Nach fast 500 Tagen: Geisel Sasha (29) aus Weinheims Partnerstadt kommt frei
Sasha Trufanov (29) und seine Freundin Sapir Cohen waren am 7. Oktober 2023 entführt worden. Die 30-jährige Frau kam lange vor ihm frei. In der Haft habe Trufanov dafür gebetet, dass sie einen neuen Partner findet, der sie liebt.
Weinheim/Ramat Gan. In Weinheims israelischer Partnerstadt Ramat Gan herrschte dieser Tage Ausnahmezustand: Das ist in der Kommune nahe Tel Aviv seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem daraufhin ausgebrochenen Krieg zwischenzeitlich fast schon Normalität gewesen. Dieses Mal gab es jedoch endlich einen freudigen Anlass.
Die 29-jährige Geisel Sasha Trufanov wurde nach fast 500 Tagen Gefangenschaft aus den Fängen der Hamas entlassen. Der junge Mann war im Zuge der Angriffe vom 7. Oktober gekidnappt worden. Nach Angaben von Ramat Gans Bürgermeister Carmel Shama-Hacohen war Trufanov am Tag seiner Entführung bei seinen Eltern im Kibbuz Nir Oz zu Besuch, der sich in unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen befindet.
Vater ermordet
Neben ihm wurden auch seine Mutter und seine Großmutter sowie seine 30-jährige Lebensgefährtin Sapir Cohen entführt, wie Bürgermeister Shama-Hacohen in den sozialen Medien schreibt. Laut den Times of Israel war Trufanov erst kurz zuvor mit seiner Freundin in eine Wohnung in Ramat Gan zusammengezogen. Sie wurden im Zuge eines früheren Geisel-Deals freigelassen. Der Vater des 29-Jährigen, der 50-jährige Vitaly Trufanov, wurde ermordet.
Sasha Trufanov war während seiner Gefangenschaft wiederholt von seinen Entführern vor die Kamera gezerrt und als Druckmittel instrumentalisiert worden. Zuletzt, so berichtete die Jüdische Allgemeine, als die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas zu scheitern drohte. Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte vergangene Woche ein Ultimatum gestellt, dass Israel wieder „heftige Kämpfe“ im Gazastreifen aufnehmen wolle, sollten nicht weitere Geiseln freigelassen werden. Am Samstag dann das Aufatmen: Die Hamas veröffentlichte die Namen dreier Menschen, die sie aus ihrer Gefangenschaft entlassen wolle – neben Sagui Dekel-Chen und Yair Horn war auch Trufanovs Name zu lesen.
Gesicht überall zu sehen
Die Entlassung des 29-Jährigen wurde von seinen Peinigern medial in Szene gesetzt. Kameras liefen in dem Moment, in dem ihm berichtet wurde, dass er bald ein freier Mann sei, und sie filmten seine Freilassung. Das emotionale Wiedersehen wurde von israelischen Medien festgehalten. Der offizielle Regierungsaccount veröffentlichte Bilder von Sasha Trufanov und Freundin Sapir Cohen, wie sie sich im Helikopter in die Arme schließen. „Ich danke Gott für das Privileg, heute hier stehen zu dürfen“, erklärte Sapir Cohen noch im Sheba-Krankenhaus in Ramat Gan gegenüber Medienvertretern vor Ort. „Sasha hat mir letzte Nacht berichtet, dass er in all der Zeit dafür gebetet hat, dass ich einen Mann finde, der mich liebt. Er hat gebetet, dass ich nicht auf ihn warten würde“, zitiert die Times of Israel die 30-Jährige. „Er wollte nicht für mich, dass ich auf einen Mann warte, der niemals nach Hause zurückkehren würde.“ Denn genau das habe er gedacht: dass er die Geiselnahme nicht überleben würde.
Weinheims Partnerstadt Ramat Gan zelebrierte Sasha Trufanovs Freilassung mit etlichen Mitbürgern. Sein Gesicht war auf Anzeigetafeln im Stadtgebiet zu sehen, überall schwebten gelbe Luftballons in der Luft. Zu einem Festakt mit Bürgermeister Carmel Shama-Hacohen kamen etliche Besucher. „Ramat Gan feiert diese glücklichen und süßen Momente der Rückkehr der Entführten und insbesondere die Rückkehr von Sasha Trufanov mit etwas Musik im Food Court des Nationalparks“, schrieb der Rathauschef hierzu in den sozialen Medien. „Jede Rückkehr einer entführten Person ist ein aufregender Moment nationaler Freude, ein Seufzer der Erleichterung, ein Ausdruck des Nationalstolzes, ein Zeichen der Hoffnung für die anderen Entführten, ein Tribut an die Tapferkeit der Gefallenen, der Verwundeten und der Kämpfer, ohne die dies nicht möglich gewesen wäre“, so Hacohen weiter.
Festakt im Nationalpark
Welchen Stellenwert die Opfer und Entführten des 7. Oktobers auch unter den Bürgern von Ramat Gan einnehmen, berichtete die 18-jährige Israelin Maya gegenüber unserer Redaktion. Sie war im Juli vergangenen Jahres nach Weinheim gekommen, um ihre Freunde vom Schüleraustausch zu besuchen und auf das Leid der vielen Menschen, die sich nach wie vor in der Geiselnahme der Hamas befinden, aufmerksam zu machen. Dabei betonte sie: „Gehört man nicht zu denjenigen, die um einen ihrer Liebsten trauern oder bangen müssen, so kennt man mindestens jemanden, dessen Angehöriger getötet oder verschleppt wurde.“
In Mayas Fall ist es eine Freundin ihrer Mutter, die gerade erst 20 Jahre alt geworden war. Auch Albrecht Lohrbächer, Vorsitzender des Freundeskreises Weinheim–Ramat Gan, unterstreicht: „Wer Israel und seine Menschen kennt, weiß, dass es unter- und füreinander ein sehr enges Zusammengehörigkeitsgefühl gibt.“ Dieses sei seit dem Überfall der Hamas noch viel stärker geworden. Die Freude in Ramat Gan sei riesig. „Wie könnten wir in Weinheim uns nicht mitfreuen über diesen Lichtblick?“, so Lohrbächer.
Derzeit werden nach israelischen Angaben noch 76 Geiseln im Gazastreifen festgehalten. 36 von ihnen dürften jedoch vermutlich nicht mehr am Leben sein. Insgesamt sollen laut der Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas in einem Zeitraum von sechs Wochen 33 Geiseln gegen 1.904 inhaftierte Palästinenser ausgetauscht werden.