwald und wieder zurück auf die heimische Weide. Das Ende der Herde bewacht Angelas Schwester Sylvia Krebaum mit ihren Hütehunden und den erwachsenen Teilnehmern. Kein Schaf soll verloren gehen.
Die Wanderung gestaltet sich unproblematisch. Die Schafe bleiben brav zusammen und lassen sich selbst von fremden Hunden nicht nervös machen. „Das läuft nicht immer so glatt“, weiß Angela Schäffer zu berichten. Bei einer der ersten Wanderungen ohne Hütehunde seien die Böcke quer ins Gebüsch gerannt – und sie dann hinterher. Das habe sie damals gar nicht lustig gefunden. Heute merkt man den Schwestern, die mit ihren Schafen an der Bergstraße mittlerweile schon einige Bekanntheit erreicht haben, ihre Routine an.
Mit den Schafwanderungen wollen sie Menschen eine andere Art des Wanderns anbieten und natürlich auch Geld verdienen. „Denn die Schäferei ist ein teures Hobby“, so Schäffer.
Ruhe und Gemächlichkeit
Doch was ist so anders daran, mit Tieren durch die Landschaft zu laufen? Zum einen melden Eltern den Schäferinnen zurück, dass ihre Kinder auch einmal längere Strecken durchhalten. Und dann ist da so eine entspannte, ruhige Atmosphäre, die die Schafe verbreiten, wenn sie gemächlich, immer darauf bedacht, in der Herde zu bleiben, nebeneinander hertrotten und nur kurz hier und da ein wenig Grün vom Wegrand abreißen. Da die Tiere Menschenkontakt gewöhnt sind, lassen sie sich auch ganz gerne streicheln.
Das entzückt nicht nur die Kinder, sondern lässt auch Erwachsenenaugen leuchten. Entsprechend positiv sind die Reaktionen der anderen Wanderer, die der Herde begegnen. „Ach, das ist ja mal eine tolle Idee!“, ruft da eine Frau. Und auch bei ihr sieht man ein Freudestrahlen im Gesicht.
Natürlich gibt es bei so einer Schafwanderung auch eine Menge zu lernen. So zum Beispiel, dass die Herde aus zwei Rassen besteht. „Die alte Rasse des Coburger Fuchsschafs ist die mit dem braunen Kopf“, erklärt Sylvia Krebaum und fügt hinzu: „Später haben wir dann die anderen dazugekauft. Das sogenannte Zwartbless ist eine holländische Schafrasse mit weißer Blesse auf der Stirn. Diese Rasse hat eine gute Milchleistung.“
Alle Schafe sind hornlos, sodass keine Gefahr von ihnen ausgeht. Wenn die Böcke, die im Februar zur Welt kamen, allerdings um die vier Monate alt werden, müssen sie von der restlichen Herde getrennt werden. Sonst würden sie ihre Mütter decken. Außerdem können sie ziemlich unangenehm werden, weil sie anfangen zu stoßen. „Im Herbst gehe ich zu den Böcken nur noch mit Hund rein“, verrät Angela Schäffer.
So friedlich die Schafe auch scheinen, so viel Arbeit machen sie den beiden Schwestern. Zum Beispiel, wenn sie sich einfach aus dem Staub machen und ihre Weide verlassen. Das kommt immer wieder mal vor. Manchmal rufen Passanten dann direkt bei den Schäferinnen an, manchmal bei der Polizei. „Ich habe auch schon mal einen Polizeieinsatz bezahlt“, gesteht Sylvia Krebaum. Einmal liefen die Schafe eine Stunde lang von ihrer neuen Weide in Kunzenbach zurück nach Unter-Flockenbach, weil ein Helikopter sie verunsicherte. Da mussten sie am nächsten Tag wieder den ganzen Weg zurückgebracht werden.
Bock mit der Flasche aufgezogen
Das ist natürlich Extra-Arbeit für die Tierfreundinnen, die dieses Jahr auch noch einen Bock mit der Flasche aufgezogen haben. Der war nämlich eine Zwillingsgeburt und musste vom Tierarzt per Kaiserschnitt geholt werden, während seine Schwester natürlich geboren wurde. Leider nahm seine Mutter ihn nicht an, deswegen die Flaschenfütterung. Eine enorme Anstrengung über drei bis vier Monate. „Dafür ist der Bock anhänglich wie ein Hund“, erzählt Sylvia Krebaum. „Anfangs lief er immer wieder mit zurück, wenn wir die Herde auf die Weide brachten.“
Spannend ist der Job der Schäferinnen allemal. Denn normalerweise entbinden sie ihre Lämmer ohne Tierarzt. Dafür haben die beiden eigens einen Geburtshilfekurs gemacht, bei dem sie lernten, zu ertasten, ob die Lämmer richtig liegen. Die Liebe zu den Tieren ist den Schwestern ohnehin bereits in die Wiege gelegt worden. Denn schon der Papa war Tierarzt, und zumindest Angela erinnert sich, wie sie ihn oft bei seiner Arbeit begleitet hat.
Und wie sind sie zu ihrer Herde gekommen? „Angefangen hat Sylvia“, sagt Angela Schäffer grinsend. „Das war vor zehn Jahren. Damals waren es sieben Schafe. Heute sind es 70 Tiere, die Ziegen eingeschlossen.“ 25 Stunden pro Woche verbringt jede der beiden Schäferinnen im Winter im Stall. „Es ist viel Arbeit“, gesteht Angela Schäffer, die als Erlebnispädagogin das Schafwandern auch in Grundschulen und Firmen anbietet, „aber es ist kein Stress, es erdet und hält gesund.“
Am Pfingstmontag, 29. Mai, findet die nächste Wanderung mit den Schäferinnen ab Lützelsachsen statt. Dann sind Ziegen und Zicklein die tierischen Begleiter. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Weitere Infos und Anmeldungen bei Angela Schäffer, Telefon 0163/3590431.