Nach Kostenhammer: Tagesmutter bangt um ihre Existenz
Eine Welle der Entrüstung rollt durch die Erziehungslandschaft des Rhein-Neckar-Kreises. Hintergrund ist eine eklatante Erhöhung der Kostenbeiträge für Tagesmütter und -väter. Mit Video
Eine Entscheidung des Kreistags im Dezember führt zu Jahresbeginn dazu, dass Eltern reihenweise ihre Kinder bei Tagesmüttern und -vätern abmelden wollen. „Mir haben leider alle Eltern gekündigt“, berichtet etwa Elisabeth Paar, die erst im Sommer mit ihrer Dielheimer Kindertagespflege in neue Räume zog. Der Grund ist eine eklatante Erhöhung der Kostenbeiträge für Kindertagespflegen. Eine Petition sorgt indes für Gegenwind.
Erhöhung von 60 Prozent
Ein Brief des Jugendamtes flatterte dieser Tage in den Haushalt der Familie D’Antoni. Ein Schreiben, das Mutter Veronica, wie viele Eltern im Rhein-Neckar-Kreis, „absolut überrumpelt“ hat. Es enthält die neuen Kostenbeiträge, die sie künftig für die Betreuung ihrer Sprösslinge an das Jugendamt zahlen müssen. Der Aufreger: Sie wurden um über 60 Prozent erhöht, rückwirkend zum 1. Januar. Bezahlten Familien mit einem Kind beispielsweise bislang 1,82 Euro je Betreuungsstunde, werden nun 2,87 Euro fällig. Hinzu kommen zusätzliche Gebühren, etwa Essensgeld, die die Tagesmütter üblicherweise erheben und die im Bereich von zwei bis vier Euro liegen. Wird ein Einzelkind beispielsweise 20 Stunden pro Woche betreut, fallen ab sofort wohlwollend gerechnet 382,40 Euro pro Monat an.
„Jetzt sind wir in der Lage, dass wir den Platz wohl kaum noch bezahlen können“, sagt D’Antoni. Dabei ist sie bei der Betreuung ihrer Tochter auf die Flexibilität in der Kindertagespflege angewiesen, erklärt sie im Gespräch mit der Redaktion. Eine Kindertagesstätte sei für sie keine Option. Sie und ihr Mann arbeiteten beide im Schichtdienst. Die meist festen Abgabe- und Abholzeiten in Kitas seien mit ihren Dienstplänen nicht kompatibel. „Wir werden uns also eine andere Lösung suchen müssen, zum Beispiel nur noch entgegengesetzt zu arbeiten und die Kleine in der Familie zu betreuen, bis sie drei Jahre und damit alt genug für den Kindergarten ist.“
Die Frage nach dem Warum
Aber weswegen wurde die drastische Erhöhung überhaupt notwendig? Landratsamts-Sprecherin Silke Hartmann erläutert auf Anfrage zunächst, dass der Kreistag die Kostenbeiträge für die Kindertagespflege letztmals im Dezember 2013 erhöht hat. Zwischenzeitlich, so die Behörde, habe sich ein Defizit für den Kreis ergeben. So beliefen sich die Ausgaben für den Bereich der Kindertagespflege 2023 auf knapp 15,5 Millionen Euro, davon entfielen 14 Millionen Euro auf Leistungen an Tageseltern. Auf der Einnahmenseite standen rund 11,1 Millionen Euro, davon 2,3 Millionen Euro durch Elternbeiträge. Der Rest waren Gelder vom Land. Blieb also ein Minus von über 4 Millionen Euro. Für die Neuberechnung habe sich das Landratsamt an der Empfehlung der Kommunalen Landesverbände und der Kirchen orientiert. Bewusst an den moderateren Vorschlägen für Kindergärten und nicht an den höheren im Bereich der Krippen. Darüber hinaus weist Hartmann darauf hin: „Auf Antrag der Eltern kann der Kostenbeitrag vom Jugendamt ganz oder teilweise erlassen werden, wenn diesen die Belastung nicht zuzumuten ist.“
Kündigung aller Plätze
Wer den berühmten Euro zu viel verdient, kann auf diese Möglichkeit nicht zurückgreifen. Elisabeth Paar, die Tagesmama der D’Antonis, bekommt die Auswirkungen zu spüren und ist verzweifelt. Wie andere Tageseltern aus dem Rhein-Neckar-Kreis berichtet auch sie gegenüber unserer Redaktion, nicht durch das Jugendamt, sondern durch die Eltern von dieser Entwicklung erfahren zu haben. „Nachdem die Meldung am Mittwochabend die Runde machte, haben mir dann leider auch gleich alle Eltern ihren Platz gekündigt, denn diese Kostensteigerung kann oder will sich keiner leisten. Wenn alles so bleibt, dann bin ich ab 1. Februar arbeitslos.“ Und das, obwohl sie erst vergangenen August 10 000 Euro in einen Umzug ihrer Kindertagespflege in neue Räume investiert hat.
Dabei stellt die 40-Jährige klar, dass es Tageseltern nicht um Profit geht. Bei Miete und Nebenkosten, Renten- und Krankenversicherungsbeiträgen, Steuern und Versicherungen sowie Fortbildungen und Materialkosten bleibe bei ihr am Ende des Monats nicht allzu viel übrig: „Unterm Strich bleiben mir bei einer 40-Stunden-Woche weniger als 1500 Euro netto.“ Dass die Elternbeiträge grundsätzlich erhöht werden müssen, verstehe sie ja. Zumal die letzte Erhöhung über zehn Jahre zurückliegt.
Wofür sie hingegen kein Verständnis hat, ist der sprunghafte Anstieg dieser Erhöhung. Diesen Umstand will sie so nicht stehen lassen. Auf der Seite www.change.org hat sie noch am Mittwoch eine Petition gestartet, die bereits zwei Tage später rund 2000 Unterschriften zählt. „Wir Tageseltern fordern, dass die Erhöhung wieder drastisch gesenkt werden muss oder die Entlastung für Eltern auf anderer Ebene stattfindet, sei es durch Zuschüsse oder durch andere Ausgleichszahlungen“, sagt Paar.
Für Weinheim unerlässlich
Viele Kommunen bezuschussen ihre Tageseltern bereits, beispielsweise die Große Kreisstadt Weinheim. Das kommt nicht von ungefähr: Gerade für kleine Kinder sind sie eine unerlässliche Säule in der Betreuung. Im Kindergartenjahr 2023/2024 war mehr als jedes dritte Kind unter drei Jahren mit Anspruch auf einen Betreuungsplatz in Weinheim in der Obhut einer Tagesmutter. „Nur dadurch kann der allgemeine Rechtsanspruch auf einen Platz im U3-Bereich gedeckt werden“, so Kern.
„Gegen Erhöhung vorgehen“
Doch auch durch die Zweiburgenstadt rollt sie, die Welle der Entrüstung. „Es haben sich schon 27 Tageseltern aus Weinheim und Umgebung zusammengeschlossen, um gegen die Erhöhung vorzugehen“, sagt Esther-Maria Loos. Genau wie Elisabeth Paar bangt auch sie um ihre Existenz als Tagesmama: „Ich liebe meinen Beruf und mache das gerne noch 20 Jahre, aber man muss auch davon leben können.“